Noch einer mit depressionen

Moin,

es gibt schon einige Posts zu diesem Thema aber ich würde meine „Geschichte“ gerne loswerden. Habe schon mit Freude gelesen, dass es einige sehr Fachkundige Experten zu dem Thema gibt.

Erstmal zu meiner Situation: Ich war das letzte Jahr über in Australien und habe dort mein Studium beendet (und das sehr erfolgreich). Vor fünf Wochen habe ich meine dortige Heimat verlassen und bin mit meinem Rucksack losgezogen, um das Land zu erkunden. Darauf hatte ich mich die ganze Zeit sehr gefreut aber schon nach zwei Tagen fühlte ich mich elend, antriebs- und freudlos. Dieser Zustand hält bis jetzt an und hat sich in den letzten drei Wochen (seit ich zurück in Deutschland bin also) noch
deutlich verschlechtert.

Eine sehr belastende Auswirkung dieses Zustandes ist meine Appetitlosigkeit - ich hatte seit fünf Wochen quasi keinen Appetit mehr und habe bereits fünf Kilo abgenommen.

Ansonsten plagt mich natürlich die klassiche depressive Stimmung: Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, der Zwang zum Grübeln, Gefühle der Wertlosigkeit. Da ich keine Freude mehr empfinden kann (an den Sachen, für die ich früher alles stehen und liegen gelassen hätte), steht diesen negativen Stimmungen nichts entgegen. Ich weiß, dass Rückzug nicht die richtige Strategie ist und trotzdem verspüre ich immer mehr den Drang, mich zu isolieren und einfach „den Tag zu durchstehen“.

Hinzu kommt, dass mich überdies noch Zustände der Angst plagen. Letztes Wochenende besuchte ich Freunde in einer anderen Stadt. Ich machte einen halbstündigen Abendspaziergang. In dieser Zeit hatte ich selbst meinen Kopf mit sovielen (unnötigen) schlechten Gedanken gefüllt, dass mich Schwindelgefühl, Verwirrung und namenlose Angst plagten. Bei meinem Kumpel angekommen musste ich mich für mehr als zwei Stunden hinlegen, um wieder halbwegs klar zu kommen. Am nächsten Morgen brach ich meinen Besuch ab und fuhr nach Hause.
Solche unbegründeten Ängste ereilen mich quasi jeden Tag, sofern ich mein gewohntes Umfeld verlasse (wenn auch nicht so gravierend)…beim Autofahren, beim Stadtbummel, sogar im Kino.

Es gibt momentan eine Sache, bei der ich mich wirklich gut fühle: Sport. Ich laufe alle zwei Tage ca. 10km. Nach 5min Laufen sind auf einmal die schlechten Gedanken ausgetauscht gegen gute. Ich grüble immer noch die ganze Zeit über die Zukunft aber in positiven Bildern. Leider endet dieses Hoch sobald ich mein Training beende.

Eine Sache noch: die Verbindung Stress-Appetitlosigkeit ist altbekannt. Es genügt teilweise, wenn mir jemand schief aufs Essen guckt oder mir beim Futtern eine unerwünschte Frage stellt, um meinen Appetit komplett zu verderben - ich kann dann nichts mehr essen. Auch unnötig überhöhte Prüfungsangst ist bei mir nichts neues. Selbst wenn mein Kopf weiß, dass ich bestens vorbereitet bin - mein Unterbewusstsein sendet andere Signale.
Man könnte also annehmen, dass all die Dinge, durch die ich bis jetzt immer noch ganz gut durch gekommen bin sich jetzt in dieser entscheidenden Phase sehr laut zu Wort melden und mich depressiv machen.

Zur Zeit brauche ich jedoch alle meine Kräfte. Ich habe mich bereits bei vielen Jobs beworben und in der nächsten Woche stehen erste Vorstellungsgespräche an. Ich bin momentan davon überzeugt, dass ich keinen Job ausführen kann - wie auch, wenn ich drei Stunden nach dem Aufstehen schon wieder schlafen gehen könnte. Denkbar schlechte Einstellung für ein Vorstellungsgespräch!

Ich brauche also wirklich schnelle Hilfe. Seit die Beschwerden bestehen, habe ich intensiv autogenes Training betrieben. Wie auch homöopathisch Mittel und Bach’s „Notfalltropfen“ hat’s leider nicht viel geholfen. Ich bin ein großer Freund von alternativen Heilmethoden und will diese auch benutzen, um meine Probleme auf lange Sicht in den Griff zu bekommen. Im Moment jedoch "muss ich „funktionieren“ und schrecke deshalb auch vor der chemischen Keule nicht zurück.

