Mutter-Tochter-Problem/länger

Hallo,

ich habe gestern sehr lange mit meiner Schwester telefoniert, die seit letztem Jahr ein größeres Problem mit ihrer fast 20-jährigen Tochter hat. Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr Euch den (subjektiven) Bericht durchlesen und mir Eure Ideen mitteilen könntet, wie die beiden die Probleme lösen können.

Hier die derzeitige Situation:
Meine Nichte hat vor 2 Jahren ihr Abi gemacht und dann direkt im Herbst angefangen mit dem Studium. Direkt am Anfang des 2. Semesters merkte sie, daß ihr das doch nicht ganz liegt, sie wollte was praktischeres machen. Sie hörte damit auf, hatte sich aber noch vor dem Studienende nach einer anderen Ausbildung umgesehen und einen Ausbildungsvertrag mit einer Schule abgeschlossen.
Im Herbst letzten Jahres fing sie dann auch mit der Ausbildung an, schmiß diese aber im Dezember, weil sie lieber Geld verdienen wollte und die Beantragung des Bafögs zu lange dauerte (da gab es Probleme mit dem geschiedenen Vater).

Im Januar hatte sie noch ein paar Ideen, was sie stattdessen machen könnte. Davon ist schon lange nicht mehr die Rede. Sie lebt in den Tag hinein, kommt keinen Verpflichtungen mehr nach (z.B. Meldungen beim Arbeitsamt, um die Zahlung des Kindergelds zu sichern), hinterläßt bei kurzzeitiger Anwesenheit in der gemeinsamen Wohnung ein Chaos in einigen Zimmern, hat vor kurzem die Legosammlung ihres Bruders zu Geld gemacht und gibt Geld, das sie z.B. für das Monatsticket erhält, anderweitig aus. Meine Schwester schließt sich nachts in ihrem Schlafzimmer ein, da sie Angst hat, daß meine Nichte sie bestiehlt.
Hinzu kommt, daß sie in letzter Zeit verbal sehr aggressiv gegenüber meiner Schwester und anderen Personen in ihrem Umfeld ist.

Meine Schwester stößt sofort auf eine Mauer, wenn sie das Gespräch mal auf die Themen Verpflichtungen, Schulden (sie hat einige Beträge aus Verträgen, die meine Nichte eingegangen ist, bezahlt und befürchtet, daß sie das Geld nie wieder sieht) und Zukunftsplanung bringt. Andere Themen sind aber in normaler Atmosphäre diskutierbar.

Auf Grund weiterer anderer Probleme ist meine Schwester mittlerweile mit ihrer Kraft am Ende und steht der Zuspitzung des Konflikts mit meiner Nichte hilflos entgegen. Vor dem Vor-die-Tür-setzen, was auch auf Grund des Alters meiner Nichte nicht so leicht geht, schreckt sie sehr zurück, da sie Angst hat, sie dann ganz zu verlieren.

Meine Nichte war bis zum Beginn des Studiums sehr zielstrebig und z.T. auch mit einer gesunden Portion Sturheit ausgestattet. Nur leider ist von der Zielstrebigkeit nichts übrig geblieben.

Welche Tips hättet Ihr, um diesen Konflikt zu entschärfen oder zu lösen?

Vielen Dank für Eure Hilfe.

Ratlose Grüße
Anka

Hallo,

kenne das Problem, wenn auch in abgemilderter Form. Abi, kein Bock auf Studium oder Ausbildung, will ein Jahr Urlaub machen.(ohne Geld verdienen versteht sich) Chaos im Zimmer, im Bad in der Wohnung. Ich habs folgendermaßen in den Griff bekommen.
Klare Ansage: Kein Geld von mir mehr in welcher Form auch immer, Essen und Wohnen bei uns ist aber okay. Auto und Versicherung abgemeldet, wird bei Bedarf (Ausbildungsstelle) wieder angemeldet.
Hinweis auf Volljährigkeit: Wer nicht arbeitet, hat eben kein Geld für Extra-Klamotten, Disco, Makeup etc. SO IST DAS LEBEN! Auch ich muss für mein Geld arbeiten.
Lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen: 1. Bewerbung für Ausbildungsstelle, 2. Aushilfsjob 3. Aupair im Ausland (Reisen soll ja bilden) 4. Soziales Jahr 5. Studium (mit finanzieller Unterstützung durch uns, falls auch tatsächlich gelernt wird).
RESULTAT:
4 Wochen Krieg in übler Form. (Durchhalten war für mich nicht immer leicht) Danach konnte sie plötzlich Bewerbungen schreiben, und auch zu Vorstellungsgesprächen gehen. Jetzt warten wir noch auf Zusagen!!!
Manchmal wird sogar das Zimmer aufgeräumt (man soll ja nicht zu viel auf einmal erwarten).

