Hi Judith,
was prägt einen Menschen, wieso ist er so, wie er ist? Das ist immer eine komplexe Mixtur aus Erziehung, Sozialisation, psychischer und physischer Prädisposition und der Art, wie jemand die Welt wahrnimmt.
Zu meinem Bekanntenkreis gehört ein Psychologe, der in der rettungsdienstlichern Notfallseelsorge sehr engagiert ist und nicht nur fachlich, sondern auch menschlich zu den besten Mitarbeitern der hiesigen Notfallseelsorge gehört. Wir sind privat befreundet, haben aber auch beruflich oft miteinander zu tun und reden daher öfters über Einsätze, sozusagen Supervision „auf dem kleinen Dienstweg“ abseits der offiziellen Schiene.
Einer seiner längsten und schwierigsten Einsätze war vor ein paar Monaten der Suizid eines jungen Mannes, der auch ungefähr Mitte 20 war und wo es akut und auch 1, 2 Tage später noch um die Betreuung der Familie ging.
Der Suizidand hat sich im Keller des elterlichen Hauses erhangen und in der späteren Betreuung der Familie zeigte sich: es gab eine längere Krankengeschichte mit Depressionen (dasselbe übrigens auch in der Biografie der Mutter), die aber sehr gut im Griff zu sein schienen.
Der junge Mann hatte in den vorhergehenden Wochen ein paar Prüfungen im Studium versemmelt - ärgerlich, aber nichts, was nicht in ein paar Wochen wieder eingeholt gewesen wäre. Sein Umzug in eine neue Wohnung hatte nicht geklappt weil die neue Bude nicht so schnell frei war wie gedacht, während er aus der gekündigten Wohnung ausziehen musste. Das war auch der Grund, wieso er kurzzeitig im elterlichen Haus untergeschlüpft war. Er bewohnte dort für wenige Wochen eine ansonsten leer stehende Einliegerwohnung und die Aussicht war, demnächst in die dann freie Studentenbude zu ziehen. Auch in dieser Hinsicht also eigentlich nichts wirklich Schlimmes und die Aussicht, dass demnächst alles wieder ganz normal im Lot ist.
Vor ein paar Wochen hatte ihm seine Angebete gesagt, dass es mit einer Beziehung nichts wird, man aber gerne befreundet sein könne wenn das für ihn OK ist. Nach ein paar Tagen der verständlichen Enttäuschung schien auch das aber akzeptiert, OK und verarbeitet zu sein.
Der leibliche Vater hatte sich erschossen als der Junge 4 Monate alt war, die Mutter war in 2. Ehe „normal glücklich“ (also keine speziellen Probleme) verheiratet. Der 2. Mann galt dem Sohn als sein Papa, das Verhältnis war ungetrübt und wie es zwischen Vätern und Söhnen sein soll.
Der Vater ist erfolgreicher Ingenieur, mehrere Geschwister nach dem Studium in guten Jobs über Deutschland verteilt. Man hat allgemein ein recht gutes Verhältnis untereinander, die sozialen Familienstrukturen scheinen gut zu funktionieren.
Da der Vater außerhalb arbeitet und immer nur am Wochenende nach Hause kommt, die Geschwister auch nicht mehr dort wohnen, war die Schwester der Mutter öfter zu Besuch und der Sohn hatte Tage vor seinem Suizid zu seiner Tante gesagt, ob sie nicht dort einziehen wolle - dann sei die Mutter nicht so alleine wenn er nicht mehr da ist.
Dann ward der Sohn einen ganzen Tag lang nicht gesehen, als er auch am 2. Tag nicht auftaucht, geht man mit einem Nachschlüssel in der Einliegerwohnung nachschauen - und dann völlig unerwartet die Katastrophe, die Mutter findet den Sohn an der Türklinke erhangen.
Alle sind völlig fassungslos, hatten damit absolut gar nicht gerechnet und verstehen nicht, wieso das passiert ist. Lange wird diskutiert, es müsse doch Warnhinweise gegeben haben und wieso die nicht erkannt wurden, ob man sie denn als solche hätte erkennen können usw.
Aus Sicht der Familie war vorher nichts Auffälliges passiert und die Schlappen mit den misslungenen Prüfungen oder die Terminschwierigkeiten mit der Wohnung Peanuts, denen man keine Beachtung geschenkt hat. Dass man nicht jede Frau kriegt, in die man sich verliebt - naja, das kennt jeder. Relative Kleinigkeiten, die alle zu beheben sind und viele Menschen nur mäßig aus der Bahn werfen.
