An Interessierte!
Heute Morgen kam im SWR2 (empfehlenswertes Sendeprogramm übrigens) ein Vortrag, der sich mit dem Eindringen neuer Wörter in die deutsche Sprache beschäftigt. Die Ankündigung lautete:
_ Nicht nur Anglizismen
Der Wortschatz heute
Von Doris Steffens
Wenn die Verständigung funktionieren soll, setzt das voraus, dass sich der Wortschatz an neue Entwicklungen anpasst. Das geschieht entweder durch die Bildung neuer Wörter oder Entlehnungen aus anderen Sprachen. Die heutige Sprache weist viele solcher Neologismen auf. Wenn von Homepage, daily soap, canyoning oder outsourcen die Rede ist, hat man den Eindruck, als würden neue Wörter fast nur noch aus dem Englischen entlehnt. Das ist aber nicht der Fall. In der Mehrzahl sind die Neologismen deutsche Wortbildungsprodukte. Darüber spricht die Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Dr. Doris Steffens._
Ich fand den Vortrag sehr interressant und aufschlussreich und vor allem klärend in einer oft heftigen Diskussion über das „arme, verkommende Deutsch“.
Darum habe ich den ganzen Text des Vortrags über den Manuskriptdiesnst des SWR *herunter geladen und **stelle ihn - trotz der acht WORD-Seiten - hier rein.
TIPP: Mit ***„auschneiden und einfügen“ in eine WORD-Datei bringen, ausdrucken und bei einer Tasse Kaffee oder Tee in Ruhe lesen!
* downgeloaded ** poste *** cut and paste 
Er dürfte manche Diskussionen und Diskussionspunkte der letzten Zeit erhellend kommentieren.
Fritz
Und nun der ganze Text:
Nicht nur Anglizismen -
Der Wortschatz heute
Autorin: Dr. Doris Steffens, Leiterin der Abteilung „Neologismen“ am Mannheimer Institut für deutsche Sprache
Redaktion: Frank Niess
Sendung: Sonntag, 24. August 2003, 8.30 Uhr, SWR 2
Wie der Titel „nicht nur Anglizismen" bereits andeutet: Ich möchte den allgemeinen Eindruck relativieren, dass der in den zurückliegenden Jahren neu in die deutsche Sprache gekommene Wortschatz nur noch englischer Herkunft ist und stattdessen zeigen, dass ein großer Teil des neuen Wortschatzes mit deutschem Wortmaterial gebildet worden ist. Die Ergebnisse verdanke ich der Mitarbeit an einem Projekt, das sich mit Neologismen beschäftigt, konkret mit dem Teil des deutschen Wortschatzes, der in den 90er Jahren aufgekommen und in die Allgemeinsprache eingegangen ist. Bei diesem neuen Wortschatz handelt es sich zum einen um deutsche Neubildungen und zum anderen um so genannte Entlehnungen. In Bezug auf die Entlehnungen wird hier nur von Entlehnungen aus dem Englischen, also von Anglizismen, die Rede sein, weil ihr Einfluss gegenwärtig absolut dominiert. Uns jedenfalls sind - was die Neologismen der 90er Jahre betrifft - Entlehnungen aus anderen Sprachen überhaupt nicht begegnet.
Wir verstehen unter Anglizismen also Wörter, die aus dem Britischen oder Amerikanischen in die deutsche Sprache übernommen worden sind. Sie sind mehr oder weniger stark in die deutsche Grammatik integriert, haben aber ihre Fremdheit in Lautung und Schreibung in der Regel bewahrt.
Anglizismen begegnen uns jeden Tag. Viele gebrauchen wir selbst, sie gehören zu unserem aktiven Wortschatz und sind uns vertraut, z. B. Service oder Spray. Andere, die wir v. a. in den Medien hören oder lesen, gehören nur zu unserem passiven Wortschatz, wir kennen sie zwar, gebrauchen sie aber aus verschiedenen Gründen nicht. Bei wieder anderen stellen wir fest, dass wir sie nicht kennen. Es ist eine ganz normale Erscheinung, dass eine Sprache im Laufe ihrer Entwicklung von anderen Sprachen beeinflusst wird und im Gegenzug auch selbst andere Sprachen beeinflusst. So hat das Deutsche über Jahrhunderte hinweg besonders aus dem Lateinischen, Griechischen und Französischen Wörter übernommen und sie dem einheimischen Wortschatz in Schreibung, Aussprache und Grammatik angepasst. Fremde Wörter werden einer Sprache nicht von außen aufgezwungen, sondern sie werden von den Sprechern aus einer fremden Sprache entlehnt, weil ein kommunikatives Bedürfnis nach einer bestimmten Benennung besteht.
