Napoleon und die Kirche

Hallo an alle!

Wie würdet ihr das Verhältnis Napoleons zur Kirche beschreiben?

Bei einer Stadtführung begründete unser Guide die Säkularisation mit der Gegnerschaft Napoleons zur Kirche. Davon ist mir in diesem Sinne nichts bekannt.
Ich bin davon ausgegangen, dass er die Fürsten mit kirchlichen Gütern entschädigte, weil es sich in diesem Moment einfach anbot und weil es ein Weg des geringen Widerstands war.

Weiß jemand mehr? Napoleon war sicher kein Freund der Kirche, aber kann man ihn als ausgewiesenen Kirchengegner bezeichnen?

Fragende Grüße von
Katrin

Hi,

ich hab mich in meiner Magisterarbeit am Rande mit dem Thema befasst, weiß aber nicht, ob ich es noch richtig zusammen bekomme. Die Trennung von weltlicher und kirchlicher Macht, also de facto die Auflösung kirchlicher Territorialherrschaften, die Aufhebung von Klöstern und das Abschaffen kirchlicher Rechtssprechung über Laien usw., war ein wichtiges Element der französischen Revolution. Im Sommer 1790 wurde das glaube ich verfassungstechnisch festgeschrieben. 1801 schloss Napoleon ein Konkordat mit dem Vatikan, der dies mit den veränderungen unter Napoleon erneut absicherte.

Die Säkularisation in Deutschland fand teilweise sogar noch vor dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 statt und war mit ihm vollendet. Einerseits war dafür sicher das Vorbild Frankreichs wichtig, an dem sich nach dem Willen Napoleons auch die neue Struktur Deutschlands ausrichten sollte. Andererseits bot sich mit der Säkularisation für Napoleon eine Möglichkeit, die linksrheinisch enteigneten Fürsten aus Kirchengütern zu entschädigen und so Konflikte zu entschärfen. Gleichzeitig war natürlich sowohl den deutschen Mittelstaaten als auch den großen Reichen Preußen und Österreich klar, dass die Säkularisation ein höchst einträglicher Vorgang war.

Gruß

Volker

Hallo Katrin,
das Konkordat von 1801 ist bezeichnend für das Verhältnis Napoleons zur Kirche. Die Verhandlungen begannen am 06.11.1800 in Paris und gerieten zu einem achtmonatigen heftigen Feilschen. Am 16.07.1801 wurde das Konkordat unterzeichnet; von Napoleon im September und von Pius VII. im Dezember ratifiziert. Bei der Ratifizierung behielt sich Napoleon ausdrücklich vor, ggf. „Korrekturen zur Vermeidung ernsthafter Schwierigkeiten, die sich aus der buchstäblichen Auslegung des Konkordats ergeben könnten, anzubringen“. Das Konkordat regelte für ca. ein Jahrhundert die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem französischen Staat.

Dass es zum Abschluss kam lag natürlich daran, dass beide Seiten davon zu profitieren hofften. Die Katholiken waren nach wie vor ernstzunehmende innenpolitische Gegner, insbesondere in der Vendee und in der Bretagne (die Chouans) gab es offenen Widerstand. Von den 8000 aktiven Priestern Frankreichs waren lediglich ca. 2000 ‚constitutionnels‘, d.h. sie hatten einen Eid auf die Verfassung von 1791 abgelegt (auf Grund deren der Kirchenbesitz konfisziert worden war). Des weiteren sollte das Verhältnis zu den katholischen Staaten Österreich und Spanien (aber auch Belgien und Bayern sowie zu Italien) entspannt werden. Den Unterstützern Ludwigs XVIII. und einer bourbonischen Restauration würde eines ihrer Hauptargumente genommen.

Der Papst wiederum war daran interessiert, die Position Roms in Frankreich wieder zu festigen - so sollte auch die Möglichkeit geschaffen werden, etliche Bischöfe, die sich der Autorität des Papstes entzogen hatten, abzusetzen. Noch wichtiger war wohl, die neapolitanischen Truppen, die Rom besetzt hielten, wieder loszuwerden - das ging nur mit französischer Hilfe. Und - Napoleon lockte mit der Rückgabe der ‚Legationen‘ (von päpstlichen Legaten regierte Territorien) Ferrara, Bologna und Ravenna, die 1797 an Frankreich abgetreten werden mussten.

Im Konkordat wurde der Katholizismus als Religion der Bevölkerungsmehrheit anerkannt, jedoch nicht als Staatsreligion. Die Freiheit des Gottesdienstes auch für Protestanten und Juden blieb damit unangetastet. Die Kirche verzichtete offiziell auf die konfiszierten Güter und der Staat verpflichtete sich im Gegenzug zur Finanzierung der Gehälter der Kleriker. Die Regierung hatte das Recht, Bischöfe zu ernennen (das war schon unter Ludwig XIV. so gewesen), sie mussten allerdings durch den Papst bestätigt werden. Die orthodoxen Bischöfe wurden wieder eingesetzt und die ‚constitutionnels‘ unter den Bischöfen mussten ihre Ämter niederlegen und wurden so für ihre Loyalität gegenüber dem neuen Regime belohnt. Auch nicht unwichtig (und lange umstritten) - die Kirche durfte wieder private Vermächtnisse annehmen; seit jeher eine der wichtigsten Quellen kirchlichen Reichtums.

