Noch eine Frage zur Selbstgefährdung

Hallo!

konkreter Fall:
Die Mutter einer Freundin leidet an einer Art allgemeiner Arztbehandlungs-Phobie (also nicht nur auf Spritzen oder Zähneziehen und dergleichen bezogen).
Zum Arztbesuch erpressen, überreden, Hilfe anbieten, mit Geld ködern seitens ihrer Familienangehörigen funktioniert seit Jahren nicht und hat ihr Problem nur verschlimmert.

Auch mein Angebot, sie stattdessen zu einem Psychologen zu begleiten, der erst mal nur das phobische Verhalten direkt angehen könnte, ist gescheitert, auch wenn sie die Notwendigkeit psychologischer Hilfe weitgehend einsieht.
Immerhin kann man aber über einen Psychologen-Besuch mit ihr halbwegs reden, im Gegensatz zum Arzt-Besuch, dessen Vorstellung sie in Panik versetzt, sobald es ein wenig ins Konkretere geht.

akutes Problem:
Seit einem Jahr hat sie irgendein Leiden am Fuß, das sie notdüftig und erfolglos selbst behandelt. Seit einigen Wochen ist ihr nun der große Zeh vollständig und die Kuppe des benachbarten Zehes teilweise abgefallen. Zuschauen mag da keiner der Angehörigen mehr, etwas gegen ihren Willen zu machen traut sich aber auch keiner, so dass Mann, Sohn und Eltern das Problem einfach verdrängen, die Tochter ist am Verzweifeln.

Bleibt eine andere Alternative als eine „Zwangsbehandlung“ einzuleiten?
Wer kann/darf diese in die Wege leiten?
Wie leitet man sie in die Wege, also wohin wendet man sich am besten (Bundesland Bayern)?
Was läuft dann konkret ab?

Vielen Dank!

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Nunja,

das könnte ein Hinweis auf Zuckerkrankheit bzw. Raucherbein sein.

Hast Du sie mal gefragt, ob sie bei lebendigem Leib verfaulen möchte - ob sie überhaupt noch Interesse an einem Weiterleben hat?

fragender Gruß,

Anja

Hallo Candide

Bleibt eine andere Alternative als eine „Zwangsbehandlung“
einzuleiten?
Wer kann/darf diese in die Wege leiten?

Spontan würde mir nur der „Sozialpsychiaztrische Dienst“ einfallen, der, wenn gerufen, die Leute zuhause aufsucht und sieht: Aha, deutliche Eigengefährdung, weil Blutvergiftung droht durch unbehandelte Sekundärsymptomatik an den Extremitäten bei wahrschenlich Diabetes mellitus o.ä. - also ab in die nöchste Klinik durch ZWangseinweisung, welchselbe wir (der zuständige Sozialpsychiatrische Dienst) hiermit veranlassen.
Die Alternative ist natürlich stets, den Patienten auf eigenen Wunsch sterben zu lassen.
Es grüßt dich dein alter
Branden

Zwei Tipps plus Info
Hi Candide.

Zwei Tipps:

  1. Kassen finanzieren zunächst mal 5 Sitzungen bei einem Psychotherapeuten (Liste bei der Kasse). Nach diesen Sitzungen kann der Therapeut bei der Kasse weitere Sitzungen beantragen.

  2. Alternativ könnte man die Person dazu überreden, Beruhigungsmittel einzunehmen, die ihre Phobie für die Zeit eines Arztbesuchs stark mildern. Das setzt natürlich Einsicht in die Notwendigkeit eines Arztbesuchs voraus.

Gruß Horst

http://www.lexolino.de/c,wissenschaft_medizin_psycho…

Arztphobie

„Die Arztphobie bezeichnet die übersteigerte krankhafte Furcht vor dem Arzt, vor Ärzten. Menschen, die unter einer Arztphobie leiden, meiden den Umgang mit Ärzten. Diese Phobie bezieht sich auf Orte und Plätze, wo sich Ärzte in der Regel aufhalten (Krankenhaus, Praxis) als auch auf Gedanken an Ärzte. Die Angst der Betroffenen kann sich vorrangig auf die vermeintliche Erscheinung des Arztes beziehen oder/und auch auf dessen Fehlbarkeit bzw. dessen Folgen, die sich aus dem Arztfehler ergeben könnten.“

http://www.stern.de/wissenschaft/koerper/508184.html

„Sie verschleppen Infektionen und Entzündungen, behandeln sich selbst oder betäuben Schmerzen mit Alkohol: Rund drei Prozent aller Deutschen leiden an einer Blut-, Verletzungs- oder Arztphobie, wie die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde berichtet. Und im Unterschied etwa zur Spinnenphobie fallen viele der Patienten nach Angaben der Experten tatsächlich in Ohnmacht, wenn sie mit der gefürchteten Situation konfrontiert werden. Dennoch wüssten die wenigsten, dass die panische Angst vor Blut, Spritzen und Bohrern eine ernst zu nehmende und behandelbare Krankheit sei.“

Hallo Anja,

danke für deine Antwort.