Während der meist in bestimmten Wellen stattfindenden Entlehnungsprozesse hat es auch immer warnende Stimmen gegeben, die eine Überfremdung des Deutschen befürchteten und die kulturelle und nationale Identität gefährdet sahen. Dies gilt auch für den gegenwärtigen Einfluss des Englischen.
Der stete Zuwachs an Anglizismen im deutschen Wortschatz ist seit Kriegsende festzustellen. Er hält unvermindert an, und zwar betrifft dies nicht nur die Sprache bestimmter Bevölkerungsschichten, wie es bei den Fremdwörtern früherer Jahrhunderte der Fall war, sondern die Sprache der gesamten Bevölkerung.
Besonders einschlägige Fach- und Sachgebiete in Bezug auf das Vorkommen von Anglizismen sind heute neben Gebieten wie Computer/Internet und Wirtschaft solche, die man eher der Freizeitgesellschaft zurechnen könnte. Dazu gehören besonders Übernahmen aus den Bereichen „Sport", „Mode" und „Musik".
Das Deutsche ist die europäische Sprache, die den größten Zuwachs an Anglizismen aufweist. Mit Abstand folgen Niederländisch und die skandinavischen Sprachen. Wie ist dieses Phänomen zu erklären?
Mehrere Gründe sind hier zu nennen:
- die nach Kriegsende einsetzende wirtschaftliche Unterstützung durch die USA in Form des Marschallplans und die westlich orientierte Bündnispolitik der Bundesrepublik,
- die führende Rolle der USA sowohl auf politischem, wirtschaftlichem und militärischem Gebiet als auch auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik, woraus sich auch ergeben hat, dass Englisch in der internationalen Kommunikation dominiert und weltweit zur ersten Fremdsprache geworden ist und
- eine mit dem 2. Weltkrieg zusammenhängende gewisse Abkehr der jungen Generation von der eigenen Geschichte und ihre Suche nach neuen Vorbildern, für die sich der sogenannte American Way of Life anbot.
Ein wichtiger Grund für die Entlehnung eines Wortes ins Deutsche ist, dass mit einer bestimmten Neuheit, die es in Deutschland bisher nicht gab, zugleich deren Bezeichnung übernommen wird. Damit erübrigt sich die Suche nach einer adäquaten deutschen Bezeichnung, und kommunikative Eindeutigkeit ist gewahrt. Ein Beispiel aus der Technik: Mit dem neuen Gerät, mit dem etwas abgetastet werden kann, wurde auch seine englische Bezeichnung Scanner übernommen. Und auf der Grundlage des englischen Verbs to scan mit der Bedeutung ‚etwas mit Hilfe eines Gerätes abtasten‘ wurde im Deutschen das Verb scannen gebildet. Es gibt aber auch den Fall, dass die Sache selbst gar nicht neu ist, dass sie aber im Deutschen bisher keine spezifische Bezeichnung hatte. Die wird nun - sofern der Gegenstand oder Sachverhalt kommunikativ relevant ist - aus dem Englischen übernommen.
Das Wort Mobbing ist ein Beispiel. Im Deutschen haben wir früher den Vorgang des Mobbings vielleicht mit Wörtern wie schikanieren, vergraulen, wegekeln umschrieben; jetzt haben wir das Wort Mobbing zur Verfügung, das eine Benennungslücke schließt und den gemeinten Sachverhalt kurz benennt, nämlich das ständige Schikanieren, Unter-Druck-Setzen von Jemandem an seinem Arbeitsplatz, um ihn von dort zu vertreiben.
