Nichts abgeben können

Hallo Wissende,

ich hätte da ein kleines Problem, dass ich liebend gerne loswerden würde.

Ich bin ein Mensch, der nur seeehr ungern Dinge, die zu erledigen sind, abgibt.
Bevor ich jemand anderen bitte, etwas für mich zu erledigen, weil ich z.B. aus Zeitgründen nicht dazu komme, geb ich lieber nochmal Gas, um das selbst auf die Reihe zu kriegen.

Mir fällt allerdings auf, dass ich bspw. meiner Mutter gegenüber weniger Probleme hab, als meinem Lebensgefährten gegenüber.
Er würde gerne helfen, dass weiß ich auch und erlebe es auch, aber ich lass es nicht bzw. sehr selten zu.
Das geht vom banalen einkaufen über das nicht ganz so banale Abholen der Kleinen vom Kindergarten oder die Zurechtweisung meiner Tochter bzw. „unserem“ Zwerg (er ist nicht der Papa, aber die beiden haben ein tolles Verhältnis), wenn sie sich IHM gegenüber daneben benommen hat… ich bin einfach viel zu schnell bei der Sache!

Auch versuche ich, meine Sorgen selbst zu klären und loszuwerden, dabei verrenne ich mich und merke erst wenn ich ihm davon erzähle, wie einfach die Lösung sein kann… aber wie gesagt: erstmal kümmer ICH mich um mich.

Ein guter Freund schrieb mir mal, was für eine „starke Frau“ ich wäre, das hat mich eher traurig gemacht - ich weiß, dass ich stark bin, aber ich würde sooo gerne auch mal schwach sein und mich anlehen. Mein Freund ermöglicht mir das, aber es fällt mir dennoch so schwer, auch wenn der Wunsch noch so groß ist.

Wie kann man lernen, etwas auch mal abzugeben. Auch dann, wenn man weiß, dass der „andere“ bspw. nicht in der Art den Boden wischt, wie man es selbst machen würde (blödes Beispiel, aber da fängt´s ja schon an)

Tipps á la „na dann mach´s doch einfach“ brauch ich nicht wirklich, denn das geht schon viel tiefer und fällt mir wirklich sehr schwer.

Danke schonmal und schönen Abend

Anke

Liebe Anke,

wenn Du dieses Bedürfnis, dass Du alles selbst machen willst, verändern möchtest, könnte es hilfreich sein, wenn Du mal ein wenig hinter die Kulissen schaust.
Was treibt Dich an?
Ist es möglicherweise der Wunsch selbst „perfekt“ sein zu wollen?
Ist es für Dich ein Zeichen von Schwäche, falls Du etwas mal nicht schaffst?
Möchtest Du gerne alles unter Kontrolle behalten und dadurch auch vieles bestimmen?

Perfektion ist eine Illusion und die totale Kontrolle gibt es ja auch nicht.

Mein Tipp:
Entspannung hilft immer.
Es gibt viele positive Entspannungstechniken, die schnell und wirkungsvoll erlernt und angewendet werden können.

Vielleicht magst Du Folgendes einfach mal ausprobieren?
Such Dir einen ruhigen Platz, wo Du für ein paar Minuten nicht gestört wirst. Atme tief ein…und wieder aus.
Tu das ein paar Mal, bis Du fühlst, dass Dein Atem ganz ruhig und gleichmäßig wird.
Konzentriere Dich jetzt bitte auf Deine Kopfhaut - auf die Haut die Deinen Kopf bedeckt. Stelle Dir vor, wie sie ganz locker wird und sich tief entspannt.
Lenke Deine Aufmerksamkeit dann auf Stirn, Augen, Wangen, Hals…usw. bis Du ganz unten bei Deinen Zehenspitzen angekommen bist.
Falls sich andere Gedanken in diesem Moment anschleichen wollen, stelle Dir vor, dass sie einfach wie Wolken wieder weiter ziehen und konzentriere Dich ganz bewusst auf die Entspannung Deiner Körperteile.
Genieße das Gefühl ganz entspannt zu sein und lasse alle Sorgen und Stress für ein paar Minuten los.

