Hallo Michael!
Diese Frage wird heute immer häufiger von jungen Leuten gestellt.
Sie vergessen alle nur eines :
Heute ist fast jeder über diese Zeit aufgeklärt, man weiß, was passierte und stellt sich die Frage, warum?
Heute ist es sehr einfach, den Kopf vor Empörung darüber zu schütteln.
Man muß sich das Leben in den Städten und Dörfern in den 20ern und 30ern des letzten Jahrhunderts vorstellen. Es gab kaum Information, da es nur die eine Heimatzeitung gab und fast niemand ein Radio hatte. Fernsehen, heute d e r Informationsbringer, gab es nicht!!
Schulbücher waren nie sauber von Antisemitismus. Die deutschen Schriftsteller, wenn sie nicht selbst jüdisch waren, waren sehr oft Antisemiten oder schoben sehr oft und viel, antisemitische Dinge in ihre Schriften. Ohne sich selbst als besonders antisemitisch zu fühlen, es war einfach so.
Die Bevölkerung fühlte sich oft von jüdischen Mitbewohnern übervorteilt, da Juden, seit dem Mittelalter durch das Verbot ein Handwerk auszuüben, immer nur solche Berufe ausübten, welche etwas undurchsichtig waren, wie Geldverleiher (Wucherer), Viehhändler, Kaufleute.
Wenn man sich damals die Häuser in den Ortschaften ansah, so waren Villen und größere Wohnhäuser fast immer im Besitz von Juden. Heute sind in unserem Ort die schönsten alten Villen, die aus dem ehemaligen Besitz von Juden.
Das zog immer viel Neid nach sich.
Die Deutschen wußten auch, daß die jüdischen Mitbürger besser waren als sie. Egal, was sie anfaßten, sie waren tüchtig und auch das brachte viel Neid mit sich.
Die deutsche Bevölkerung lebte mit den Juden, akzeptierte sie, aber liebte sie nicht. Es fehlte nur jemand, der ihnen den Haß weckte und das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Nicht die Nazis waren es, es gab andere, nur, die Nazis haben sich auf dieses Pferd gesetzt.
Man konnte ungestraft irgendwelche Bosheiten über eine Volksgruppe verbreiten, man glaubte es. Man konnte es sowieso nicht kontrollieren, ob es stimmte. Es gab keine zuständige Stelle, die einem normalen deutschen Bürger weiterhalf. In einer Zeit, in der sogar noch der Dorfbüttel durchs Dorf ging und Neuigkeiten ausrief, war Information selten und nur das, was man wissen sollte, wurde auch bekannt gegeben.
Ich habe mich oft mit Leuten unterhalten, welche hier im Ort die Juden zum Marktplatz brachten, auf Lkw packte und wegfahren ließen. Es war nicht die SS, es war die SA und die Polizei. Und die SA waren Menschen, die hier lebten, Kinder hatten und mit Juden im gleichen Turnverein waren.
Jüdische Einwohner in unserem Ort vor der Deportierung:
Frank, Hugo Viehhändler
Hoffmann, Julius Händler
Lindenberg, R. Händler
Meyer, Siegfried Viehhändler
Polak I, Karl Viehhändler
Polak II, Siegfried Viehhändler
Silberbach, Otto Viehhändler
Strauß, Max Viehhändler
Der Sohn von Polak II, Karl müßte den älteren WWW-Teilnehmern aus der DDR bekannt sein. Er starb dort 1963. Er war führender Staatsfunktionär und Professor. Mitglied des Staatsrates der DDR.
Man kann sagen, genau so willenlos, wie die meisten Juden sich haben erschießen lassen, genau so willenlos haben die meisten Deutschen sie deportiert.
Und es kann immer wieder passieren, wenn Informationen ausbleiben oder gefälscht sind, siehe Balkan.
Das Ganze hat eigentlich wenig mit Deiner Frage zu tun, ich mußte es einfach mal aufschreiben. Und es ist sicher nicht die alleinige Wahrheit, andere sehen es sicher ganz anders.
Gruß Werner