Damit sind wir bei einem weiteren Grund für den Vormarsch der Anglizismen, nämlich bei der Sprachökonomie. Anglizismen sind meist kurz und knapp und haben wenig Vor- und Nachsilben, so genannte Affixe. Wie viele kurze, gerade einsilbige Wörter sind schon vor Jahren in die deutsche Sprache eingegangen und haben dort unangefochten ihren Platz; genannt seien nur Stress, Cockpit, Spot, Boom. Nicht nur die Kürze spielt aber für die Übernahmen eine Rolle, den Anglizismen wird auch - abgesehen von ggf. semantisch feinen Unterschieden gegenüber entsprechenden deutschen Wörtern - ein höherer stilistischer bzw. kommunikativer Wert beigemessen. So werden Wörter häufig ihres Neuigkeitswertes und emotionalen Gehalts und einer gewissen (in Anführungsstrichen) „Lässigkeit" wegen entlehnt. Denken wir nur an Fun für Spaß, indoor für in der Halle oder outdoor für im Freien. Dieser angenommene höhere kommunikative Wert scheint diese Wörter attraktiv und einfach unwiderstehlich zu machen. Mountainbike klingt eben offenbar schicker als Bergfahrrad, eine Bezeichnung, die man dieser Art Fahrrad auch hätte geben können und die genau der englischen entsprochen hätte! Ein Grund für das relativ problemlose Eindringen englischen Wortgutes ist auch die enge Verwandtschaft zwischen dem Englischen und dem Deutschen. So wird das Wechseln zwischen beiden Sprachen häufig gar nicht mehr als Grenzüberschreitung wahrgenommen. Das kann zur Folge haben, dass sich Bedeutungen englischer Wörter förmlich „erschleichen". So hat das aus dem Lateinischen stammende Adjektiv ultimativ im Deutschen die Bedeutung ‚mit größtem Nachdruck‘. Vor gut zehn Jahren wurde vom englischen Adjektiv ultimate die Bedeutung ‚nicht mehr zu verbessernd‘ übernommen. Inzwischen ist auch diese zweite Bedeutung von ultimativ in die Allgemeinsprache und in die Wörterbücher eingegangen. Mit dem Wort ultimative seiner neuen Bedeutung bilden wir Wortverbindungen wie: das ultimative Angebot, der ultimative Kick.
Ein weiterer, mit dem o. g. Aspekt des höheren kommunikativen Wertes zusammenhängender Grund für den Gebrauch von Anglizismen dürfte ein gewisses Imponierbedürfnis sein. Sprecher wollen Bildung, Modernität und Weltläufigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sprechergruppe demonstrieren. Letzteres betrifft insbesondere Jugendliche, die mehr Kontakt zur englischsprachigen Welt und mehr Englischkenntnisse als die Älteren haben.
Solange der Gebrauch von Anglizismen auf die fach- und gruppeninterne Kommunikation beschränkt bleibt, treten meist keine Verständigungsprobleme auf, weil die Beteiligten etwa denselben Wissenshintergrund haben. So ist die Wissenschaftssprache in weiten Bereichen, besonders in den Naturwissenschaften, Englisch. Probleme treten dann auf, wenn zu viele Anglizismen in Bereichen verwendet werden, die für alle Bevölkerungsschichten wichtig sind. Ich denke dabei an die Praxis von Unternehmen wie Deutsche Bahn und Telekom, die durch die Verwendung von Anglizismen Prestige gewinnen wollen, ohne daran zu denken, dass man bei einem so weiten Kundenkreis wie dem ihren englische Ausdrücke, die nicht Allgemeingut sind, vermeiden sollte, um keine unnötigen Verständnisbarrieren zu schaffen. Als Beispiele nenne ich nur die Wörter Servicepoint für Informationsschalter oder Call-by-Call für das Verfahren beim Telefonieren, bei dem man vor der eigentlichen Telefonnummer eine bestimmte Ziffernfolge wählt.
Wieviel „Kreativität" [in Anführungsstrichen] die Werbung hier an den Tag gelegt hat, zeigt sich daran, dass es das Wort Servicepoint im Englischen gar nicht gibt und die Wortgruppe Call-by-Call zumindest nicht in dieser Bedeutung.
Dazu später.
Hier wird deutlich, dass der Gebrauch von Anglizismen dann fragwürdig wird, wenn nur der Zeitgeschmack bedient und Modernität um jeden Preis demonstriert wird. Das geht meist auf Kosten der reibungslosen Verständigung und grenzt bestimmte Kommunikationsteilnehmer einfach aus.