Sag zu Dir selber: Ich bin ok so wie ich bin. So wie ich bin, nehme ich mich an und akzeptiere mich mit all meinen Stärken und Schwächen. Ich lasse alles was mich im Alltag belastet jetzt los und ersetze es durch Verständnis, Vertrauen und Wohlgefühl.

Wenn Du Dich gestärkt und erfrischt fühlst, komm langsam wieder in die Wirklichkeit zurück…atme noch einmal tief ein…und sag beim Ausatmen zu Dir selber: Ich bin entspannt. Es geht mir gut - ich fühle mich besser als vorher.

Zeitaufwand 5-10 Minuten.

Good luck und viel Erfolg bei Allem was Du vor hast.
Liebe Grüße,
besser und besser,
Gaba

Hallo Anke,

ich finde es sehr gut, wie Du dein eigenes Verhalten und deine eigenen Gefühle reflektierst und hinterfragst. Davon können sich einige Leute etwas abschneiden, und dafür auch den Stern von mir. Ich kenne einige Menschen, die ähnlich ticken wie Du, aber noch meilenweit von der Erkenntnis entfernt sind, daß sie sich damit auf Dauer ihr Leben und auch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen ruinieren.

Du hast sehr strikte Vorstellungen, wie Dinge „richtig“ zu machen sind, daneben bleibt kaum Platz ist für Ansichten und die Entfaltung von anderen. Letztendlich vermittelst Du dadurch anderen Menschen das Gefühl, immer alles falsch zu machen, obwohl sie möglicherweise es auch nur anders machen.

Mir fällt allerdings auf, dass ich bspw. meiner Mutter
gegenüber weniger Probleme hab

Das wundert mich nicht. Vermutlich hast Du deine strikten Vorstellungen von Deiner Mutter vererbt bekommen - du weißt, daß Deine Mutter es genau so machen wird, wie Du es für richtig hältst, weil Du es von ihr gelernt hast, wie man es richtig macht.

als meinem Lebensgefährten
gegenüber.

Wie ist das Verhältnis Deiner Mutter zu Deinem Vater? Macht Dein Vater aus Sicht Deiner Mutter alles richtig?

Wie kann man lernen, etwas auch mal abzugeben.

Indem Du es tust. Das wird Dich sehr, sehr viel Überwindung kosten, und es wird dir auch enorm schwer fallen. Du wirst dich dazu zwingen müsasen, und oft genug wirst Du dran scheitern. Das nicht anders wie beim Klavierspielen: Niemand setzt sich sofort hin und spielt Rachmaninov. Aber da du sehr reflektiert bist, hast Du mE die besten Vorausetzungen dafür.

Tipps á la „na dann mach´s doch einfach“ brauch ich nicht
wirklich, denn das geht schon viel tiefer und fällt mir
wirklich sehr schwer.

Du kannst Dir eine professionelle Begleitung für diesen Prozess holen, z.B. in Form eines Psychotherapeuten. Aber der kann Dich letztendlich nur unterstützen, machen musst Du es selbst.

Gruß,
Max

Hallo Max,

Mir fällt allerdings auf, dass ich bspw. meiner Mutter
gegenüber weniger Probleme hab

Das wundert mich nicht. Vermutlich hast Du deine strikten
Vorstellungen von Deiner Mutter vererbt bekommen - du weißt,
daß Deine Mutter es genau so machen wird, wie Du es für
richtig hältst, weil Du es von ihr gelernt hast, wie man es
richtig macht.

… ich denke, du hast Recht, aber „richtig machen“ ist es ja eben im Prinzip nicht, es ist nur meine (spezielle) Art, etwas zu machen… und wie wir richtig feststellten: der andere macht es nur „anders“, nicht unbedingt „falsch“

als meinem Lebensgefährten
gegenüber.

Wie ist das Verhältnis Deiner Mutter zu Deinem Vater? Macht
Dein Vater aus Sicht Deiner Mutter alles richtig?

Du schreibst das aus, was ich eigentlich wusste… mein Vater konnte es ihr nur sehr sehr selten richtig machen :frowning:

Wie kann man lernen, etwas auch mal abzugeben.

Indem Du es tust.

Oh ja und ich bin dabei und außerdem bin ich mir fast sicher, dass ich es mit meinem Partner zusammen auch schaffen werde

Das wird Dich sehr, sehr viel Überwindung
kosten, und es wird dir auch enorm schwer fallen. Du wirst
dich dazu zwingen müsasen,

Was soll ich sagen: ich drück mir schonmal selbst die Daumen :wink:

Gruß,
Max

Danke und schönen Abend
Anke

Hallo Anke!

