Nicht zu therapieren?

Hallo Experten,

angesichts eines Artikels in der Süddeutschen habe ich eine Frage: Gibt es tatsächlich psychische Störungen, über die man mit Gewissheit sagen kann, dass sie nicht zu therapieren sind?

Hier ein Auszug des Artikels:

„Anstelle der Sicherungsverwahrung beantragte die Anwältin, der Unterbringung in der Psychiatrie den Vorzug zu geben – im Prinzip eine akademische Frage, denn die psychiatrischen Gutachter im Verfahren gingen davon aus, dass Martin P. nicht zu therapieren sei, womit er die Psychiatrie nie mehr verlassen dürfte.“

Interessierte Grüße
Andreas

Hiho,

ich glaube, das sind zwei verschiedene Dinge. Du fragst nach bestimmten Störungen, die generell nicht zu therapieren seien.

In dem Artikel geht es um eine Person, die als nicht therapierbar eingestuft wird. Diese Person kann theoretisch ja eine durchaus therapierbare Störung haben, schätze ich. Nur sind die Ärzte und Psychologen anscheinend der Meinung, daß es bei ihm nichts fruchtet. Jedenfalls habe ich den Artikel dergestalt verstanden.

Ob es spezifische Störungen gibt, die man generell nicht therapieren kann, darüber sollen sich mal die Fachleute hier im Brett äußern. :smile: Ich hab mal von einem Freund, der als Psychologe an einer Klinik arbeitet, gehört, daß Hypochondrie und alle Arten von Verfolgungswahn nur sehr, sehr schwer therapierbar seien, wenn überhaupt. Ob das stimmt, kann ich aber nicht belegen.

Liebe Grüße,
Nike

Hallo,

Ich hab mal von einem Freund, der als
Psychologe an einer Klinik arbeitet, gehört, daß Hypochondrie
und alle Arten von Verfolgungswahn nur sehr, sehr schwer
therapierbar seien, wenn überhaupt. Ob das stimmt, kann ich
aber nicht belegen.

doch, Wahn kann man therapieren, auch psychotherapieren. Es ist aber schwierig. Schwierig ist auch die Therapie der Hypochondrie. Es geht aber schon. Eine andere Frage ist, ob jemand therapierbar ist.

Grüße,

Oliver Walter

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Hallo,

gibt es einen Unterschied zwischen nicht-therapierbar
und nicht heilbar?

Grüße
Elke

Hi Andreas,

Hallo Experten,

angesichts eines Artikels in der Süddeutschen habe ich eine
Frage: Gibt es tatsächlich psychische Störungen, über die man
mit Gewissheit sagen kann, dass sie nicht zu therapieren sind?

Weiß ich nicht.

Sicherlich gibt es mehr oder weniger leicht heilbare psychische Erkrankungen. Wobei die Möglichkeit einer Heilung erstmal und primär am Willen (Selbsterkenntnis, Änderungsbereitschaft…) des Klienten / Patienten festmachen möchte.

Jemand der Menschen therapiert, hat auch nur eine gewisse Kapazität an schwieriger Fälle die er begleiten kann. Sicherlich gibt es mehr Handlungs- bzw. Heilungsbedarf als es fähige Behandler/-innen gibt, die sich auch schwieriger und schwerer Fälle (erfolgreich) annehmen wollen und können.

Darüberhinaus noch eine ganz andere Frage. Gibt es auch psychische Erkrankungen die von Therapeuten nicht gern übernommen werden? Beispielsweise hörte ich mal, dass Therapeuten ungern mit Sexualstraftätern arbeiten. Zwar wird hier dies mit Unheilbarkeit begründet. Doch ein Befürworter von Therapien für Sexualstraftäter meinte, dass hier noch viel Forschungsbedarf bestünde. Und er meinte auch, dass viele Therapeuten Angst vor Stigmatisierung hätten. Manche Therapeuten fürchten, dass sie vom Umfeld angegriffen und ausgegrenzt werden würden, würden sie einen „Kinderficker“ zu therapieren suchen.

Ciao,
Romana

Ja.
Krankheiten und auch (manche) psychische Störungen können auch „von selbst“ wieder verschwinden auch ohne eine Therapie.

Übrigens spricht man bei psychischen Störungen nicht von „Heilung“, dieser Begriff ist medizinischen Krankheiten vorbehalten.

Viele Grüße,
S

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Hallo Elke,

Sam hat Dir schon geantwortet, daß es einen Unterschied gibt. Ich stimme ihm zu, hätte die Antwort aber etwas anders begründet. Deshalb möchte ich ergänzen:

gibt es einen Unterschied zwischen nicht-therapierbar
und nicht heilbar?

Ja, es gibt einen Unterschied:

Die meisten psychischen Störungen sind nicht heilbar. Heilung setzt voraus, daß durch Behandlung die Ursache der Störung beseitigt wird. Eine Beseitigung kann zur Folge haben, daß der Gesundheitszustand, wie er vor dem Ausbruch der Erkrankung bestand, wiederhergestellt wird (restitutio ad integrum). In anderen Fällen können noch organische Schäden vorhanden sind, deren Ursache aber beseitigt ist (Defektheilung). Die Beseitigung der Ursachen ist bei den meisten psychischen Störungen nicht möglich ist, weil die Ursachen für viele Störungen bis heute in keinem ausreichendem Maß bekannt sind. Ein anderer Grund ist, daß die Therapien die (vermuteten) Ursachen nicht beseitigen können.

Die meisten psychischen Störungen sind aber therapierbar. Durch Therapie ist bei vielen psychischen Störungen eine Verminderung der Symptome bis zur „scheinbaren Heilung“ möglich. Das nennt man dann nicht Heilung, sondern Remission : Man spricht von Vollremission, wenn keine Symptome mehr nachweisbar sind und sich der Patient gesund fühlt. Man spricht von Teilremission, wenn der Gesundheitszustand wesentlich gebessert ist, aber trotzdem noch Symptome vorhanden sind.

Die Situation, keine Heilung erzielen zu können, ist nicht auf das Gebiet psychischer Störungen begrenzt. Auch bei vielen nicht-psychischen Störungen ist Heilung nicht erreichbar (z.B. Diabetes mellitus; M. Parkinson; Migräne).

Grüße,

Oliver Walter

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Hi Oliver,

Die Situation, keine Heilung erzielen zu können, ist nicht auf
das Gebiet psychischer Störungen begrenzt. Auch bei vielen
nicht-psychischen Störungen ist Heilung nicht erreichbar (z.B.
Diabetes mellitus; M. Parkinson; Migräne ).

(Hervorhebung von mir)
Migräne? Nicht heilbar? Das überrascht mich. War in meiner Jugend Migränepatientin, nach der 2. Schwangerschaft hörten die Attacken schlagartig auf. Selbstheilung?
Gruß,
Anja

Hallo Anja Adler,

Migräne? Nicht heilbar?

Heilung bedeutet, daß die Ursachen der Störung durch Behandlung beseitigt werden. Weder sind die Ursachen von Migräne ausreichend bekannt (daß sich Gefäße zusammenziehen und dann wieder dehnen, ist nicht ausreichend), noch ist eine die Ursachen beseitigende Therapie bis heute bekannt.

Du sagst es selbst:

War in meiner
Jugend Migränepatientin, nach der 2. Schwangerschaft hörten
die Attacken schlagartig auf. Spontanheilung?

Das ist die sogenannte „Spontanremission“.

Grüße,

Oliver Walter

Danke… owT