Alles Gute und viel Durchhaltevermögen

Kay

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Kay,

vielen Dank für Deine Antwort und Deinen Zuspruch.

Ich werde Deine Anregungen an meine Schwester weiterleiten und hoffe auf eine Besserung der Situation.

Gruß
Anka

Hallo Anka,

ich kenne das Problem in noch schlimmerer Form. Kay hat da schon so einige Dinge angesprochen. Die finde ich auch wichtig.
Trotzdem möchte ich auch noch eine andere Seite ansprechen. Deine Schwester mag ihre Tochter nicht rausschmeissen. Deswegen gehe ich mal davon aus, dass sie eigentlich viel lieber ein anderes Verhältnis mit ihrer Tochter hätte, als den „Kriegszustand“ auszurufen?

Ja okay, sie ist 20. Meine Tochter ist 23 und ich stell immer wieder fest, dass da außen 23 drauf steht :wink:

Und bevor jetzt jemand anfängt zu spekulieren :wink: nein, ich bin nicht eine „nichtloslasswollenmutter“. Eher im Gegenteil. Ich hab überhaupt keinen Bock mehr auf „mom könntest Du mir einen Gefallen tun“ … bei der Einleitung weiss ich schon, dass Erwachsen sein da aufhört, wo der Geldbeutel dann leer ist. Oder da hat jemand schon so lange den Hals in den Sand gesteckt, bis es echt nimmer geht *gg

Also, wenn Deine Schwester den „roten Faden“ nicht verlieren möchte … Patentrezept hab ich auch nicht, ich kann nur sagen, was bei uns recht erfolgreich war.
Wir haben einen Mama-Tochter-Tag festgelegt. Einmal in der Woche. Da sind wir Pizza-Essen gegangen, in eine Kneipe, haben einfach gelabert (d. h. die Reizthemen ausgepart :smile:) Ganz einfach, um das Gespräch wieder in Ganz zu bringen. Ging dann auch und ich musste mich ganz oft kneifen, um die Klappe zu halten.
Ich will nicht behaupten, dass wir damit alle Probleme gelöst haben. Das „dicht machen“ aber schon.
Manchmal habe sich mir die Nackenhaare gekräuselt, manchmal sind mir die Zehen hochgeklappt. Den „erhobenen Zeigefinger“ hab ich stecken lassen.

Liebe Grüße
usch

Hallo Uschi,

vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.

Trotzdem möchte ich auch noch eine andere Seite ansprechen.
Deine Schwester mag ihre Tochter nicht rausschmeissen.
Deswegen gehe ich mal davon aus, dass sie eigentlich viel
lieber ein anderes Verhältnis mit ihrer Tochter hätte, als den
„Kriegszustand“ auszurufen?

Richtig, sie leidet sehr unter dem derzeitigen Verhältnis. Ihr würde es wohl z.Z. schon reichen, wenn meine Nichte die Grundregeln des Zusammenlebens beachten würde. Detaillierte Zukunftsplanung erwartet sie gar nicht.

Ja okay, sie ist 20. Meine Tochter ist 23 und ich stell immer
wieder fest, dass da außen 23 drauf steht :wink:

Das kenne ich irgendwoher :wink:

Und bevor jetzt jemand anfängt zu spekulieren :wink: nein, ich bin
nicht eine „nichtloslasswollenmutter“. Eher im Gegenteil. Ich
hab überhaupt keinen Bock mehr auf „mom könntest Du mir einen
Gefallen tun“ … bei der Einleitung weiss ich schon, dass
Erwachsen sein da aufhört, wo der Geldbeutel dann leer ist.
Oder da hat jemand schon so lange den Hals in den Sand
gesteckt, bis es echt nimmer geht *gg

Meine Schwester ist auf keinen Fall eine Glucke. Würden die Kinder eine Ausbildung/Studium in einer anderen Stadt anfangen, wäre sie zwar logischerweise traurig, aber auch die lezte, die den beiden Steine in den Weg legt, ganz im Gegenteil. Ich glaube, den obigen Satz kennt meine Schwester leider auch zur Genüge. Wenn dann noch freiwillig erledigte Hausarbeit dazukommt, weiß sie, daß heftig Ebbe herrschen muß im Geldbeutel:wink:.