Liebe Experten und Laien, über Eure Ratschläge und Kommentare würde ich mich sehr freuen. Insbesondere interessieren mich natürlich Erfahrungen mit Medikamenten. In einer anderen Diskussion wurde z.B. „Remotiv“ aus Johanniskraut empfohlen.

Vielen Dank für’s lesen.

Viele Grüße
Chris

So was wie Burn-Out?
Guten Tag Chris,

könnte es sein, dass du dich für dein Studium extrem engagiert hast? Und außer etwas körperlicher Aktivität kaum Hobbies nachgegangen bist und menschliche Kontakte gelitten haben?

Für mich hört sich dass so typisch wie der Bedarf nach Ruhe, nach einem langen harten Kampf an. Jetzt bist du durch die Zielgerade und lässt alles Hängen, weil dein Organismus es braucht.

Dann gib ihm noch etwas Ruhe. Und wenn du der Meinung bist, die hattest du jetzt genug, dann bist du IMHO in einer Psychotherapie richtiger aufgehoben. Fragt sich nur ob beim einem Therapeuten mit psychologischem oder mit psychiatrischer Grundausbildung.

Gruß

Stefan

Danke Stefan,

während meines Studiums ging es mir sehr gut. Der Stress-Level variierte Stark (Zwischen Anfang des Semesters und der Prüfungszeit). Ich habe regelmäßig Sport getrieben, gut gegessen und Zeit mit meinen Freunden verbracht. Es war also nicht so, dass ich da ein Jahr nur unter Dauerstrom stand.
Der Plan war ja, dass ich mir auf meiner Rucksackreise Ruhe gönne. Allerdings kam ich nicht zur Ruhe und hatte ständig das Gefühl, ich müsse woanders sein und etwas anderes machen (Job suchen, Sicherheiten im Leben aufbauen). Nun habe ich berufliche Schritte in die Wege geleitet und es stellt sich trotzdem keine Besserung ein.

Viele Grüße
Chris

gib dir auch zeit
hi,

der „hänger“ oder australisch „hang-over“ nach bestandenem studium ist ein absolut emotional regelhafter klassiker! habe ich selbst erlebt.

bei dir kommen noch zwei dinge erschwerend hinzu (und die sind wahrscheinlich in ihrer summer verantwortlich für die heftigkeit der probleme):

  1. der wechsel von autralien zurück nach deutschland, was mit erheblichen umstellungen verbunden ist:

anders wetter, andere mentalität, andere menschen, andere umgebung, anderer eindruck, andere sprache…hast du vielleicht noch liebe studienkollegen verloren, die du auch vermißt?

  1. der wechsel vom studenten zum arbeitnehmer und die damit verbundenen lebensfragen sowie die potentiell aufregende und beängstigende phase der bewerbungen (das sollte man nicht herunterspielen!)

was tun?

sorge für dich und schaffe dir situationen, die dir guttun, mit „funktionieren“ ist der total falsche weg eingeschlagen, besser wäre „dranbleiben“ oder „sich mühe geben“, aber das tust du. dass du läufst, ist sehr gut, aber anscheinend nicht ausreichend, was bewirken sollte, dass du es nicht lässt, sondern als „insel“ für dich weiter nutzt. wohltuend wird für dich sein, anderen zu sagen, wie platt du im moment bist und dass die lebenssituatiuon nach der rückkehr von down under dich gerade überfordert. zeige anderen vieleicht mal fotos von deiner zeit dort und erzähle. mach ne flatrate zum telefonieren mit den dortigen freunden (40€), usw.

wenn depression zu heftig wird und angst hinzukommt, besteht das langfristige risiko, eine längere depression zu entwickeln, das heisst, vielleicht solltest du dich nicht unbehandelt lassen. kläre das mit einem psychotherapeuten, mit dem du eine individuelle absprache treffen solltest, was du dir wünschst. ich kann dir sagen, dass gespräche an der richtigen stelle den selben effekt haben können wie medikamente. zögere nicht, dir professionell helfen zu lassen, neuste studien zeigen, dass es im schnitt 7 jahre dauert, bis menschen mit psychischen störungen sich behandeln lassen. in dieser zeit brechen dann kontakte ab, werden jobs geschmissen, ehen geschieden und: das gehirn baut sich angesichts einer krise um, es werden neuronale verknüpfungen gebildet, die beim beginn der störung einfacher zu behandeln sind, als nach jahren, wenn das gehirn schon feste neue „krankheits-strukturen“ aufgebaut hat.