Napoleon machte - um die Kritik am Konkordat zu entschärfen - von seinem Vorbehalt Gebrauch, indem er das Konkordat einseitig noch durch die 121 ‚articles organiques‘ ergänzte. Danach durfte ohne staatliche Genehmigung kein päpstlicher Legat französischen Boden betreten und alle päpstlichen Bullen und Breves sowie Dekrete eines allgemeinen Konzils oder einer nationalen Synode bedurften für ihre Wirksamkeit in Frankreich staatlicher Genehmigung. Außerdem wurde die Ziviltrauung zur Voraussetzung einer kirchlichen Trauung erklärt. Die ‚articles organiques‘ traten am 18.04.1802 in Kraft. Zu dieser Zeit machte ein Bonmot die Runde:
„Um König von Ägypten zu werden, glaubt er an den Koran, um König von
Frankreich zu werden, glaubt er an das Evangelium.“

Aber das sollte noch bis zum 02.12.1804 dauern. Pius VII. war höchstpersönlich nach Paris gereist, um der Kaiserkrönung Napoleons die höheren Weihen zu geben und das peinliche Legitimationsdefizit des Korsen wenigstens etwas zu bemänteln. Die Krone setzte sich Napoleon allerdings selbst aufs Haupt - er ließ sie sich nicht einmal vom Papst überreichen, sondern von General Kellermann. Dafür entschädigte etwas der Krönungseid:
„Ich schwöre, das Gebiet der Republik in seiner Unversehrtheit zu erhalten; die Bestimmungen des Konkordats und die Freiheit des Gottesdienstes zu respektieren und zu stärken, die Gleichheit vor dem Gesetz, die politische und zivile Freiheit …“ usw. Man beachte die Reihenfolge! Kein Zweifel - das Pendel schlug wieder zurück …

Empfohlene Literatur: Ariel Durant, Kulturgeschichte der Menschheit Bd. 17 - Die französische Revolution und der Aufstieg Napoleons. Ullstein 1982

Hallo Katrin,

dem Artikel von Ralf Boeck ist in der Tat nicht viel hinzuzufügen.

Allenfalls ein Hinweis auf Schlüsselpositionen zu aktuellen Quellen und Informanten, und noch ein paar verzierende Worte:

In meinem Heimatdorf Schussenried, wo von Napoleons Gnaden der linksrheinische Graf von Manderscheidt Herr über eine von ihm wenig geliebte, da agrarische und erst später vom frischgebackenen Königreich Württemberg mehr oder weniger erfolgreich (in Gestalt eines Irrenhauses und einer Eisenhütte) systematisch genutzte Reichsabtei wurde, ward im vergangenen Jahr eine sehr ordentlich recherchierte Landesausstellung zum Thema Napoleonische Säkularisation abgehalten. Ein paar Mosaiksteine dazu findest Du bei:

http://www.swr.de/schaetze-des-landes/archiv/2003/05…

Im Augenblick funktioniert es noch, dass Du, wenn Du bei den dort zu findenden Adressen „Johannes May“ sagst, ziemlich weit durchgestellt wirst (der Kloster-Schussenried-Spezialist JM ist im Februar 2003 gestorben).

Den entscheidenden Punkt hat Ralf Boeck schon genannt: Napoleon Bonaparte hatte in einer Person und zu gleicher Zeit den Wunsch, aus Motiven der Propaganda Kaiser (wenigstens unter Anwesenheit des Papstes gekrönt) zu werden, gleichzeitig eine Art Erbe und Vollzieher der Revolution zu sein, und eben auch Restaurator nach der Revolution. In ziemlich perfekter Weise es diesseits des Kanals mit niemandem richtig verderbend, war sein Job, mit der weltlichen Kirchenherrschaft im Flickenteppich vor allem von Vorderösterreich und Österreich aufzuräumen - dass er dabei gleichzeitig Grundherren aus dem bis zum Rhein arrondierten Neu-Frankreich befriedigen konnte, mag ihm sehr zustatten gekommen sein, weil er es sich außerhalb von „seinem“ Frankreich mit den kleinen und mittleren Feudalherren keineswegs verderben wollte - und eben gleichzeitig der transmontanen katholischen Kirche viel mehr zu garantieren, als seine revolutionären Vorgänger wollten: Nämlich immerhin überhaupt eine Art Autonomie, die sie gewohnt waren und auch nicht aufgeben wollten, vgl. die Frage im revolutionären Frankreich, ob ein Priester auf die Nationalverfassung vereidigt werden dürfe oder nicht.

Napoleon Bonaparte also ein Kirchenfresser nur und ausschließlich dort, wo weltliche Kirchenherrschaften seinem Konzept von einem in Flächenstaaten arrondierten Europa widersprachen. Gleichzeitig ein Kirchenfreund, wo es darum ging, Kirche und Religion als stabilisierenden Faktor in seine „Neue Weltordnung“ einzubeziehen.

Schöne Grüße

MM

Hallo an alle!

Vielen Dank für Eure aufschlussreichen Antworten. Klasse!

Dankende Grüße
von Katrin