Nun stellt sich die Frage, warum es so viele englische Bezeichnungen und relativ wenige deutsche für neue Gegenstände und Sachverhalte gibt? Hier dürfte Mehreres eine Rolle spielen:
Zum einen verlief die Entwicklung in bestimmten Bereichen, gerade im Bereich von Computer/Internet, derart rasant und brachte ein solches Übermaß an Neuheiten
hervor, die nach neuen Bezeichnungen verlangten, dass sich die Übernahme der fremden Bezeichnungen aus den Ursprungsländern dieser Neuheiten als schnellste und bequemste Lösung anbot.
Zum anderen ist es tatsächlich häufig ein Problem, eine adäquate deutsche Bezeichnung zu finden, die sowohl kurz als auch präzise genug ist, um mit der gleichzeitig mit der Sache verfügbaren englischen Bezeichnung erfolgreich zu konkurrieren.
Ich greife zur Illustration einen Anglizismus aus dem Internetwortschatz heraus: das Verb chatten. Der „Verein Deutsche Sprache", der sich - ich zitiere -„gegen die Verdrängung der deutschen Sprache durch das Englische wendet", möchte u. A. anstatt des Wortes chatten deutsche Wörter verwendet sehen wie plaudern, quasseln, schwatzen. Chatten bedeutet aber, schriftlich über Tastatur und Bildschirm mit anderen Personen im Internet in Echtzeit kommunizieren’. Die Verwendung von plaudern, quasseln, schwatzen anstelle von chatten ist also nicht ausreichend und damit auch nicht angemessen, denn nur mit Hilfe einer längeren Umschreibung kann ausgedrückt werden, dass die Unterhaltung zwar in Echtzeit, also nahezu gleichzeitig, nur verzögert um den Zeitaufwand für das Eintippen des Textes, aber eben nur über das Internet stattfindet.
Ein weiterer Grund, warum es nur relativ wenige deutsche Bezeichnungen für Neuheiten aus dem angloamerikanischen Raum gibt, dürfte darin liegen, dass der kommunikative Bedarf an entsprechenden deutschen Bezeichnungen ziemlich gering ist. Das vorwiegend jüngere Publikum, aber auch der kommerzielle Bereich, hält den aus dem Englischen gekommenen Wortschatz für vollkommen angemessen. Dieser Wortschatz mit seinen vielen Internationalismen vereinfacht im Zeitalter der Globalisierung die Verständigung und macht bis zu einem bestimmten Grad unabhängig von einer national gebundenen Kommunikation.
Ich fasse erst einmal zusammen:
In der Mehrzahl bereichern Anglizismen den deutschen Wortschatz, da sie neue Gegenstände und Sachverhalte, die im Deutschen noch keine Bezeichnung hat, knapp und präzise benennen. In der fach- und gruppeninternen Kommunikation ist der Gebrauch von Anglizismen unproblematisch. Er wird dann fragwürdig, wo er - wie besonders in der Sprache der Werbung - nur dem Zeitgeist verpflichtet ist und die Verständigung erschwert.
Ist ein entlehntes Wort einmal in Gebrauch, besteht naturgemäß kaum noch die Chance, dass sich nachträglich eine deutsche Entsprechung mit der gleichen Bedeutung durchsetzt. Dennoch ist zu beobachten, dass in jüngerer Zeit einige deutsche Benennungen fast zeitgleich mit den englischen Übernahmen entstanden sind und sich behaupten. Als Beispiele seien genannt:
herunterladen neben downloaden
Bezahlfernsehen neben Pay-TV
globales Dorf neben Globalvillage
Die deutschen Wortbildungen herunterladen und Bezahlfernsehen und die feste Wortverbindung globales Dorf sind durch Übersetzung der Lehnwörter downloaden, Pay-TV bzw. Globalvillage entstanden. Das bereits im deutschen Wortschatz vorhandene Verb herunterladen hat zu der Bedeutung etwas von oben nach unten transportieren’ also eine neue Bedeutung hinzubekommen, nämlich: .Software aus einem anderen Computer oder direkt aus dem Internet auf den eigenen Computer kopieren’.
