Hallo Michael,
nachdem Du nun von Schelte bis Zustimmung alles hier erhalten hast, möchte ich eine dritte Sichtweise einbringen. Meine *g*.
So wie Du die Lage schilderst, kann ich davon ausgehen, dass ich eine recht ähnliche Kindheit genoss wie die Mutter, von der Du berichtest. Irgendwo stand „Was Hänschen nicht lernt…“ - Klar, diesen Teufelskreis gibt es und ich bin in solch einen hineingeboren. Wie sollte es auch anders kommen als dass ich ziemlich früh schwanger wurde. (Erste Klischee-Kloppe bitte an dieser Stelle verteilen)
Die ersten Jahre mit meiner Tocher waren wunderbar - das endete als meine Familie mich nicht mehr unterstützte, ich von der Schule flog, kaum noch Freunde hatte. Das war keine schöne Zeit für meine Tochter und ich wurde ihren Bedürfnissen nicht mehr im Geringsten gerecht.
Heute weiß ich, dass ich damals Depressionen hatte. Meine Umwelt wird wohl ähnlich auf mich reagiert haben wie Du es auf diese Mutter tust. Ich war froh, wenn ich meine Kurze irgendwohin „abgeben“ konnte, bekam meine (betriebliche) Ausbildung nicht hin und suchte Ablenkung und Bestätigung auf Feierlichkeiten und bei Männern. (Hier bitte wieder draufhauen)
Wahrlich keine schöne Zeit für meine Tochter und wir haben später - und bis jetzt noch - viel Arbeit, um die Defizite auszugleichen. Nun überlege ich, wie man von außen die Situation für meine Tochter hätte verbessern können…
Gar nicht so einfach, da eigentlich nicht das Kind das Problem war. Jede Hilfe in die Richtung, das Kind mal einen Abend in der Woche zu nehmen, mir eine Ohrfeige zu verpassen oder dergleichen hätte, glaube ich, eine Null-Wirkung gehabt. Das eigentliche Problem lag darin, dass ich einfach kein Teil dieser Gesellschaft war, mich gab es nicht. Niemand hat sich für mich interessiert - für meine Probleme schon gar nicht, aber Draufzeigen und Urteilen, das konnten alle, bei jeder Gelegenheit. Ich habe eine Art Menschenhass entwickelt und eine Mauer aufgebaut. Nein, man hätte mir nichts zur Erziehung meiner Tochter mehr sagen können, das wäre nicht angekommen.
Meine „Partnerwahl“ war dementsprechend. Eigentlich war es egal, was ihn ausmachte, hauptsache er gab mir das gute Gefühl, jemand zu sein, wichtig zu sein, geliebt zu werden. Natürlich „taugen“ solche Freunde genauso wenig wie die Mutter, liegt aber auch ein bißchen an der Kombination.
Geändert hat sich die Situation als ich eine (schulische)Ausbildung begonnen habe - vom Staat finanziert (*duck*) - und ich in einem festen Klassenverband unter einen Haufen anderer Menschen kam, die mich bis dato nicht kannten. Ich kam raus aus meinem Muff, rein in ein neues Umfeld, das nichts von mir erwartete außer still zu sitzen und zu lernen. Ich hatte die Möglichkeit meine Schublade, in der ich steckte, zu verlassen ohne irgendein Risiko einzugehen - ich konnte ja nicht rausgeschmissen werden. Die Leute dort kannten mich noch nicht, sie hatten keine Vorurteile und gingen wie normale Menschen auf mich zu. Das war eine tolle Erfahrung! Ich habe mich in dieser Zeit ausprobiert - wer bin ich? Wie wirke ich auf andere? Was will ich ausdrücken und was drücke ich wirklich aus? Was oder wer will ich sein?
Ich war Vollzeit außer Haus, in dieser Situation wohl auch das Beste für meine Tochter, die morgens zur Schule ging und Nachmittags in einen Hort, ich hatte zwei Stunden Fahrtzeit hin- und zurück, mir blieben am Abend nur noch wenige Stunden das nötigste daheim zu managen. Einkaufen, Wäsche waschen, Post bearbeiten etc. Ich hatte abends also eine „tolle“ Ausrede, keine Zeit zu haben, nach den Hausaufgaben meiner Tochter zu sehen. Verbesserte Situation, aber immernoch nicht befriedigend für ein Kind. Im Laufe der Zeit änderte sich das aber, denn ich merkte, was ich eigentlich alles schaffen kann, dass ich etwas wert bin, ein Jemand bin. Meine Ansprüche an mich und mein Leben wuchsen. So hatte ich selbst z.B. nie gelernt, wie man Ordnung hält - klingt doof, aber es ist schwer, das als Erwachsener zu lernen. In dieser Zeit habe ich es gelernt, weil ich es lernen wollte, weil ich jetzt wusste, dass ich gar nicht so doof und so schlecht bin, wie mir in der Vergangenheit alle sagten.
Naja, so entwickelte es sich eben Schritt für Schritt weiter. Heute habe ich eine fröhliche Tochter, die viel Sport treibt, gesundes Essen liebt und das Gymnasium besucht, ein ordentliches Haus, eine stabile Partnerschaft und bald hoffentlich die Zulassung für die Uni. Niemand hätte das damals für möglich gehalten. Menschen, die mich heute erst kennen lernen, kommen nun bei mir über Mütter lästern, die so sind, wie ich damals war. Das tut weh.
Kann ich Dir jetzt eine Lösung bieten? Nein. Es gibt keine Lösung. Die Lösung ist ein langwieriger, schwieriger Prozess, der lediglich unterstützt und beschleunigt werden kann, bzw. erst einmal angestoßen werden kann, wenn man aufhört mit diesen Vorwürfen, die die Tatsachen zugegebenermaßen richtig sehen, aber die Ursachen ausblenden, die die Tatsachen verändern wollen, ohne die Ursachen zu bekämpfen, die den Finger ausstrecken, aber die Hand bei sich behalten.
Aufbauende, bestätigende Sätze dürften mehr helfen als eine Ohrfeige. Natürlich meine ich nicht ihr Verhalten zu bestätigen, aber ihre Person. Ihre guten Seiten rauskitzeln, ihre Talente, ihr Mut machen. Eben genau nicht sagen, dass sie nichts taugt, sondern sagen, dass sie hierfür oder dafür ganz besonders taugt. Und das ist so individuell, dass man da wirklich keine Ratschläge geben kann.
Mücke