… ich denke, du hast Recht, aber „richtig machen“ ist es ja
eben im Prinzip nicht, es ist nur meine (spezielle) Art, etwas
zu machen… und wie wir richtig feststellten: der andere macht
es nur „anders“, nicht unbedingt „falsch“

Du bist auf dem richtigen Weg. Andere brauchen für diese Erkenntnisse Jahrzehnte. Ich denke, du schaffst das. :smile:

Du schreibst das aus, was ich eigentlich wusste …

Ich habe selbst einige Erfahrungen damt gesammelt. In meiner Familie war es ähnlich; da ich aber der Sohn bin, gehöre ich aus Sicht meiner Mutter auch zu den Leuten, die nichts richtig machen.

Was soll ich sagen: ich drück mir schonmal selbst die Daumen

Ich dir auch.

Ein Psychologie-Dozent, der mich sehr beeinflusst hat, hat immer sehr spitzfindig zwischen „schwer“ und „schwierig“ unterschieden. Es ist nicht schwierig, Dinge abzugeben, man muß es einfach nur tun - aber es kann unendlich schwer sein.

Gruß,
Max

Hallo Anke,

  • ich weiß, dass
    ich stark bin,

Verrennst du dich da nicht in etwas? Ist es nicht nur deine Definition von „stark“? Und du verhältst dich so, weil du gerne stark sein möchtest; nach deiner Definition?

Ist es nicht eher eine Schwäche nichts abgeben zu können? Einem anderen Menschen nichts zuzutrauen oder ihm zumindest nicht zutrauen etwas genau so gut machen zu können wie du selbst? Oder hast du Angst dieser andere könnte womöglich es besser machen als du?

aber ich würde sooo gerne auch mal schwach sein
und mich anlehen.

Nachdem was du schreibst, bezweifel ich dies sogar. Den anderen einfach machen lassen, würde auch heißen ihm zu vertrauen. Ihm zu vertrauen daß er es richtig macht bzw. eben nicht „richtig macht“ nach deiner Definition sondern eben nach seiner.

Wie kann man lernen, etwas auch mal abzugeben. Auch dann, wenn
man weiß, dass der „andere“ bspw. nicht in der Art den Boden
wischt, wie man es selbst machen würde (blödes Beispiel, aber
da fängt´s ja schon an)

Das Beispiel ist gar nicht blöd, es zeigt ganz deutlich worum es geht. :smile: Du bist sehr perfektionistisch veranlagt (perfekt nach deiner Definition wohlgemerkt), hast dein eigenes System nachdem alles laufen muß und bist nicht in der Lage davon loszulassen.

Es ist wirklich schwierig Ratschläge zu geben, wie man lernen kann mal etwas abzugeben. Womöglich muß man bei sich selbst anfangen und wenn das funktioniert, es später dann auch bei anderen auszuprobieren. Du könntest versuchen mal selbst etwas „unperfekt“ zu machen. Es nicht so zu machen wie du es sonst machen würdest. Beim Beispiel Boden wischen mal die Ecken „in Ruhe“ lassen, dieses versuchen auszuhalten. Bei anderen Dingen ruhig mal fünf gerade sein zu lassen… Einfach immer wieder versuchen es auszuhalten.

Ich denke, es ist ein langer Prozess.

Tipps á la „na dann mach´s doch einfach“ brauch ich nicht
wirklich, denn das geht schon viel tiefer und fällt mir
wirklich sehr schwer.

Einfach ist es nicht und wird es nicht sein. Sonst hättest du hier nicht gepostet. Und daß es dir schwer fällt, liegt auf der Hand. Aber als erstes mußt du vertrauen können, daß jemand anderes eine Sache genauso gut macht wie du, diese aber möglicherweise anders macht, was ja nach deiner Bewertung wiederum eigentlich „schlechter“ wäre.

Stärke wäre nun, wohlwollend zu akzeptieren, daß jemand eine Sache anders macht als du. Eine Steigerung wäre dann, dieses noch dazu zu respektieren, zu schätzen.

Gruß,
Christiane