Immerhin kommt es einige Male auch vor, dass nicht die englische Bezeichnung, sondern deren deutsche Übersetzung sprachüblich geworden ist. Dafür gibt es Beispiele aus dem Bereich Computer/Internet wie Bildschirmschoner (statt screen saver) sowie aus dem Bereich Politik das Beispiel Schurkenstaat (statt rogue state). Wenn sich - wie bei diesen Wörtern geschehen - eine deutsche Wortbildung statt eines Anglizismus als treffende Entsprechung einbürgert, kann das in Bezug auf die Integration fremden Wortschatzes als Idealfall angesehen werden.
An dieser Stelle schlage ich den Bogen zu meinem eigentlichen Thema: Nicht nur Anglizismen. Diese erst einmal sehr allgemeine Aussage stützt sich auf konkrete Ergebnisse, zu denen sind wir im Rahmen unserer Neologismenforschung gekommen sind, die sich schwerpunktmäßig mit den neuen Wörtern und festen Wortverbindungen sowie den neuen Bedeutungen von Wörtern beschäftigt, die in den 90er Jahren aufgekommen und in die deutsche Allgemeinsprache eingegangen sind.
In Bezug auf neuen Wortschatz - und zwar nicht nur in Bezug auf Anglizismen - besteht allgemein großer Informationsbedarf, denn häufig gibt es Unsicherheiten hinsichtlich Schreibung und Aussprache. Um diesen Informationsbedarf zu befriedigen, haben wir im Mannheimer Institut für Deutsche Sprache ein Wörterbuch der Neologismen der 90er Jahre erarbeitet. Anfang nächsten Jahres wird es erscheinen. In absehbarer Zeit wird dieser Wortschatz dann auch über das Internet zugänglich sein. Diese Darstellungsform hat einem Buch gegenüber den Vorteil, dass die Informationen zu den Wörtern breiter und tiefer dargestellt werden können, dass sie in einer Weise miteinander verknüpfbar sind, wie es in einem Wörterbuch gar nicht möglich ist, und dass jederzeit Wörter und Daten ergänzt werden können.
Im Ergebnis unserer Recherchen haben wir rund 700 Stichwörter ermittelt, die unseren Kriterien entsprechen, die also seit Beginn der 90er Jahre im Deutschen gebildet oder (mit allen die Integration betreffenden Konsequenzen) ins Deutsche entlehnt wurden und weitgehend in die Allgemeinsprache eingegangen sind. Dabei noch nicht mitgezählt sind die Wörter, die durch Wortbildungsprozesse wie Zusammensetzung und Ableitung aus diesen Stichwörtern entstanden sind.
Von unseren rund 700 Stichwörtern wurden etwa 40 Prozent aus dem Englischen entlehnt (z. B. Internet, outdoor, zappen), 60 Prozent wurden im Deutschen gebildet. Wie gesagt: Entlehnungen aus anderen Sprachen sind uns im Erfassungszeitraum gar nicht begegnet.
Die in den 90er Jahren im Deutschen gebildeten Neologismen möchte ich jetzt noch etwas näher charakterisieren. Wir unterscheiden drei Gruppen:
- Bildungen aus deutschen Bestandteilen;
- Bildungen, bei denen ein Teil ein neuer Anglizismus ist;
- Bildungen, die aufgrund ihrer formalen Struktur als Entlehnungen erscheinen, die aber im Englischen gar nicht sprachüblich sind;
Nun im Einzelnen:
- Die erste und bei weitem größte Gruppe der im Deutschen gebildeten Wörter machen die Bildungen aus deutschen Bestandteilen aus. Wörter, die Sie sicher kennen, sind Blitzeis, Erlebnisgesellschaft, scheinselbständig, schönrechnen. Zu den deutschen Bestandteilen gehört auch altes Lehngut aus verschiedenen Sprachen (z. B. Chirurgie in Knopflochchirurgie/Schlüssellochchirurgie, Tele in Telebanking, Baby in Babyklappe, Boulevard in Boulevardisierung). Fast die Hälfte unserer Stichwörter gehört zu dieser ersten Gruppe, so z. B. auch die bereits erwähnten Wörter Bezahlfernsehen oder Suchmaschine. Das bereits erwähnte Wort Bezahlfernsehen ist durch Übersetzung der beiden Bestandteile des Lehnworts Pay-TV entstanden und stellt sich somit als Synonym neben Pay-TV. Bei Suchmaschine ist die Herkunft nicht so eindeutig. Das Wort kann wie Bezahlfernsehen nach englischem Vorbild gebildet worden sein.