Wir haben einen Mama-Tochter-Tag festgelegt. Einmal in der
Woche. Da sind wir Pizza-Essen gegangen, in eine Kneipe, haben
einfach gelabert (d. h. die Reizthemen ausgepart :smile:) Ganz
einfach, um das Gespräch wieder in Ganz zu bringen. Ging dann
auch und ich musste mich ganz oft kneifen, um die Klappe zu
halten.
Manchmal habe sich mir die Nackenhaare gekräuselt, manchmal
sind mir die Zehen hochgeklappt. Den „erhobenen Zeigefinger“
hab ich stecken lassen.

Das ist eine gute Idee. Ich weiß zwar nicht, inwieweit meine Schwester zur Zeit die Nerven und andere Kapazitäten dafür hat, aber ich werde es ihr auf jeden Fall vorschlagen. In modifizierter Form ist da bestimmt was machbar.

Viele Grüße
Anka

Hi Anka,

vermutlich reden die beiden, wenn sie miteinander reden, aneinander vorbei. Für Deine Schwester ist das Verhalten ihrer Tochter das Problem, also thematisiert sie dies und rennt gegen Wände. Die Tochter hat aber wohl ganz andere Probleme, die ihr Verhalten erst verursachen. Für sie müssen erst die anderen Probleme ausgeräumt sein, damit sich ihr Verhalten ändern kann. Die Nadel im Heuhaufen ist es, rauszufinden, was das für Probleme sind. Vielleicht weiß die Tochter das selbst nicht mal.

Angst vor Entscheidungen z.B. Das würde ihr häufiges Abbrechen erklären. Vielleicht hat sie sich in ihrer Kindheit/Jugend nicht genug selbst austesten, ihre Talente und Vorlieben entdecken können, so dass sie damit erst jetzt anfängt? Dann braucht sie diese Zeit jetzt auch. In diesem Fall würde sich ihr Verhalten sicherlich verändern, wenn man den Erwartungsdruck „entscheide Dich“ senken würde und sich mit ihr um Praktika-Stellen kümmert.

Oder aber auch, dass es ihr auf den Senkel geht, zu Hause zu wohnen, sich aber nicht zutraut, auf eigenen Füßen zu stehen. In dem Fall müsste man mal ganz offen darüber reden, ob sie gerne ausziehen würde, ihr erzählen, was damit auf sie zukommt und inwieweit sie Unterstützung hat.

Da sie irgendwie mehr Geld braucht, als sie hat und, wie Du sagst, agressiver geworden ist, sollte man vielleicht auch mal die Augen und Ohren aufhalten, was sich in ihrem eigenen Privatleben so abspielt. Wenn sich jemand so dreht, wie es hier rüberkommt, können auch wirklich ernsthafte Probleme dahinter stecken. Irgendwelcher Psychodruck vom Freund oder eine Suchtgeschichte (was sich nicht auf Drogen beschränkt, das kann ja auch z.B. Kauf- oder Sexsucht sein).

Es gibt sicherlich noch zig mehr Ansätze, die denkbar sind. Auf jeden Fall kann Deine Schwester nur am Verhältnis zu ihrer Tochter etwas verbessern, wenn sie versteht, welche Gründe dahinter liegen. Also langsam wieder annähern an das Kind, Vertrauen schaffen, den Zeigefinger unten lassen (wie hier schon so schön gesagt wurde). Vom Einkaufen mal das Lieblingseis mitbringen und keine Gegenleitung erwarten. Wie heißt es: „Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann habe ich es am nötigsten.“ Sie soll den Fokus der Gespräche mehr auf ihre Tochter legen und weniger auf ihr Anliegen bzgl. des Hausfriedens.

