Hallo Rolf,
Bei der unten aufgeführten Diskussion wurde deutlich, daß es
scheinbar unterschiedliche Erklärungen der Nirwana-Erfahrung
gibt.
‚Erklärungen‘ der Nirvana-Erfahrung können in unendlicher Zahl gegeben werden. Sie sind alle gleich richtig und vor allem sind sie gleich falsch, weil sich Nirvana als das Transzendente schlechthin jeglicher Erklärung, jedem in-Worte-fassen entzieht.
Von Auslöschung der Person kann aber dabei keine Rede
sein.
Von Auslöschung einer Person kann insofern keine Rede sein, als es keine Person gibt, die ausgelöscht werden kann. Eine Kerndoktrin des Buddhadharma ist ‚anatman‘, im Hinduismus wird der Dharma gelegentlich sogar explizit als ‚anatmavada‘ bezeichnet. Das heisst, nach der Lehre Buddhas gibt es kein Selbst, keine Seele / atman, keinen Wesenskern. Der pudgala - die Person - ist nur ein empirischer Begriff für ein vorübergehendes Konglomerat von Seinsfaktoren (skandhas). Dieser pudgala ‚übersteht‘ nicht den physischen Tod (die Auflösung der skandhas) und natürlich auch nicht das Erwachen, die Nirvana-Erfahrung. Die Person, der pudgala, ist durch und durch Illusion. Er existiert weder vor noch nach einer Nirvana-Erfahrung - die Erfahrung allerdings beseitigt die Verblendung (avidya), deren tiefste Wurzel gerade der Irrglaube an ein Selbst ist.
Es ist lediglich ein Freiwerden von Egoismus, vom Ich in
seiner natürlichen Funktion. Allerdings identifiziert man sich
mit dem Jiva, ohne dabei gänzlich den alten Adam loszuwerden.
Aus buddhistischer Sicht ist der Egoismus keine Funktion des Ich, sondern das sog. Ich ist eine Funktion von Egoismus - von Gier, Hass und Verblendung. Im Nirvana ‚versiegen‘ diese anfanglosen Antriebe und somit ist auch das Ich aufgelöst. ‚Jiva‘ ist ein dem Buddhadharma und seiner zentralen anatman-Doktrin völlig widersprechendes Konzept. Zum Unterschied zwischen ‚klesa-nirvana‘ und ‚skandha-nirvana‘ (parinirvana) - also zwischen dem Zustand des Erwachtseins und dem engültigen, auch körperlichen, Eingehen ins Verlöschen - siehe den unten von mir empfohlenen Link.
Wenn Du schon einen buddhistischen Kernbegriff wie ‚Nirvana‘ aus hinduistischem Blickwinkel interpretierst, dann solltest Du diesen Standpunkt fairerweise auch deutlich machen. Es ist immer problematisch (und womöglich gar Anzeichen intellektueller Bequemlichkeit), Kernbegriffe einer Religion aus dem Begriffskanon einer anderen heraus interpretieren zu wollen. Da redet man dann am eigentlichen Thema vorbei - so etwas führt nicht zu einem tieferen Verständnis der anderen Religion, sondern lediglich zu einem bequemen Einordnen in die Denkschablonen der eigenen Religion. Dabei kommt dann ein solcher Unfug heraus wie ‚Nirvana als Gottesbegriff‘ oder ‚Identifikation mit dem Jiva in der Nirvana-Erfahrung‘.
‚Unfug‘ insofern, als da Begriffe aus einem Kontext, in dem sie durchaus Sinn machen mögen, in einem anderen Kontext verpflanzt werden, in dem sie störende und deplazierte Fremdkörper sind. So wird der zu erkärende Kontext entstellt und verdunkelt, nicht erhellt.
Freundliche Grüße,
Ralf