Neurol. Zusammenhang zwischen Autismus u. Motorik

Hallo,

sehr viele Asperger-Autisten haben Probleme mit der Fein- oder Grobmotorik oder mit beidem.

Gibt es einen bekannten neurologischen Zusammenhang zwischen den eher „psychischen“ und den körperlichen Auswirkungen von Asperger-Autismus, bzw. ist irgendwie nachgewiesen, _wie_ Asperger und
Motorik zusammenhängen?

Viele Grüße,
Nina

Hallo Nina,

eine Hypothese, die beide Defizite in Beziehung setzt besagt, dass die Spiegelneuronen von Autisten nicht richtig funktionieren. Spiegelneuronen sind Neurone, die sowohl dann aktiv sind, wenn man selbst eine Handlung ausführt als auch dann, wenn man jemand anderem dabei zusieht, wie er diese Handlung ausführt. Sie sind vermutlich wichtig für die Verknüpfung von Handlung und Intention, sowohl beim Ausführen als auch beim Beobachten.

Viele Grüße, Falk

Hallo Falk,

danke für deine Antwort.

eine Hypothese, die beide Defizite in Beziehung setzt besagt,
dass die Spiegelneuronen von Autisten nicht richtig
funktionieren.

Dies ist mir bereits bekannt.
Dies erklärt, warum das Nachahmen von Bewegungen schwierig wird (etwa: Tanzen, sauber schreiben, Stricken…).
Warum sind aber relativ viele Menschen mit Asperger-Syndrom auch „tollpatschig“, d.h. ein Trinkglas wird umgestoßen, Balancieren fällt schwer, die Bälle landen eher selten im Basketballkorb?
Meinst du, das hat auch mit den Spiegelneuronen zu tun?

Viele Grüße,
Nina

Ich glaube nicht, dass alle Besonderheiten von Asperger-Autisten eine einzige Ursache haben. Trotzdem kann ich mir aus theoretischer Sicht gut Vorstellen, dass die Defizite in der Motorik und beim Verstehen von Handlungen eng miteinander verknüpft sind.

Das Feuern der Spiegelneuronen ist das Ergebnis von Berechnungen, an denen der gesamte Motorkortex und höherer Areale beteiligt sind. Es sind nicht die Spiegelneuronen allein, welche das Verstehen von Bewegungen und das Umsetzen von Intentionen in Bewegungen realisieren. Die Befunde über die Spiegelneuronen zeigen jedoch, dass das motorische System wesentlich am Verstehen der Handlungen anderer Menschen beteiligt ist. Wenn die Übersetzung von Intention in Bewegungen beeinträchtigt ist, dann wird der Hypothese zufolge auch der umgekehrte Vorgang beeinträchtigt sein, weil beide die selben motorischen Areale benutzen. Jemand der eine grobe Repräsentation einer Bewegung hat, kann diese auch schlechter erkennen. Mathematisch: Wenn die Funktion f nicht genau bekannt ist, dann ist auch ihre Umkehrabbildung unklar. Dies trifft auf alle Ebenen von Bewegungen zu, auch auf die Umsetzung einer einfachen Handbewegung. Deshalb können ganz unterschiedliche Defizite im motorischen System zu Problemen beim Verstehen von Handlungen anderer Menschen führen, auch solche welche die Feinmotorik betreffen.

Bei auspeprägten Autismus, muss teilweise jede Teilbewegung bewusst initiiert werden. Dies ist ein extremes Beispiel dafür, dass die Bewegungsabfolge nicht korrekt im motorischens System repräsentiert ist. Folglich kann sie auch nicht unwillkürlich erkannt werden. Beim Asperger-Syndrom mag dies weniger ausgeprägt sein, aber ich kann mir vorstellen, dass das Prinzip dasselbe ist.

Eine Theorie, wie wir verstehen, was ums herum passiert, lautet: Analyse durch Synthese.

Um herauszufinden, ob eine Handbewegung ein Winken oder eine Drohung ist, simuliert unser Gehirn demnach, wie wir unsere Hand bewegen würden, wenn wir winkten bzw. drohten. Wenn die simulierte Winkbewegung dem, was wir sehen, sehr ähnlich ist, dann interpretieren wir die Handbewegung als Winken. Wenn unsere Feinmotorik jedoch so schlecht ist, dass unser Motorkortex nicht zuverlässig vorhersagen kann, wie unsere Winkbewegung aussehen würde, dann können wir das Winken anderer Menschen nicht intuitiv erkennen.

Bei ausgeprägten Autismus kann die Motorik so schlecht sein, dass das Erkennen nicht mehr funktioniert. Bei leichtem Asperger-Syndrom kann die Feinmotorik zwar ungenau sein, aber noch gut genug, um ein Winken mithilfe von Analyse durch Synthese richtig zu verstehen.