Hallo Wolfgang,
auf einige Dinge möchte ich Dir antworten.
Große Teile der antiken Philosophie (Aristoteles)
Hierzu teilt Dir der Gymnasiallehrer mit, dass er ausdrücklich nur von den LATEINISCHEN Autoren sprach und dass Aristoteles dazu nicht gehört.
und viele naturwissenschaftliche Werke kamen erst wieder ab
dem 10. Jhdt. via Byzanz und den islamischen Kulturkreis, wo
sie z. T. bewußt gepflegt wurden (Averroes, Avicenna), ins
muslimische Spanien und von dort in den Rest Europas.
Was hat das mit der lateinischen Kultur in den Klöstern zu tun?
Dass der Westen lateinisch geprägt ist im Gegensatz zum Osmanischen Reich hat eben mit der sprachlichen Affinität in Spanien und Frankreich (und natürlicherweise Italien) mit der lateinischen Antike zu tun.
Was die Palimpseste betrifft:
Dies gilt z. B. für Teile der Texte von Caesar und Cicero und
Fragmente von Livius.
Für Cäsar ist es mir nicht bekannt; kannst Du bitte mitteilen, worum es sich da handelt? - Auch beim Geschichtswerk des Livius ist das ganz minimal, das musste nie neu entdeckt werden.
Cicero de re publica gehört dazu: Ich sprach ausdrücklich nicht von allen lateinischen Texten, sondern nur von den meisten. Und auch dieser Palimpsest wurde in einem Kloster entdeckt, Bobbio, also war das Werk gerade auch dort vorhanden. (Und: Entdeckt hat ihn ein Kardinal, Angelo Mai, der also auch keinen Grund für eine Unterdrückung dieses Werks sah.)
Es wäre ein gewaltiger Irrtum, anzunehmen, dass es sich dabei um einen Akt bewusster Vernichtung handelt. Irgendein Abschreiber in einer klösterlichen Schreibstube brauchte, in diesem Fall für den Psalmenkommentar des Augustinus, Pergament und hatte eben keines. Dann schaute er durch, was in der Biobliothek eben verzichtbar sein könnte, und fand den Cicerotext.
Den hielt er für verzichtbar, wohl aus zwei Gründen: ganz sicher, weil Teile des Textes ohnehinbei Augustinus (in: de civitate Dei) und beim christlichen Schriftsteller Laktanz (Divinae Institutiones) gelesen werden können (und auch in den heutigen immer noch fragmentarischen Ausgaben viele Stellen von dort her ergänzt werden);
und der zweite Grund: Wahrscheinlich durfte er mit Recht annehmen, dass das Werk ja ohnehin noch vorhanden sei; denn gerade für diesen Cicero-Text mit dem - man kann ohne Übertreibung sagen: flammenden - Plädoyer (Buch III.) für die Gerechtigkeit bestand keinerlei Grund, es aus christlicher Sicht zu vernichten.
Ein Gymnasiallehrer sollte das eigentlich
wissen.
Man kann mir viel vorwerfen, und ich muss es mir gefallen lassen. Aber Unwissenheit und mangelndes Verständnis für das, worüber ich mich äußere, gehört vielleicht doch nicht dazu.
Auch wenn dieser „Kulturbruch“ natürlich schleichend
vonstatten ging, gibt es natürlich Gründe, warum im Wechsel
vom spätantiken zum frühmittelalterlichen Europa
jahrhundertelang z. B. keine steinerne Brücke mehr gebaut
wurde (werden konnte).
Ja sicher, die übliche Barbarei bei kriegerischer Landnahme. Habe ich das bestritten?
Außerdem: Gerade für die lateinische Fachschriftstellerei (z. B. zu Architektur, zu Ackerbau, zu Medizin) bestand überhaupt kein Grund, sie zu unterdrücken.
Noch einmal: Fast nichts von den Werken, die im frühen Mittelalter maßgeblich mitbeteiligt waren, dass eine lateinisch-europäische, auf der Antike aufbauende Kultur entstand, wäre ohne das bewahrende, vervielfältigende und ausbildende Wirken der Klöster vorhanden gewesen - ob einem das nun passt oder nicht.
Beste Grüße!
H.