Leider nicht so einfach… 
Hi Kate,
eine etwas schwierige und auch umstrittene Sache, die Du da ansprichst. Auch nach hundertfünfzig Jahren europäischer sinoligischer Forschung gibt es leider noch immer keine allgemeingültige ‚Regel‘, was die ‚Übersetzung‘ westlicher Namen ins Chinesische anbelangt.
Dies liegt vor allem daran, da sich deutsche (und auch andere nichtchinesische) Silben nur schwer mit chinesischen Schriftzeichen wirklichkeitsnah darstellen lassen, und umgekehrt. Prinzipiell kann man aber sagen, daß es zwei Möglichkeiten gibt:
- Eigennamen jeglicher Art, die seit (Ur-)Zeiten verwendet werden und auch in China bekannt waren bzw. sind (z.B. Mittelmeer, Europa, Frankreich, Deutschland, Russland, aber auch Marco Polo oder Ludwig XIV.), stehen fest und sind über die Jahrhunderte übernommen worden. Dabei handelt es sich oft um kompromißbehaftete, phonetische Übertragungen. Eine sinnvolle Übersetzung kann, muß jedoch nicht immer gegeben sein: Frankreich - Land des Rechts; Deutschland - Reich der Tugend; Bremen - Stadt am Fluß; Russland - keine sinnvolle Übersetzung, eben eine phonetische Übertragung;
Man versuchte und versucht also, den (für Chinesen) fremden Klang der Silben und Laute mit chinesischen Silben bzw. Schriftzeichen darzustellen. Oft mit dem Ziel, dem Ergebnis auch bezüglich einer Übersetzung einen entpsrechenden Sinn zu geben. Dies gelingt und gelang nicht immer, begründet durch die Struktur der chinesischen Sprache. Gute Beispiele sind etwa Coca Cola - Viel Spaß mit gutem Geschmack, oder auch Mercedes Benz - schnelles Fahren;
Da (anders als im Westen) neue Begriffe (z.B. Internet, E-Mail, UMTS, SMS, Michael Schumacher, Angela Merkel) in China (meist) nicht einfach übernommen werden können, weil den Chinesen lateinische Buchstaben ebenso fremd sind, wie uns deren Schriftzeichen, ist die Namensfindung in China ein stetiger Prozeß. Jedes Jahr kommen also neue chinesische Begriffe hinzu, dagegen wir auch englische Begriffe einfach übernehmen können.
Mit Namen von westlichen Politikern und bekannten Personen verhält es sich analog:
Präsident Bush - Bu Shi Zong Tong (布什总统)
Präsident Putin - Pu Jing Zong Tong (普京总统)
Bill Gates - Bi Er Ga Ci (比尔盖茨)
Abgesehen davon, daß in den beiden oberen Beispielen Zong Tong mit Präsident übersetzt werden kann, haben alle anderen Schriftzeichen hier keinen anderen Sinn, als einen phonetischen.
Aus „Andreas“ wir so An De Li YA SI, aus „Peter“ wird Bi DE.
Die (oftmals) ausschließlich phonetische Übertragung ist also die eine Möglichkeit. Wenn diese mit einer sinnvollen Übersetzung einhergeht (bzw. einhergehen kann), um so besser. Doch dies ist nur selten der Fall.
Nachteile: Die Möglichkeit einer sinnvollen Übersetzung ist oft nicht möglich. Die meisten westlichen Silben lassen sich kaum wirklich mit chinesischen Schriftzeichen darstellen. (Beispiel Andreas: Es gibt kein chin. Schriftzeichen für die Silbe ‚dre‘ in Andreas.)
- Insbesondere chinesische Personennamen bestehen zumeist aus zwei, oft drei, ausgesprochen selten aus vier Schriftzeichen. Niemals jedoch aus fünf, sechs oder gar noch mehr Zeichen. Daher erscheinen Chinesen westliche Namen, die (nach dem ersten Beispiel) rein phonetisch übertragen wurden, eben immer auch sehr fremd, sehr exotisch, und keinesfalls asiatisch. Der Name ‚Michael Jackson‘ - Mi Ke Er Jie Ke Xun (麦克尔杰克逊) signalisiert Chinesen (neben dem Wissen, wer gemeint ist) schon bezüglich der Silben, der ist nicht von hier, der ist keiner von uns, das ist ein Ausländer, der ist uns fremd, der kann unsere Kultur nicht wirklich kennen und verstehen.