Kann natürlich auch der falsche Weg sein :smile: wäre aber sicherlich erst einmal die bessere Variante gegenüber harten Sanktionen, da man immernoch Zeit hat, später eine Boshaftigkeit des Kindes zu unterstellen.

Mücke

Hallo Mücke,

vielen Dank für die neue Sichtweise auf die Problematik. Da waren Punkte dabei, an die ich noch gar nicht gedacht hatte.

Ich denke, Du triffst den Nagel auf den Kopf mit „Die Nadel im Heuhaufen ist es, rauszufinden, was das für Probleme sind. Vielleicht weiß die Tochter das selbst nicht mal.“

Ich kann es nur aus der Entfernung abschätzen, meine aber, daß meine Nichte in ihrer Kindheit/Jugend sehr viele Freiheiten hatte. Sie war aber auf der anderen Seite immer die vernünftigere von beiden Kindern, die auch schulisch weniger Probleme hatte. Vielleicht will sie ja jetzt endlich diese Position, die sie vielleicht auch belastet hat, abgeben und legt deshalb das derzeitige Verhalten an den Tag. Das wäre sehr gut möglich.

Das mit dem Auszug war Ende letzten Jahres auch schon einmal ein Thema. Meine Schwester hat sie auch dabei unterstützt, es scheiterte aber an der Mitbewohnerin.

Meine Schwester befürchtet auch eine Suchtproblematik (Kiffen) hinter der Aggressivität, kann aber nichts beweisen. Zudem hat sie zur Zeit nicht die Kraft, diese Baustelle auch noch anzugehen.

Ich denke, es geht meiner Schwester dabei auch weniger um den Hausfrieden, als eigentlich darum, meiner Nichte helfen zu wollen, wobei diese es aber nicht zuläßt (oder zulassen kann). Vielleicht hilft ja das Lieblingseis :wink: dabei, einen Steg über die Gräben legen zu können.

Vielen Dank und liebe Grüße
Anka

Sie war aber auf der anderen Seite immer die
vernünftigere von beiden Kindern, die auch schulisch weniger
Probleme hatte. Vielleicht will sie ja jetzt endlich diese
Position, die sie vielleicht auch belastet hat, abgeben und
legt deshalb das derzeitige Verhalten an den Tag.

Hallo,

ich finde, dass das Posting deiner Vorschreiberin schon recht treffend ist. Ich kenne aus eigener Erfahrung die Situation des Nicht-Problem-Kindes. Man bekommt einfach weniger Aufmerksamkeit. Das andere Kind bekommt immer mehr Zuwendung (nicht unbedingt mit mehr Liebe gemeint, sondern einfach mehr Zeitinvestition). Das andere Kind kommt immer häufiger zur Sprache bei Familiengesprächen.
Vielleicht fehlt ihr einfach auch ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Aber das kann ich nicht wissen, ist nur eine weiterführende Idee der Aussage oben :o)

Liebe Grüße,

Dany

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Hallo Dany,

Danke für Deine Antwort.

ich finde, dass das Posting deiner Vorschreiberin schon recht
treffend ist. Ich kenne aus eigener Erfahrung die Situation
des Nicht-Problem-Kindes. Man bekommt einfach weniger
Aufmerksamkeit. Das andere Kind bekommt immer mehr Zuwendung
(nicht unbedingt mit mehr Liebe gemeint, sondern einfach mehr
Zeitinvestition). Das andere Kind kommt immer häufiger zur
Sprache bei Familiengesprächen.
Vielleicht fehlt ihr einfach auch ein wenig mehr
Aufmerksamkeit. Aber das kann ich nicht wissen, ist nur eine
weiterführende Idee der Aussage oben :o)

Treffer versenkt. Das wurde mir auch klar, als ich die Zeilen der Vorschreiberin gelesen und durchdacht habe. Ich war auch so ein Nicht-Problem-Kind, hatte nur leider nicht den Dickschädel, den meine Nichte hat. Und das meine ich jetzt uneingeschränkt positiv :smile:.

Ich kann leider keine weiteren Details über die Familie meiner Schwester schreiben, um die Anonymität halbwegs zu bewahren. Wenn ich mir aber die derzeitige Situation ansehe, verstehe ich einige Dinge jetzt besser und haben bestimmt auch viel mit dem Nicht-Problem-Kind und fehlender Aufmerksamkeit zu tun.

Viele Grüße
Anka