Hallo Lutzie,
Wie du an den vielen Antworten gemerkt hast, ist die Antwort nicht völlig eindeutig und es ist oft beides möglich. Dass Mädchen neutrum ist, liegt am Diminutiv (-chen), das ist auch klar. Oft siegt in solchen Fällen im Sprachgebraucht Sexus über Genus, und auch wenn es streng genommen von der hochdeutschen Grammatik verboten ist, so wird es oft benutzt.
Nagut, soweit klar…
Ein ähnliches Wort ist allerdings Fräulein, auch wenn man das irgendwie heute nicht mehr benutzen soll, aus political correctness oder so.
Während aber
Gib dem Mädchen mal seinen Eimer zurück!
noch ziemlich normal klingt (ich würde hier aber ihren bevorzugen), klingt
Schicken Sie dem Fräulein Schmidt bitte mal seinen Vertrag zurück!
doch wirklich seltsam. So redet man nicht, auch wenn man das Wort Fräulein noch benutzt.
Man kann das weiterspinnen, längere Texte, die auf Mädchen immer wieder mit dem Neutrum referieren, klingen irgendwann sehr nach Märchen.
Längere Texte oder Gespräche, in denen man auf Fräulein Schmidt mit es, ihm und sein referiert, sind viel auffälliger und klingen nicht nur falsch, sondern sogar chauvinistisch…
Das Fräulein Schmidt hat angerufen, es möchte seinen Vertrag gerne zurückgeschickt bekommen, damit es ihn zu seiner Bausparkasse faxen kann. Sie wissen doch, es wollte sich ein Haus in Berlin kaufen, hatte es doch neulich gesagt. Ich geb dir seine Anschrift mal…
Komisch, ne?
Hier überwiegt in der normalen Sprache eindeutig der Sexus. Auch wenn ich Schmidt rausnehme und vllt. mit dieses Fräulein anfange, klingt der Text komisch.
Wie steht’s mit Mädchen?
Das Mädchen bekam seinen Eimer zurück und auch seine Schaufel. Dann baute es sich eine Sandburg und sprach in seiner kindlichen Stimme, dass es später mal auch in einer Burg leben wolle. Ja, es hat seinen Eltern schon oft erzählt, dass es später mal eine Prinzessin werden wolle, kann man ihm aber auch nicht vergönnen…
Klingt auch komisch, aber irgendwie noch akzeptabel. Ersetzt man die Pronomen durch ihre femininen Gegenstücke, wirkt der Text völlig normal — auch im ersten Satz hätte ich absolut kein Problem mit ihren Eimer und ihre Schaufel.
Sprechen wir aber nicht von einem kleinen Mädchen, dass im Sandkasten spielt, sondern von einem älteren Mädchen von, sagen wir, 17 Jahren (oder ruhig auch 20), wird neutrale Kongruenz immer seltsamer und seltener:
Ich hab da neulich so ein Mädchen in der Bibliothek kennengelernt, das total hübsch war. Es hat mich gefragt, ob ich ihm ein Buch aus 'nem hohen Regal reichen könnte und ich hab es gefragt, was es studiert, da meinte es, Linguistik. Ich habe dann festgestellt, dass ich in seinem Syntax-Seminar sitze…
Klingt lustig, was? Im 1. Satz mag’s noch gehen, danach käme sich das Mädchen sicher ziemlich veralbert vor.
Komisch klingt allerdings immer, wenn man sofort einen Relativsatz mit dem Sexus-Pronomen einleitet:
*das Mädchen, die da steht
*das Fräulein, die da sitzt
…beides eindeutig ungrammatisch, oder?
Wie sieht’s hier aus:
?das Mädchen, mit der ich gesprochen habe
?das Fräulein, mit der ich telefonieren wollte
Für mich klingen diese nicht gut, ich würd sie so nicht sagen. Aber nicht mehr komplett und ohne Zweifel absolut falsch.
Vielleicht ist’s deskriptiv so, dass mit größerer Distanz zum Bezugswort Mädchen/Fräulein die Bindung zum Genus stärker ist, und man mit größerer Distanz eher zum Sexus tendiert. Diese Distanz zwischen Pronomen und ihren Bezugswörtern nennt man anaphorische Distanz und ich denke mir, die „Schwellendistanz“ für den Wechsel Sexus/Genus ist von Sprecher zu Sprecher unterschiedlich.
Ich denke mir auch, dass unterschiedliche Satzbaus (Satzbäue?) das noch beeinflussen.
Also das ist so, was ich dazu feststellen kann, quasi mein Eindruck zu der ganzen Sache. Dass man auf Mädchen also zwangsläufig immer mit es referieren müsse, muss heute als veraltete Regel gelten. So spricht niemand und es klingt weder schön noch richtig, wenn’s nicht in unmittelbarer Nähe des Bezugswortes vorkommt.
Die von dir genannten Sätze fände ich beide akzeptabel, sogar ungefähr gleichgut.
Viele Grüße,