Ebenso wie Chinesen, die sich längere Zeit im Ausland aufhalten, im Alltags- und Geschäftsleben kaum ihren tatsächlichen Namen (also auch geschrieben in chinesischen Schriftzeichen) verwenden können (Formulare ausfüllen, Konto eröffnen, Bibliotheksausweis beantragen usw.), machen es (professionelle und sprachkundige) „Langnasen“, also westliche Ausländer in China, die sich dort z.B. beruflich längere Zeit aufhalten. Chinesen schreiben ihre Namen außerhalb Chinas also mit lateinischen Buchstaben, nämlich in „Pinyin“. Mehr oder weniger können wir das aussprechen und lesen.
Für westliche Ausländer in China gilt dies analog, wenngleich es etwas schwieriger ist, da eben viele westliche Silben für Chinesen unausprechbar und auch nicht darstellbar sind. Man versucht, z.B. mit Hilfe eines sprachkundigen Chinesen, einen Namen zu finden, der zu einem passt. Es sollte bei Frauen also unbedingt ein Name sein, der weiblich ist. Es sollte außerdem ein Name sein, der auch hinsichtlich Geburt, Charakter, Erscheinung und (chinesischer) Kultur zu einem passt. Chinesische Eltern geben sich ausgesprochen Mühe, bei der Namensfindung ihrer Kinder. Sehr Vieles muß dabei bedacht werden, es ist eine eigene ‚Wissenschaft‘ für sich.
Hat man als Ausländer in China (mit Hilfe eines Sprachkundigen, sonst kann man viel falsch machen!) aber einmal einen passenden ‚guten‘ Namen gefunden, kann man diesen dort getrost führen, etwa auf Visitenkarten vermerken, diesen bei Ämtern und Behörden als zweiten, eben chinesische Namen, mit eintragen usw. Ausländer in China, mit einem „richtigen“ chinesischen Namen, finden schneller Zugang zur chinesischen Kultur und Geschäftswelt, sie erregen Aufmerksamkeit und Interesse, finden schneller Freunde und Bekannte.
Chinesen erkennen sofort mit Bewunderung und Hochachtung, wenn sich ein westlicher Ausländer (eine Langnase) ernsthaft Gedanken über seinen auf Chinesisch geschriebenen Namen gemacht hat und diesen vielleicht sogar schreiben kann, anstatt einfach eine rein phonetische Silbenübertragung zu benutzen, die Chinesen immer ausgesprochen fremdartig vorkommen wird, auch wenn der Name mit noch so vielen chinesischen Schriftzeichen geschrieben wird.
Dein Beispiel mit Helmut Martin ist treffend. Er ist ein weltweit anerkannter Sinologe und Autor und hat natürlich einen ‚guten‘ chinesischen Namen, und nicht nur eine (schlechte) phonetische Silbenübertragung.
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Mein Name in China ist übrigens 李斯 (Li Si). Ich „bekam“ ihn schon vor Jahren von meinem Chinesisch-Professor. Der Name passt zu mir (hoffe ich
, da sich beide Silben auch in meinem ‚echten‘ Namen wiederfinden. Außerdem ist der Name ausgesprochen männlich, signalisiert (für Chinesen) Weisheit, Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und andere Tugenden.
Und schließlich: Auch der Kanzler (Li Si, 280 bis 208 v. Chr.) des ersten chinesischen Kaisers hieß ebenso. Jedes Kind in China kennt ihn. Er vereinheitlichte Maße, Gewichte und Normen, reformierte das Verwaltungsystem des Staates und führte das Papiergeld ein, um nur Einiges zu nennen. Er starb zwar hingerichtet und zuvor kastriert, was jedoch seiner Berühmtheit in China keinesfalls schmälert. 
Gruß, Andreas