Niedergang richtiger Schreibung

Hallo!

Mein Sohn ist 12, also aufgewachsen im Zeitalter von Computer & Co. Er ist ein ganz normaler Junge, der gern Fußball spielt usw. Aber er liest und liest und liest! Schon als Kleinkind ist er statt mit Kuscheltieren lieber mit Bilderbüchern ins Bett gegangen.

Gezwungen haben wir ihn dazu natürlich nicht. Wir haben es nur insofern gefördert, als wir viel vorgelesen haben, oft auch heute noch. Und natürlich stelle ich ihm so viele Bücher zur Verfügung wie er möchte. Das Thema kann er selbst wählen. Er bevorzugt Romane (keine Sachbücher), aber eher realistische Werke (kein Harry Potter usw.).

Zur Rechtschreibung: Er schreibt sozusagen fehlerfrei. An der Schule liegt das wohl kaum, da er durch mehrere Umzüge mit Wechsel der Bundesländer diesbezüglich bestimmt nicht verwöhnt wurde.

Gruß
Findus

freut mich zu hören, ehrlich! owt
owt

Hallo!

Ein internationales Beispiel: Norwegen.
Dort gibt es zwei gültige Sprachen, bokmål und nynorsk. Erstere ist quasi die standardisierte „Buchsprache“ (wörtlich übersetzt). Aus historischen Gründen (vom Dänischen abgeleitet) können sich aber nicht alle Norweger damit anfreunden. Deshalb gibt es nynorsk („Neunorwegisch“). Das ist eine auf Grundlage der Dialekte entstandene Schriftsprache. Beide Formen sind sich ähnlich (wer das eine kann, kann auch das andere durchaus verstehen). Wer was in der Schule schreibt, bleibt jedem selbst überlassen. Ziel ist es, dass alle beide Sprachen können (was aber in der Realität nicht so ist, besonders häufig können viele kein richtiges bokmål, zumindest nicht dort, wo ich unterrichtet habe (was es mir mit meinem in Deutschland gelernten „Standardnorwegisch“ natürlich besonders schwer gemacht hat)). Zusätzlich zu den zwei Schreibsprachen gibt es Unmengen an gleichwertigen Dialekten in der gesprochenen Sprache. Niemand würde verlangen, dass in der Schule „Buchsprache“ gesprochen wird. Auch die Dialekte fließen in die Schreibung mit ein.

Was es vielleicht leichter macht ist, dass Norwegisch an sich eine recht regelarme Sprache ist (im Gegensatz zum Deutschen).

Mich jedenfalls hat die Toleranz gegenüber der individuellen Sprache dort begeistert. Das heißt für mich nicht, dass ich alle Regeln über Bord werfen möchte. Gerade bestimmte Satzzeichen und Syntaxregeln erleichtern das Lesen ungemein. Aber es sind eben Regeln, die festgelegt wurden und die nicht als unumstößlich gelten sollten (denke ich). Ich liebe z.B. unsere Substantivgroßschreibung, aber irgendwie ist es doch nur eine Gewöhnungsfrage. Ich würde nie auf die Idee kommen, im Norwegischen die Substantive groß zu schreiben (weil es dort halt einfach nicht so ist). Dennoch kann ich gut erkennen, was ein Substantiv ist und was nicht.
Alles ist relativ. Die Verwendung des Genitivobjekts unterliegt seit hunderten von Jahren einem Wandel, es wurde immer weniger. Im Mhd. sprühte es nur so von kreativen Genitivkonstruktionen, die wir heute nur noch mit größter Mühe verstehen können. Und plötzlich werden Bücher über die „Vertreibung“ des Genitivs zum Verkaufsschlager, so, als wäre das etwas ganz Neues.
Unsere Sprache ist dynamisch, war sie immer und wird es immer bleiben. Regeln werden von Fachleuten festgelegt, aber sie sollten sich dabei v.a. nach dem Sprachgebrauch richten. Und Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden :wink:)

Grüße!