Nicht 'Nein' sagen/ absagen können

Allgemeines zu Absagen
Hallo Nina,

ich bin jemand, der Zuverlässigkeit sehr hoch schätzt, und sehr empfindlich reagiert, wenn sich jemand als unzuverlässig erweist. Deshalb ist das Thema „Absagen“ etwas, das mich immer irgendwie beschäftigt.
Ich möchte den Begriff „Versäumnis“ einführen. Immer dann, wenn jemand ankündigt etwas zu tun, es dann aber nicht tut, macht er sich des Versäumnisses schuldig. Dabei spielt zunächst keine Rolle, warum er es versäumt hat, seiner Ankündigung Taten folgen zu lassen.
Es kommt vor, dass jemand sein Versäumnis vorher ankündigt. Dies nennt man dann Absage.

Typische Beispiele
Ankündigung: Ich besuche dich morgen um 20:00.
Absage: Um 19:00 sms „kann nicht kommen, weil…“
Versäumnis: Die Person kommt nicht zu Besuch.

Ankündigung: Ich bringe dir die CD morgen mit.
Versäumnis: Oh, Mensch, habe ich total vergessen.
Absage: entfällt

Ein Spezialfall der Absage ist die, die mit einer erneuten Ankündigung einhergeht: Ich kann um 20:00 nicht kommen, würde aber dafür morgen zum Frühstück kommen. Natürlich ist dies nichtsdestoweniger eine Absage.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es im Privaten heutzutage häufiger zum Versäumnis kommt als zur tatsächlichen Durchführung der angekündigten Handlung.

Ich habe schon mit einigen Leuten über dieses Phänomen und seine möglichen Ursachen gesprochen. Das Handy wird gerne als schuldig benannt, weil man damit leicht absagen kann und weil viele glauben, dass ein Versäumnis mit Absage nicht so schlimm sei, was auch richtig ist, allerdings nicht in dem Maße wie viele es glauben.
Die Möglichkeit, absagen zu können, setzt die Hemmschwelle ein Versäumnis einzugehen, deutlich herab.

Meine Analyse ist folgende: Ob jemand eine Ankündigung wahr macht, hängt sehr stark von seinen Interessen ab. Klingt trivial, aber ist es gar nicht, wenn man bedenkt, dass es ja auch zum größeren Teil von den Interessen des Menschen abhängen könnte, dem gegenüber er die Ankündigung geäußert hat.
Wenn ICH etwas von jemandem will, dann werde ich mich eher an eine Verabredung halten, als wenn ER etwas von mir will.

„Ah ja“, wird man sagen, „die Ich-Bezogenheit des modernen Menschen und sein Egoismus sind schuld“, und damit Recht haben.
Hinzu kommt aber auch das große Angebot an alternativen Optionen und
Ablenkungen.

Diese drei Komponenten, also Egoismus, Erlebnis-Optimierung und Absagen-Können ohne großen Aufwand, sorgen dafür, dass Versäumnisse so häufig sind.

Jetzt gibt es aber einen wichtigen Punkt, der endlich, nach dieser langen und unnötigen Vorrede, deine Frage adressiert: Jemanden nicht enttäuschen wollen.

Es gab mindestens ein psychologisches Experiment, das deutlich gezeigt hat, dass Menschen es als unangenehm empfinden, einen anderen Menschen zu enttäuschen. Wir sind ja keine Psychopathen, sondern durchaus zu Mitgefühl fähig. Daher verursacht es uns ein negatives Gefühl, einem Bewerber abzulehnen, jemandem einen dringenden Wunsch abzuschlagen oder ein Treffen abzusagen.

Die Menschen, die in deinen Beispielen vorkommen, lassen sich in zwei Gruppen einteilen:

Erste Gruppe:
Solche, bei denen zwei Faktoren zusammentreffen:

  1. Ein besonders starkes negatives Gefühl, wenn sie jemanden enttäuschen müssen.
  2. Das Unterdrücken der eigentlich einfach zu begreifenden Tatsache, dass ein Versäumnis, das das Gegenüber anhand ausbleibender Handlungen erst über längere Zeit entdecken muss, zu einer mindestestens ebenso großen Enttäuschung führt wie eine klar formulierte Absage.

Das sind Leute, die dich lieber langsam vergiften als dich erschießen würden.
Im Grunde sind dies die sanfteren Menschen, die die nicht hart sein können.

Zweite Gruppe:
Menschen, die sich aus Gewohnheit immer alle Möglichkeiten offen halten wollen, die Verbindlichkeiten scheuen und denen es egal ist, ob die Menschen, die sie hinhalten, darunter leiden.

Die aus der ersten Gruppe haben also besonders viel Mitgefühl, die aus der zweiten besonders wenig.

Tychi