NAK und Ausstieg

Hallo liebe Mitwisser,

nachdem im Archiv zu diesem Thema leider kaum etwas zu finden ist, stelle ich die Frage einfach selbst.
Vorgeschichte (in versuchter Kurzform :wink:):
Mein Partner ist in einer „NAK-Familie“ aufgewachsen, die auch streng nach den Vorschriften der Kirche „denkt“ und lebt. Nachdem er mich kennenlernte, und mir irgendwann offenbart hat, dass seine Familie neuapostolisch ist, war ich zugegebenermaßen zunächst einmal etwas schockiert. Insbesondere darüber, dass zu dem Zeitpunkt bei ihm noch gar kein kritisches Denken bezügl. der NAK und ihrer Endzeittheorien eingesetzt hatte. Für mich war dies Anlaß mich intensiv mit der NAK, ihren Methoden, Lehrinhalten, Glauben usw. auseinanderzusetzen. Er dachte zu diesem Zeitpunkt noch, es handle sich um eine „normale“ Kirche, die der evang. in etwa gleichkommt…
Nun kurzum: Nachdem er seit seinem ca. 4 Jahren eh keinen Gottesdienst mehr besucht hat, ist er aus der NAK ausgetreten und macht jetzt eine Psychotherapie um seine Kindheit etc. aufarbeiten zu können. Der Kontakt zu seiner Mutter (sein Vater ist gerade verstorben) tangiert seitdem gen Null. Nun frage ich mich, WIE kann ein Mensch damit klarkommen, so dogmatisch aufgewachsen zu sein, dieses auch nie in Frage gestellt zu haben und nun - letzlich auf meine Initiative hin - alles in Frage zu stellen bzw. abzulehnen? Kann das wirklich nach so langer „Erziehung“ Ekenntnis sein oder muss ich befürchten, dass die Angst mich und sein Kind zu verlieren hier im Vordergrund steht? Kann man so einfach aufhören zu glauben???
Wäre schön, mal Meinungen hierzu zu hören…

Danke,
Ironlady

Hallo!
Mmh, ich glaube nicht, dass man von nun auf jetzt seinem Glauben abschwören kann. Zumindest kenne ich keine ehemaligen Mitglieder einer religiösen Einrichtung, die sich im Nachhinein ganz von ihrem Glauben abgewandt haben. Sie haben höchstens der Institution ansich den Rücken zugewandt, aber die Glaubensinhalte behalten, bzw. in abgeschwächter Form.
Um wirklich vom Glauben abzufallen, müßte wohl schon ein sehr nachhaltiges Ereignis eintreten, dass einen zweifeln läßt.
Allerdings kenne ich auch jemanden, der gläubig erzogen wurde, in seiner Jugend die Religion als Unsinn abtat und mit 40 Jahren wieder zum Glauben fand. Das Kuriose dabei ist aber, dass er zwar einerseits voll hinter der Glaubensgeschichte seiner Religion steht, aber andererseits z.B. die „Entstehung der Menschheit“(so, wie es in seiner Kirche gelehrt wird) als lächerlichen Quatsch abwinkt.
Das ist eben auch so eine Form von abgeschwächtem Glauben, würde ich sagen.Ich weiß auch nicht, wie man das sonst umschreiben könnte.
Thomas

Hallo,

Nun
frage ich mich, WIE kann ein Mensch damit klarkommen, so
dogmatisch aufgewachsen zu sein, dieses auch nie in Frage
gestellt zu haben und nun - letzlich auf meine Initiative hin

  • alles in Frage zu stellen bzw. abzulehnen? Kann das wirklich
    nach so langer „Erziehung“ Ekenntnis sein oder muss ich
    befürchten, dass die Angst mich und sein Kind zu verlieren
    hier im Vordergrund steht? Kann man so einfach aufhören zu
    glauben???

Glauben und Überzeugungen sind etwas statisches und ändern sich nicht so leicht. Aber es gibt mindestens drei Faktoren, die zu einer Änderung des Glaubens führen.