die gesundheit ist übrigens alles. wenn du dich nicht fähig fühlst, ein bewerbungsverfahren durchzustehen, muss es eben warten, womit willst du sonst arbeiten, als mit einem gesunden körper? versuchen könntest du es allerdings trotzdem, und zwar ohne medikamente, mehr als schiefgehen kann es nicht und es würde angst entgegenwirken, es einfach mal zu versuchen. entscheide selbst.

Hallo Chris,

Du hast schon in einer Antwort von „Freunden“ geschrieben - gab oder gibt es auch eine (Liebes-) Beziehung?

Moin Chris
Wenn man so en intensives Jahr mit weit-weg-Abenteuer und Studium hinter sich hat und man dann gleichsam in der Lücke steckt, bevor man einen neuen Lebensabschnitt beginnt - das hat schon so manchen in Angst und Depression stürzen lassen.
Ein bißchen wird wohl auch mitspielen, w a s für ein Studium du abgschlossen hast und wie k o n k r e t dann deine Perspektiven jetzt sind. Man hängt ja mit einem abstrakteren Studium eher in der Luft als mit sowas Konkretem wie z.B. Medizin.
Es ist aber auch nichs EHrenrühriges, wenn man in dieser Zeit therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt. Diese gibt es ja glücklicherweise überall zuhauf.
Gruß,
Branden

Danke für die Tips.

Unter Liebeskummer leide ich momentan übrigens nicht. Bin zwar Single aber es ist in dem Bereich alles ok.
Alpha, was du über den hangover geschrieben hast ist bestimmt der richtige Ansatz. Ein Freund von mir erlebte nach seiner Australien-Rückkehr das selbe. Er begab sich schlussendlich in Behandlung und man verschrieb ihm ein Antidepressivum.
Auch mit dem „Funktionieren“ hast du wohl recht. Wenn’s nicht geht, geht’s halt gerade nicht.

Gruß
Chris

Hilfe zuhauf?
Hallo!

Es ist aber auch nichs EHrenrühriges, wenn man in dieser Zeit
therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt. Diese gibt es ja
glücklicherweise überall zuhauf.

Ersterem stimme ich voll zu. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen, eher ein Zeichen von Stärke.

Dass es Hilfe zuhauf gibt, kann ich leider nicht bestätigen. Nachdem ich in verschiedenen Städten schon versucht habe, ebendiese Hilfe zu erhalten, möchte ich vor zu großen Erwartungen warnen: Ich habe zig Therapeuten abtelefoniert, fast alle haben Wartezeiten von über einem halbem Jahr! Bei mir führt das leider dazu, dass ich dann aufgebe, ich hab mich nichtmal auf eine der Wartelisten setzen lassen…

Als Anlaufstellen empfehle ich evtl. eine entsprechende Ambulanz, falls es sowas gibt oder auch Beratungsstellen von Caritas und ähnliches. Da hat man wenigstens erst einmal einen Ansprechpartner, der einem den weiteren Weg weist.

Schöne Grüße
kernig

Hi kernig

Ich habe zig Therapeuten abtelefoniert,
fast alle haben Wartezeiten von über einem halbem Jahr!

Da hast du kein glückliches Händchen gehabt, fürchte ich.
Bei mir bekommen die Leute, die anrufen, meist innerhalb von ein, zwei Wochen einen Termin. Es ist selten, dass mein Terminalender so demaßen vollgeknallt ist, dass ich keinen mehr einbestelle. Ich shaue immer zuerst, ob es gut „passt“, ob man zusammen gut arbeiten kann usw. Eine Beratung ist minestens imm er drin. Soviel Zeit solle jeder haben.

Als Anlaufstellen empfehle ich evtl. eine entsprechende
Ambulanz, falls es sowas gibt oder auch Beratungsstellen von
Caritas und ähnliches.

Genau. Mein altes Heimat-Psycho-Institut hat so eine Anlaufstelle, wo dann auf uns niedergelassene Therapeuten veteilt wird. Da geht imme was. Und das in Berlin, wo fast jeer Psychotherapie machen will!
Gruß,
Branden