Hast Du sie mal gefragt, ob sie bei lebendigem Leib verfaulen
möchte - ob sie überhaupt noch Interesse an einem Weiterleben
hat?

Ja, natürlich, solche Fragen hat man ihr hunderte Mal gestellt. Sie sieht das Problem ja auch ein, sobald man ihre ersten Rationalisierungen ein bißchen hinterfragt.

Aber sie fängt tatsächlich zu schwitzen und zu hyperventilieren an, wenn man nur, übertrieben formuliert, drei mal hintereinander den Begriff Arzt sagt. Das ist nicht gespielt, sie hat eine enorme Angst davor, die auch durch die drohenden Konsequenzen nicht überwunden werden.

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Danke Branden,

Bleibt eine andere Alternative als eine „Zwangsbehandlung“
einzuleiten?
Wer kann/darf diese in die Wege leiten?

Spontan würde mir nur der „Sozialpsychiaztrische Dienst“
einfallen, der, wenn gerufen, die Leute zuhause aufsucht und
sieht: Aha, deutliche Eigengefährdung, weil Blutvergiftung
droht durch unbehandelte Sekundärsymptomatik an den
Extremitäten bei wahrschenlich Diabetes mellitus o.ä. - also
ab in die nöchste Klinik durch ZWangseinweisung, welchselbe
wir (der zuständige Sozialpsychiatrische Dienst) hiermit
veranlassen.

Also könnte auch ich als total „Fremder“ da anrufen und die würden bei ihr vorbeischauen?

Weißt du zufällig, ob der SPD in Bayern den Gesundheitsämter angeschlossen ist?


Meinst du, die Dame spricht nachher noch mit mir?
Bzw. sie weiß ja, dass die Tochter dahintersteckt. Wie wird sie reagieren? Ich kann die Angst der Tochter vor diesem Schritt ja auch gut verstehen.

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Auch dir, Horst, meinen Dank!

  1. Kassen finanzieren zunächst mal 5 Sitzungen bei einem
    Psychotherapeuten (Liste bei der Kasse). Nach diesen Sitzungen
    kann der Therapeut bei der Kasse weitere Sitzungen beantragen.

Ok.
Das Problem ist, wie sie überhaupt mal zu dem freiwillig hinkommt.

  1. Alternativ könnte man die Person dazu überreden,
    Beruhigungsmittel einzunehmen, die ihre Phobie für die Zeit
    eines Arztbesuchs stark mildern. Das setzt natürlich Einsicht
    in die Notwendigkeit eines Arztbesuchs voraus.

Diese Einsicht ist schon vorhanden, allerdings glaube ich nicht, dass sie freiwillig Beruhigungs-/Betäubungsmittel einnehmen würde, weil da die Problematik ja quasi nur „vorgelagert“ wird.
Und ich glaube auch nicht, dass die herkömmlichen nicht-verschreibungspflichtigen Beruhigungsmittel dafür ausreichend sein würden.

Ihr etwas unterzumischen ist natürlich aus rechtlichen Gründen kein gangbarer Weg.

Aber ich werde hier mal bei ihrer Tochter nachhaken.

Dennoch
wüssten die wenigsten, dass die panische Angst vor Blut,
Spritzen und Bohrern eine ernst zu nehmende und behandelbare
Krankheit sei.“

Ich denke, wie bei jeder spezifische Phobie bestünden gute Behandlungschancen, das Vertrackte hier ist halt, dass der einzig mögliche Behandler (also wohl auch ein Psychologie) selbst das Objekt der Phobie ist. Es geht bei ihr halt nicht nur um Spritzen oder Blut, sondern um den Arztbesuch selbst.

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Nochmal Hi,

Das Problem ist, wie sie überhaupt mal zu dem freiwillig
hinkommt.

Und wie wäre es, wenn ihr einen Arzt sucht, der einen Hausbesuch macht (soll es tatsächlich noch geben)? Wäre es dann einfacher?

Gruß,

Anja

Hi Candide

Also könnte auch ich als total „Fremder“ da anrufen und die
würden bei ihr vorbeischauen?

Ja, zumindest läuft es bei uns in Berlin so ab.

Weißt du zufällig, ob der SPD in Bayern den Gesundheitsämter
angeschlossen ist?

Das weiß ich nicht, aber wie ich Bayern einschätze: Wenn da irgendwas SPD heißt, kann es nicht gesund sein :wink:

Meinst du, die Dame spricht nachher noch mit mir?

Immerhin k a n n sie dann überhaupt noch mit jemandem sprechen, weil sie dann voraussichtlich noch am Leben ist.

Bzw. sie weiß ja, dass die Tochter dahintersteckt. Wie wird
sie reagieren? Ich kann die Angst der Tochter vor diesem
Schritt ja auch gut verstehen.