Dann wäre es als Lehnübersetzung von englisch „search engine“ zu interpretieren. Es kann aber, unabhängig vom Englischen im Deutschen gebildet worden sein, denn schließlich herrschen im Deutschen die gleichen Computergegebenheiten. In solchen Fällen gehen wir im Wörterbuch von der deutschen Wortbildung aus, verweisen aber auf einen möglichen Zusammenhang mit dem Englischen.
Es lässt sich beobachten, dass Bildungen aus deutschen Bestandteilen durchaus auch in den Fach- bzw. Sachgebieten eine Rolle spielen, die ich bereits als ziemlich anglizismenträchtig genannt habe. Im Bereich „Computer/Internet" finden sich etwa Einclicken, Bildschirmschoner und Klammeraffe, und im Bereich „Sport" z. B. Schiedsrichterassistent und Klatsche (was so viel wie ‚Niederlage‘ bedeutet). Es gibt aber bestimmte Gebiete, in denen die deutschen Wortbildungen eindeutig gegenüber den Anglizismen dominieren. Das sind die Bereiche, die solche Aspekte unserer heimischen Lebensverhältnisse widerspiegeln, die nichts mit der Spaßgesellschaft zu tun haben, sondern dem Gebiet „Gesellschaft/Soziales" zuzuordnen sind (Beispiele sind Dosenpfand, Homoehe, prollig, Schwangerenkonflikberatung, Vereinigungskriminalität).
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Die zweite Gruppe der im Deutschen gebildeten Wörter sind Bildungen, bei denen ein Teil ein neuer Anglizismus ist. So wird etwa mit Internet Internetadresse, Internetliteratur, Internetseite gebildet, mit outdoor Outdoorjacke, Outdoorsport und mit zappen herumzappen oder wegzappen).
Ebenfalls in diese Gruppe gehören Bildungen, deren einer Teil ein englisches Wort ist, das im Deutschen aber nicht frei als Anglizismus vorkommt wie -hopping. So wird mit -hopping Ärztehopping, Kassenhopping oder Inselhopping gebildet. -
Die dritte Gruppe der im Deutschen gebildeten Wörter sind solche, die aufgrund ihrer formalen Struktur als Entlehnungen erscheinen, die aber im Englischen gar nicht sprachüblich sind. Das bekannteste Beispiel ist Handy. In der Regel sind diese Wörter Zusammensetzungen, die aus einem Anglizismus und einem rein englischen Wort bestehen. Ein solches im Deutschen gebildete Wort ist das schon erwähnte Wort Servicepoint: Service ist ein zum deutschen Wortschatz gehörender Anglizismus, der zweite Bestandteil, point, ist englisch geblieben. Das Wort Servicepoint ist seinerzeit von der Deutschen Bahn in dem bereits erwähnten Bedürfnis gebildet worden, Weitläufigkeit und Modernität zu demonstrieren. Es ist inzwischen aber auch in anderen Bereichen belegt. Bei solchen Bildungen handelt es sich um scheinbare Entlehnungen, so genannte Scheinentlehnungen. Sie gehören der Form nach zu den Anglizismen, denn sie sind äußerlich von „echten" Entlehnungen nicht zu unterscheiden. Sie werden deshalb auch „Pseudoanglizismen" genannt. In unserer Stichwortliste findet sich ein gutes Dutzend solcher Bildungen.
Bisher hatten wir es mit neuen Wörtern zu tun, die entweder ins Deutsche entlehnt oder die im Deutschen gebildet worden sind. Nun möchte ich kurz noch etwas zu neuen Bedeutungen von schon etablierten Wörtern sagen, den so genannten Neubedeutungen. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass zu einem im Deutschen schon vorhandenen Wortkörper eine neue, zusätzliche Bedeutung tritt. Bei den Neubedeutungen ist der Anteil an Anglizismen vergleichsweise gering. Ich greife zwei Beispiele für neue Bedeutungen heraus, eine zu einem entlehnten und eine zu einem im Deutschen gebildeten Wort:
Das Verb surfen wurde in den 70er Jahren auf der Grundlage des englischen Verbs to surf mit der Bedeutung, sich auf einem Surfbrett über das Wasser bewegen’ ins Deutsche entlehnt. In den 90er Jahren hat das Verb eine zweite, metaphorische Bedeutung bekommen: ,sich auf der Suche nach Informationen durch das Internet bewegen’.