Aus Sicht des Sohnes könnte es aber vielleicht - man kann es ja nicht mehr in Erfahrung bringen da er tot ist - so ausgesehen haben:
- Vater und Geschwister sind beruflich erfolgreich. Er selber scheitert in Prüfungen und kann nicht so Recht mithalten
- er verliert seine Wohnung und hat kein Zuhause. Wieder bei den Eltern einziehen zu müssen (dass es nur vorrübergehend ist, nimmt er nicht als relevant wahr) erlebt er als ein Scheitern, er kann offenbar nicht auf eigenen Beinen stehen
- in der Liebe hat er Pech. Seine Angebetete erhört ihn nicht.
- er hat in der Vergangenheit gelernt, dass Wut und Gewalt Probleme lösen. Auch wenn die Gesellschaft der Gutmenschen immer etwas anderes vermitteln will - im realen Leben gibt der Klügere manchmal nicht nach, siegt am Ende nicht immer die Gerechtigkeit, zählen nicht innere Werte sondern äußerer Schein.
Wenn sich das mit einem depressiven Charakter mischt und es dazu eine familiäre Anamnese gibt (psychische Probleme bei der Mutter vor ein paar Jahren, das Beispiel des leiblichen Vaters, der auch den Freitod wählte) kann es passieren, dass dieser Mensch den Suizid als seine Strategie zur Lösung seiner Probleme sieht.
Ich würde vielleicht mit Freunden quatschen, du würdest die Zähne zusammen beißen („Augen zu und durch“), wieder ein anderer findet so ein Leben sogar interessant und sagt „Es gibt kein Gelingen, aber verschieden interessante Wege zu scheitern“ (Zitat von Nena), und nimmt es mit Humor. Der nächste besäuft sich und packt es dann an, seine Sachen zu regeln.
999 Leute gehen irgendwie damit um, der eine so, der andere so. Der 1000. hat einen Tunnelblick und fokussiert sich nur noch auf die fixe Idee, sein als sinnlos empfundenes Leben oder sein Scheitern durch Suizid zu lösen. Das ist im Grunde nur eine weitere - seine - Lösungsstrategie, die nicht besser oder schlechter ist als alles andere. Es ist uns, die wir anders ticken, zwar unverständlich und erscheint unangemessen, nur wer ist objektiv und kann es beurteilen?
Die Bemerkung an die Tante, sie solle doch einziehen damit die Mutter demnächst nicht alleine sei, schien in dem Moment nur eine banale Bemerkung. Man konnte nicht wissen, dass das einen tieferen Sinn hatte und der Junge da offenbar schon seinen Suizid plante. Im Nachhinein kann man sich das zwar klar machen, aber in dem Augenblick war es nicht erkennbar.
Lange Rede, wenig Sinn: du kannst nie bis ins Letzte ergründen, wie andere Menschen die Welt sehen, wie sie Dinge bewerten und was das innerlich mit ihnen macht. Jeder ist ein hochkomplexes Produkt seiner Lebensumstände, seiner Gene, seiner Wahrnehmungen.
So wird es auch in den Fällen sein, die du erlebt hast. Dir erscheinen die Suizide unverständlich und sinnlos. Du würdest solche Situationen nie so angehen, aber die Betroffenen haben es als Lösungsmöglichkeit gesehen. Sie haben es vielleicht (aber nicht unbedingt) getan um andere zu bestrafen, vielleicht waren es Kurzschlüsse und vielleicht hätte nur irgendwo eine Weiche anders gestellt werden müssen und alles wäre anders gekommen - wenn man in dem Moment gewusst hätte, das man gerade Weichensteller ist. Da man es aber nicht weiß, darf man sich später auch keine Vorwürfe machen. Selbst wenn man im Nachhinein Dinge besser versteht oder anders bewertet - in dem Moment, als es passierte, wustte man es nicht anders.
Es waren die Entscheidungen derjenigen, die sich suizidiert haben weil sie diese Antworten / Lösungen auf ihre Lebensumstände gegeben haben. Du hättest es womöglich anders gemacht, ich wahrscheinlich auch; aber wie sehen die Welt aus unseren Augen und nicht aus denen anderer Menschen. Diese Leute haben für sich eben so entschieden. Am Ende muss man das akzeptieren. Nicht nur weil man die Tatsachen sowieso nicht mehr verändern kann, sondern auch weil es im Menschsein liegt, dass jeder ein Individuum ist und die Welt anders sieht und anders darauf reagiert.
Alles Gute,
MecFleih