Hallo Tychi,
ich bin jemand, der Zuverlässigkeit sehr hoch schätzt, und
sehr empfindlich reagiert, wenn sich jemand als unzuverlässig
erweist.
genauso geht es mir auch 
Und darum hat mich das beschriebene Verhalten gestört, da ich es als hochgradig unzuverlässig finde. Dabei empfinde ich nicht primär die Absage als unzuverlässig, sondern das Herumducksen.
Ich möchte den Begriff „Versäumnis“ einführen. Immer dann,
wenn jemand ankündigt etwas zu tun, es dann aber nicht tut,
macht er sich des Versäumnisses schuldig. Dabei spielt
zunächst keine Rolle, warum er es versäumt hat, seiner
Ankündigung Taten folgen zu lassen.
Es kommt vor, dass jemand sein Versäumnis vorher ankündigt.
Dies nennt man dann Absage.
Ja genau.
Und hier ging es explizit um Dinge, die man vorher vereinbaren bzw. absagen muss und auch nichts, das jemand versäumt hat. Es wurde ja kein Rückruf oder ein Referatstermin „verpennt“, sondern schlichtweg auch bei Rückfrage nicht zugegeben, dass man die Wohnung nicht vermieten oder das Referat nicht zusammen halten möchte.
Ein Spezialfall der Absage ist die, die mit einer erneuten
Ankündigung einhergeht: Ich kann um 20:00 nicht kommen, würde
aber dafür morgen zum Frühstück kommen. Natürlich ist dies
nichtsdestoweniger eine Absage.
Das ist eine Absage mit einer gewissen „Entschuldigung“ - und wird dann die Alternative einfach nicht eingehalten, wirkt es durchaus frech.
Meine persönliche Erfahrung ist, dass es im Privaten
heutzutage häufiger zum Versäumnis kommt als zur tatsächlichen
Durchführung der angekündigten Handlung.
Das ist mir bezüglich mancher Leute auch aufgefallen.
Aber würdest du die beschriebenen Fälle auch als Versäumnis bezeichnen?
Oder, anders herum: Warum sagen viele Leute etwas zu, von dem sie wissen, dass sie es absagen müssen/ werden?
Meine Analyse ist folgende: Ob jemand eine Ankündigung wahr
macht, hängt sehr stark von seinen Interessen ab. Klingt
trivial, aber ist es gar nicht, wenn man bedenkt, dass es ja
auch zum größeren Teil von den Interessen des Menschen
abhängen könnte, dem gegenüber er die Ankündigung geäußert
hat.
Nur: Warum werden Ankündigungen gemacht, wenn man sich sicher ist, diese nicht wahr zu machen?
Warum wird z.B. einem sich telefonisch meldenden potentiellen Mieter gesagt, die Wohnung müsse noch renoviert werden und es dauere „eine Woche oder so“ bis zur Besichtigung (und dann weitere Ausreden), anstatt schlichtweg etwas zu sagen/behaupten, das klar macht, dass die Chancen auf die Wohnung exakt Null sind (schon vermietet)?
Letzteres wäre doch viel einfacher - da braucht man nicht einmal eine scheinbare Vereinbarung treffen, wird nicht mehr durch Anrufe „belästigt“ und muss sich nicht erneute Ausreden einfallen lassen.
Wenn ICH etwas von jemandem will, dann werde ich mich eher an
eine Verabredung halten, als wenn ER etwas von mir will.
Klar.
„Ah ja“, wird man sagen, „die Ich-Bezogenheit des modernen
Menschen und sein Egoismus sind schuld“, und damit Recht
haben.
Schon klar. Nur: Dieses Herumducksen wie oben beschrieben passt kaum zum Egoistisch-Sein. Immerhin führt es dazu, dass man sich weiter mit der Situation beschäftigen muss, man erneut „gestört“ wird, sich Ausreden ausdenken muss (wie der Vermieter, der laufend Anrufe bekommt, ob es mit der Wohnung doch noch was wird).
Ein wirklich egoistischer Mensch würde hier doch eher klipp und klar sagen, dass nichts daraus wird - eben, um Ruhe zu haben.