Zur Bedeutungsentwicklung des im Deutschen gebildeten Wortes Elchtest ist etwas mehr zu sagen: Das Wort ist Ende Oktober 1997 im Zusammenhang mit der Berichterstattung von einem umgestürzten Fahrzeug der A-Klasse von Mercedes quasi von einem Tag auf den anderen bekannt geworden. Die entsprechende Bedeutung ist zu umschreiben mit: ,Sicherheitstest, bei dem das Fahrverhalten eines neu entwickelten Autos bei ungebremsten Ausweichmanövern erprobt wird’. Bemerkenswert aber ist nun, dass Elchtest bereits kurz darauf, wahrscheinlich aufgrund der Bildhaftigkeit des Ausdrucks eine weitere Bedeutung bekommen hat. Die Bildhaftigkeit kommt dadurch zustande, dass die Testbedingungen mit dem plötzlichen Auftauchen eines Elchs auf der Fahrbahn vergleichbar sind. Und warum gerade Elch? Der Bremstest fand in Schweden statt, wo der Elch zum Verkehrsgeschehen gehört und wo es auch entsprechende Verkehrsschilder gibt. Die neue verallgemeinerte Bedeutung Bewährungsprobe’ ist inzwischen ebenfalls gut belegt. Das Wort wird in dieser Bedeutung in Texten verwendet wie:
- der deutsche Meister (Bayern München) (bestand)… den „Elchtest“ in Norwegen (Frankfurter Rundschau 26.11.1999)
- Waigel übersteht Elchtest (Süddeutsche Zeitung 24.11.1997)
- „Elchtest für die Pille (Viagra)" (Focus 25.05.1998)
In beiden Bedeutungen sind die typischen verbalen Kontextpartner die gleichen: „den Elchtest bestehen" bzw. „nicht bestehen". Bei den Kontextpartnern, die die Subjektstelle einnehmen, hat aber eine Verschiebung stattgefunden und zwar von einem Gegenstand, hier einem Fahrzeug, meist zu einer Person, einem Unternehmen, aber auch zu anderen Gegenständen wie dem Medikament Viagra im Beispiel.
Ich komme zum Schluss:
Ich wollte mit meinem Überblick den in der Öffentlichkeit bestehenden Eindruck relativieren, dass in den zurückliegenden Jahren, in der Hoch-Zeit von Internet und Technoparty, neue Wörter nur noch Entlehnungen aus dem Englischen sind. Ich habe versucht zu zeigen, dass mehr als die Hälfte der Neologismen im Deutschen gebildet worden ist.
Der Eindruck von der Überzahl der Anglizismen ist sicher nicht zuletzt deshalb entstanden, weil derartige Übernahmen zumindest hinsichtlich Schreibung und Aussprache in besonderem Maße auffällig sind und weil durch die in den Medien verwendete Werbesprache ihr Gebrauch oft noch vervielfacht wird. Dennoch besteht für die deutsche Sprache keine Gefahr der Überfremdung, da die Anglizismen in bestimmter Weise in Bezug auf Aussprache, Schreibung und Grammatik in das deutsche Sprachsystem integriert werden. So wie die deutsche Sprache in früheren Jahrhunderten lateinische, griechische und französische Einflüsse (in Anführungsstrichen) „verkraftet" hat, kann sie auch die Anglizismen der letzten Jahrzehnte verkraften. Wörter, die nicht mehr kommunikativ relevant sind, verschwinden nach relativ kurzer Zeit ohnehin wieder.
Die Anglizismen betreffen vorwiegend die fach- und gruppeninterne Kommunikation und weniger die alltagssprachliche. Gleichwohl wird der Gebrauch von Anglizismen fragwürdig, wenn er nur dem Streben nach Weitläufigkeit und Modernität folgt und damit die Verständigung unnötig beeinträchtigt.
Es ist wohl damit zu rechnen, dass die Zahl der Anglizismen noch zunimmt. Ich wünschte mir in vielen Bereichen einfach mehr Sensibilität in diesen Fragen, einen bewussteren Umgang mit unserer Muttersprache, vielleicht auch mehr Beratung durch berufene Stellen, aber bestimmt keine reglementierende staatliche Instanz.
