Nathan der Weise

Hallo Leute,

es ist mir offenkundig peinlich, dass ich das hier nachfragen muss.
wegen der geringen Zeitspanne, die ich zur Verfügung habe, geht es aber leider nicht anders.
Nun gut, ich habe diverse Fragen zum Drama „Nathan der Weise“ bekommen und schon scheiter ich an der ersten und wahrscheinlich einfachsten Frage - ich komme aber nicht drauf!

Es geht um Nathans Zugehörigkeit zu einer Religion (Judentum), obwohl seiner Auffassung nach alle Religionen gleichwertig sind.
Die Frage ist aber nun, wie begründet er seine Zugehörigkeit zum Judentum? Wieso ist er nicht Christ oder Moslem wenn es ihm nur um die Toleranz und Tugend geht.
Wenn ich mir die restlichen Fragen anschaue, sind sie extrem einfach, aber wieso scheitere ich an der Ersten?
Liegt wahrscheinlich daran, dass ich das Stück vor 2 Jahren das letzte mal in den Händen hielt.
Trotzdem bitte ich möglichst schnell um eine Antwort.

Gruß
Vegas

Hallo Vegas,

„Was für ein Glaube, was für ein Gesetz / hat dir am meisten eingeleuchtet?“
So fragt der Sultan den Juden Nathan (III,5)

Er will wissen, warum Nathan denn nun Jude sei, und sich nicht für eine andere Religion entschieden hat.

Nathan spricht, an die Ringparabel anschließend, folgende Sätze:

„Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! - Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? -“ (III,7)

Den Richter, der darüber entscheiden soll, wessen Ring nun der echte sei, lässt Nathan folgende Worte sprechen:

„Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. - Möglich; daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden willen! - Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. - Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der
Bescheidne Richter.“ (III,7)

Nathan argumentiert also in der Weise, dass jeder seinen Vätern glauben soll, und ihre Überlieferung, ihre Tradition, als Wahrheit annehmen soll und auch darf, da eben der „echte Ring“ nicht zu erkennen sei, der „Vater“ (Gott) sie aber „alle drei geliebt, und gleich / Geliebt“ hat.

In diesem Sinne darf auch Nathan „seinen Ring [als] den / Echten“ verstehen und seinem Volk, dem Judentum, aus dessen Blut er ist (s. o.) treu bleiben.

Ich hoffe, ich konnte weiterhelfen

Mit freundlichem Gruß

Nathan (der nicht ganz so Weise)

Wieso ist er nicht Christ oder Moslem …

Hallo Vegas,
Jude ist ja nicht nur ein Glaube, den man entweder annehmen oder ablegen kann, sondern zuförderst eine Stammeszugehörigkeit. Und das ist ja etwas, was man nicht ohne weiteres ablegen kann.
Zum anderen ist es natürlich dramatischen Gründen geschuldet, dass Lessing diese Rolle gerade einem Juden, einem Angehörigen einer verachteten und ausgegrenzten Bevölkerungsgruppe, überträgt.

Gruß
Eckard

Oh mein Gott, wie konnte ich das nur vergessen!!!
Kurz und simpel: Er ist einfach da rein geboren :stuck_out_tongue:

Nein also das hat mir wirklich sehr geholfen, ich danke dir vielmals!

Hallo Vegas,

Es geht um Nathans Zugehörigkeit zu einer Religion (Judentum),
obwohl seiner Auffassung nach alle Religionen gleichwertig
sind.
Die Frage ist aber nun, wie begründet er seine Zugehörigkeit
zum Judentum? Wieso ist er nicht Christ oder Moslem wenn es
ihm nur um die Toleranz und Tugend geht.

Wieso sollte er seine Zugehörigkeit zu seiner eigenen Religion begründen müssen?

Oberflächlich könnte man nun sagen, Nathan ist eben „rein zufällig“ Jude und wenn er daher Toleranz zeigt, dann logischerweise gegenüber Christen und Moslems, weil die eben von seiner Perspektive aus „die anderen“ sind.

Liegt wahrscheinlich daran, dass ich das Stück vor 2 Jahren
das letzte mal in den Händen hielt.

Dann nimm’s doch noch mal in die Hand :wink:

Wenn man nun nicht ganz so oberflächlich sein möchte, kann man sich ansehen, wann das Stück „Nathan der Weise“ geschrieben worden ist und von wem. Lessing kam durch seine Freundschaft mit Moses Mendelssohn in Kontakt mit der Idee der jüdischen Aufklärung, der Haskala (bzw. Haskalah). Im Wiki-Artikel über Lessing ist das unter „Weiterer Bildungsweg“ kurz erwähnt. Auch den Artikel über Mendelssohn würde ich mir mal durchlesen. Über die Haskalah an sich habe ich hier etwas gefunden: http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Judaism/…

Die Idee, dass Juden die gleichen Rechte haben wie alle anderen, ist uns heute selbstverständlich. Damals war das neu. Es gab in der Zeit vor der Aufklärung ein eigenes Judenrecht.

Mit anderen Worten: Ich denke, da geht es um mehr als „nur“ um religiöse Toleranz.

Schöne Grüße

Petra