Diese drei Komponenten, also Egoismus, Erlebnis-Optimierung
und Absagen-Können ohne großen Aufwand, sorgen dafür, dass
Versäumnisse so häufig sind.
Das trifft natürlich auf Versäumnisse bei bereits getroffenen Versprechen zu.
Aber warum werden solche Versprechen gemacht, wenn klar ist, dass sie nicht eingehalten werden können bzw. man sie nicht einhalten will?
Das verstehe ich nicht, da es dem zuwider läuft.
Jetzt gibt es aber einen wichtigen Punkt, der endlich, nach
dieser langen und unnötigen Vorrede, deine Frage adressiert:
Jemanden nicht enttäuschen wollen.
Mit dem Verhalten erzielt man aber genau das: Den anderen (sehr) enttäuschen.
Was meinst du, wie enttäuscht jemand ist, der wochen- bis monatelang denkt, mit jemand bestimmtem ein Referat zu halten und dann die Absage so kurzfristig erhält, dass sich kein neuer Referatspartner finden lässt und man alles alleine machen muss? 
Oder jemand, der spätabends fertig angezogen und geschminkt fürs Ausgehen telefonisch eine Absage bekommt und es arg zu spät für eine Alternative ist, da alle Freunde die evl. Zeit gehabt hätten schon etwas anderes vor haben - sicherlich unangenehmer, als wenn nachmittags oder einen Tag zuvor das Telefon diesbezüglich klingelt und man sich noch eine Alternative für den Abend überlegen kann.
Sicherlich enttäuschter als jemand, der gleich erfährt das daraus nichts wird, und noch genug Zeit hat, sich nach einer Alternative umzusehen.
Es gab mindestens ein psychologisches Experiment, das deutlich
gezeigt hat, dass Menschen es als unangenehm empfinden, einen
anderen Menschen zu enttäuschen. Wir sind ja keine
Psychopathen, sondern durchaus zu Mitgefühl fähig.
Aber _gerade_ weil man zu Mitgefühl fähig ist, ist es unlogisch, wie oben beschrieben zu handeln.
Kann ich mich in mein Gegenüber hineinversetzen, weiß ich, wie unangenehm es ist, eine Absage zu erhalten - aber ich weiß dann auch, dass es unangenehmer ist, eine Absage „auf den letzten Drücker“ anstatt frühzeitig zu erhalten. Folgerichtig würde derjenige, der es unangenehm findet andere zu enttäuschen, aufgrund seines Mitgefühls ehrlich sein und sofort absagen bzw. gar nicht erst die Vereinbarung treffen.
(Aus exakt diesem Grund handele ich wie zuletzt beschrieben - Absagen immer so früh wie möglich.)
- Das Unterdrücken der eigentlich einfach zu begreifenden
Tatsache, dass ein Versäumnis, das das Gegenüber anhand
ausbleibender Handlungen erst über längere Zeit entdecken
muss, zu einer mindestestens ebenso großen Enttäuschung führt
wie eine klar formulierte Absage.
Genau das.
Im Grunde sind dies die sanfteren Menschen, die die nicht hart
sein können.
Dies habe ich auch schon festgestellt. Sind oft sehr harmoniebedürftige Menschen, die aber irgendwie nicht merken, dass dieses Verhalten sehr „harmoniefeindlich“ ist.
Zweite Gruppe:
Menschen, die sich aus Gewohnheit immer alle Möglichkeiten
offen halten wollen, die Verbindlichkeiten scheuen und denen
es egal ist, ob die Menschen, die sie hinhalten, darunter
leiden.
Das gibt es auch, passt aber kaum zu obigen Beispielen - da jeweils von vornherein feststand, dass daraus nichts wird und auch schon die Alternative feststand.
Die aus der ersten Gruppe haben also besonders viel Mitgefühl, die :aus der zweiten besonders wenig.
Eigentlich müsste man sagen, dass die Menschen aus beiden Gruppen wenig Mitgefühl haben - die aus ersterer Gruppe versuchen zwar noch, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen, schaffen dies aber nicht.
Viele Grüße,
Nina