Man sollte der Dame unmissverständlich klarmachen, dass sie die Wahl zwischen baldigem und wenier angenehmem Ableben oder einer Behandlung hat. Dann kann sie immer noch beleidigt tun, wenn sie unbedingt will.
:wink:
Es grüßt dich
Branden

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Gute Idee, Andrea.
Variante dazu: Man könnte auch den kassenärztlichen Notdienst rufen. Dann kann der Kollege da vor Ort eine „schnelle Hilfe“ zum Kankenhaus anfordern (so machen wir das in Berlin, wenns nötig ist) und ein Krankenwagen holt sie ab und dann wird sie ihm Krankenhaus behandelt.

Hi Anja!

Das Problem ist, wie sie überhaupt mal zu dem freiwillig
hinkommt.

Und wie wäre es, wenn ihr einen Arzt sucht, der einen
Hausbesuch macht (soll es tatsächlich noch geben)? Wäre es
dann einfacher?

So ähnlich haben wir es jetzt auch gemacht.
Der Hausarzt ihrer Tochter wird morgen dankenswerterweise vorbeischauen und wird dann das Nötige in Bewegung setzen.

Danke nochmal an alle Antworter!

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Ich meine natürlich: Anja, nicht Andrea

Ich meine natürlich: Anja, nicht Andrea

Danke, Branden *knicks*

Anja

Hallo Candide,

gebe nur mal meine Meinung dazu ab: Ich finde es völlig unerheblich, ob sie danach noch mit Dir spricht (sorry), aber darauf vertrauen, dass sie es Dir danken wird (später einmal). Schließlich ist es weniger schlimm zu einem Arzt zu gehen / in die Psychiatrie eingeliefert zu werden (auch wenn man Angst davor hat) als seine Körperteile zu verlieren.

Es ist gut, wenn ihr endlich jemand hilft. Die Idee mit dem SPD ist super. In Niedersachsen läuft das auch so wie in Berlin, warum sollte es in Bayern anders sein.

VG
Anwärter

P.S. Eine Phobie ist ja eine „grundlose“ Angst, oder besser gesagt das Objekt der Angst hat nichts mit der Ursache zu tun. Die Angst ist auf das Objekt bezogen unrealistisch, daher kann es nicht so schlimm sein, einen Arztbesuch „zu erzwingen“. Aber vielleicht geht es auch anders, habe mir die oberen Antworten noch nicht durchgelesen.

1 „Gefällt mir“

Hallo!

Danke auch für deine Antwort.

gebe nur mal meine Meinung dazu ab: Ich finde es völlig
unerheblich, ob sie danach noch mit Dir spricht (sorry), aber
darauf vertrauen, dass sie es Dir danken wird (später einmal).
Schließlich ist es weniger schlimm zu einem Arzt zu gehen / in
die Psychiatrie eingeliefert zu werden (auch wenn man Angst
davor hat) als seine Körperteile zu verlieren.

Schon klar.
Ich wollte das auch weniger auf mich beziehen als auf ihre Familienangehörigen bzw. ihre (erwachsene) Tochter, die das jetzt in die Wege leitet. Da gilt das von dir Gesagte natürlich grundsätzlich auch, aber die Sorge über ihre zu erwartende Reaktion ist für diese sicher nicht unerheblich.

Es ist gut, wenn ihr endlich jemand hilft. Die Idee mit dem
SPD ist super. In Niedersachsen läuft das auch so wie in
Berlin, warum sollte es in Bayern anders sein.

Es ging mir ja um die konkrete Anlaufstelle, und da gibts offensichtlich Bundesland-spezifische Unterschiede, weil das ganz ja auch m.W. größtenteils auf Landesgesetzgebung beruht.

P.S. Eine Phobie ist ja eine „grundlose“ Angst, oder besser
gesagt das Objekt der Angst hat nichts mit der Ursache zu tun.
Die Angst ist auf das Objekt bezogen unrealistisch, daher kann
es nicht so schlimm sein, einen Arztbesuch „zu erzwingen“.

Das kann man so, glaube ich, nicht sagen.
Ist aber für den konkreten Fall jetzt auch nicht so wichtig um es zu diskutieren.

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Nur noch zur Erklärung meiner Fehlleistung: Eine unserer Freundinnen hier in Berlin heißt Andrea Adler.
Es grüßt dich
Branden

Hi nochmal Candide

Aber sie fängt tatsächlich zu schwitzen und zu
hyperventilieren an, wenn man nur, übertrieben formuliert,
drei mal hintereinander den Begriff Arzt sagt.

Das erinnert mich an den Film „Candy Man“, wo man dreimal seinen Namen in einen Spiegel rufen musste, dann erschien er und „machte einen alle“ (Berlinisch ausgedrückt).
Man könnte das evtl. verhaltenstherapeutisch nutzen (und das sage ich als alter Analytiker *g*), indem man immer wieder „Arzt, Arzt, Arzt“ zu ihr sagt, bis sie darauf nur noch mit einem müden Lächeln reagiert.
Es grüßt dich
Branden