1.) Die Umgebung
2.) Persönlische Schicksalsschläge
3.) Erkenntnis

Wenn du einen Menschen in eine andere Kultur steckst oder in einen Familienverband mit bestimmten Wertvorstellungen, kommt es häufig zu Anpassungen in den eigenen Überzeugungen und Wertvorstellungen. Wennn dein Mann etwas fester und du etwas schwächer überzeugt gewesen wären, hätte es sein können, dass du zum Glauben der NAK gefunden hättest.

Persönliche Schicksalschläge oder tief bewegende Ereignisse, z.b. der Tod eines geliebten Menschens, können bewirken, dass sich ein rein weltlich eingestellter Mensch dem Glauben zuwendet.
Wenn jemand begreift, wie sinnlos das Streben nach Geld, Ruhm und Macht letztendlich ist, sucht er nach Alternativen.

Die Änderung von Wertvorstellungen, aufgrund von Erkenntnis dürfte seltener vorkommen. Jemand liest etwas oder hört eine „neue“ Idee, wird neugierig darauf und befasst sich damit.

Es stellt sich die Frage, wie tief und fundiert der Glaube deines Mannes war. Wenn er seine Religionszugehörigkeit von seinen Eltern ererbt hat, kann es sein, dass sein Glauben auch nicht intensiver war, als der eines durchschnittlichen Katholiken oder Protestanten .

Gruß
Carlos

Hallo,

ich habe ein wenig Erfahrung mit „Aussteiger-Biographien“.
Wie Du es schilderst, wird zu den erschwerensten Faktoren für Deinen Mann die Trennung von seiner „Urspungsfamilie“ gehören. Meiner Erfahrung nach ist das belastender und schwieriger zu verarbeiten als die Trennung von Glaubenswahrheiten.
Zudem kommt aber hinzu, daß viele ihre gesamte Jugend und Kindheit meinen negativ sehen zu müssen und daher in eine echte Identitätskrise geraten.
Daher habe ich festgestellt, daß es wichtig ist, auch zu fragen, was einen positiv beeinflußt hat, was ist einem wichtig, was gehört zur eigenen Persönlichkeit, was will man nicht missen. Als Partner kannst Du da sicherlich helfen, indem Du fragst, was Du am Charakter Deines Mannes schätzt, was vielleicht aus seiner Erziehung resultiert.
Andererseits ist eine kritische Auseinandersetzung zu fördern. Z.B. könnte man sich NAK-Interpretationen bestimmter Bibelstellen ansehen und sie mit anderen Interpretationen vergleichen. Das häufige Gefühl des Autonomieverlustes kann so kreativ und vor allem aktiv umgesetzt werden. In leider nur einem Fall habe ich feststellen können, daß auf diese Weise wieder Kommunikation mit der Urspungsfamilie möglich war.
Ansonsten kann ich Selbsthilfegruppen empfehlen, vor allem, wenn dort nicht „Abtrünnige“ einer einzigen Glaubensrichtung sind, sondern verschiedener.

Grüße,
Taju

Vielen Dank,
das war sehr hilfreich. Ja, die Abtrennung von seiner Mutter ist ein harter Gang, ich bemühe mich halt ihn zu Unterstützen, wo es nur geht.
Leider lässt sie eine direkte Auseinandersetzung mit ihm nicht zu, da über solche Themen nicht „geredet“ wird. Das macht es für ihn so schwer, da er sich nichts mehr wünscht, als von seiner Mutter verstanden o. zumindest akzeptiert zu werden. In Streitsituationen zwischen uns kommt dann noch erschwerend hinzu, dass sich die ganze Situation um 180 Grad dreht und plötzlich ich an allem schuld bin, denn ohne mich wäre er ja nie „darauf“ gekommen, dass etwas nicht stimmt… Aber das gehört dann wohl dazu.

Nochmals danke,
Ironlady

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]