Noch einmal Thema Suizid

Hallo,

vielleicht stelle ich Fragen, die längst irgendwo beantwortet wurden, aber ich verdränge das Thema sonst sehr gerne und werde nur im Moment verstärkt darauf hingewiesen.
Von zwei bekannten Familien hat sich letzte Woche je ein Kind das Leben genommen, mit Mitte 20.
Eine Familie kenn ich nicht so gut, die andere dafür umso besser, schon seit bestimmt 2 Jahrzehnten, die Mutter war meine Klavierlehrerin über Jahre hinweg, später der Vater, ich war öfter bei denen zuhause und kannte die Kinder (es waren insgesamt 3). Mir persönlich erschien die Familie immer absolut bewundernswert, ich habe mich dort unheimlich wohl gefühlt, es war eine Art Ersatzfamilie, an der ich mich festhalten konnte, die mir quasi Vertrauen in die Zukunft gegeben hat, weil es in meiner eigenen Familie größtenteils nicht gut aussah.
Nun kann man immer sagen, dass man ja nie Einblick hat in Familien (auch die andere, die ich weniger gut kenne, wirkte zumindest auf mich immer sehr friedlich und positiv). Aber meistens hat man ja doch ein bestimmtes Gespür dafür, wer mit sich und anderen im reinen ist, wer respektvoll miteinander umgeht und wer nicht. Und diese beiden Familien taten all dies in meiner Wahrnehmung.
Ich hab mir speziell den Vater da oft als eigenen Vater gewünscht, hatte als Jugendliche auch mal Selbstmordgedanken, aber wäre nie soweit gegangen, das tatsächlich zu planen, zum Einen, weil die Hemmschwelle zu groß und das Nichtwissen, was danach kommt, zu bedrohlich scheint, zum anderen, weil ich das meinen Eltern (so sehr ich sie damals verachtet habe) nicht hätte antun können - vielleicht ist es auch deshalb so etwas wie ein Schlag ins Gesicht für mich, wenn ich sehe, dass jemand die Eltern hatte, die ich mir wünschte, und es ihm letzten Endes schlechter ging als mir… ich frage mich dann, warum… und ich bin ein Stück weit sogar böse auf ihn, dass er das seinen Eltern antat…

Ich weiß nicht, ich selbst möchte ja immer gern glauben, dass gewisse Dinge doch angeboren sind, Temperamente, Empfindsamkeiten, Arbeitsweisen u.ä., aber so viele in meinem Umfeld wollen mich oft überzeugen, dass letzten Endes alles Sozialisation ist. Und so hab auch ich bisher schnell gedacht „wenn sich ein junger Mensch umbringt, stimmt etwas mit dem Elternhaus nicht“.
Aber ist das denn so?
Gibt es Veranlagungen, die bei einem Menschen die Hemmschwelle, sich umzubringen, verkleinern? Kann das Elternhaus noch so viel „richtig machen“ und muss trotzdem das eigene Kind zu Grabe tragen?

Ich bin mir klar, dass es auf sowas wohl keine allgemeingültige Antwort gibt und jeder Fall ein anderer ist. Wahrscheinlich brauch ich grad nur ein paar Einsichten in das Thema von außen, sonst spekuliere ich selbst wild und sinnlos herum…

Gruß
Judith

Hallo Judith,

ich bin natürlich kein Fachmann und kann dir nur sagen, was ich davon halte.

Es soll, so weit ich weiß, ähnlich wie ein Suchtgen, ein Suizidgen geben, das sich vererbt.

Bei Menschen die das haben, ist die Hemmschwelle in prekären Situationen dann niedriger als bei anderen. Sie steigern sich besonders leicht und besonders schnell in eine Depression hinein, aus der sie keinen anderen Ausweg finden.

Zum Elternhaus könnte man vielleicht folgendes sagen:
Kinder mit schlechtem Elternhaus werden schon frühzeitig mit den Fährnissen des Lebens vertraut und müssen zwangsläufig lernen, damit fertig zu werden, bestimmte Überlebensstrategien zu entwickeln. Die können sie dann natürlich auch bei schweren Gefährdungen, die von außen kommen, anwenden.

Kinder mit gutem, liebevollem, behütendem (manchmal zu behütendem) Elternhaus stehen den ersten Schicksalsschlägen, die von außen kommen, z.B. Liebeskummer, Versagen im Beruf usw. oftmals völlig hilflos gegenüber. Auf einmal können ihnen die Eltern, die sonst immer geholfen haben, nicht mehr helfen.
Ausweglos.

Wohlgemerkt, dies ist lediglich meine Theorie.

Gruß, Nemo.

Danke Nemo für deine Antwort.
Ich bin einfach gerade noch ziemlich aufgewühlt durch das Ganze. Früher gab es Selbstmorde in meinem Umfeld höchstens bei Erwachsenen, das schien weit genug weg, nun ist es ein Kamerad meines Bruders, der jünger ist als ich. Es ist einfach seltsam, sich vorzustellen, was er alles noch nicht mal erleben konnte.

Es soll, so weit ich weiß, ähnlich wie ein Suchtgen, ein
Suizidgen geben, das sich vererbt.

aber wenn es sich vererbt, müsste dann die Familie nicht auch schon so veranlagt sein? Mir kommen alle anderen recht stabil vor. Bei dem besagten allerdings (den ich ja auch schon kannte, seit er Kleinkind war) hatte man öfter den Eindruck, dass da was nicht richtig „stimmt“ - im Vergleich zum Rest der Familie zumindest. Als mir zuerst gesagt wurde, einer der Söhne sei gestorben (da wusste ich noch nicht, dass es Selbstmord war), war mir sofort klar, welcher.
Ich lese allerdings auch grade eine Biografie der Familie Wittgenstein, in der sich drei von fünf Söhnen das Leben genommen haben, alle in recht jungen Jahren. Veranlagt? Sozialisation? hm…

Bei Menschen die das haben, ist die Hemmschwelle in prekären
Situationen dann niedriger als bei anderen.

Das vermute ich auch. Vielleicht gibt es auch Menschen, die - ähnlich wie sich manche Menschen im falschen Körper fühlen - sich grundsätzlich im Leben „falsch“ fühlen - und sei ihnen das Leben noch so schön gemacht worden.

Zum Elternhaus könnte man vielleicht folgendes sagen:
Kinder mit schlechtem Elternhaus werden schon frühzeitig mit
den Fährnissen des Lebens vertraut und müssen zwangsläufig
lernen, damit fertig zu werden, bestimmte Überlebensstrategien
zu entwickeln.

Das kann durchaus sein, wäre jetzt wohl keine Anleitung zu „schlechter“ Erziehung, kann aber auch befreien, diese Herangehensweise, dass man selbst als Elternteil nicht ständig perfekt sein muss.

Oder so.

Gruß
Judith

Es kann auch ganz anders sein
Hi!

ich bin natürlich kein Fachmann und kann dir nur sagen, was
ich davon halte.

Bei Menschen die das haben, ist die Hemmschwelle in prekären
Situationen dann niedriger als bei anderen. Sie steigern sich
besonders leicht und besonders schnell in eine Depression
hinein, aus der sie keinen anderen Ausweg finden.

Zum Elternhaus könnte man vielleicht folgendes sagen:
Kinder mit schlechtem Elternhaus werden schon frühzeitig mit
den Fährnissen des Lebens vertraut und müssen zwangsläufig
lernen, damit fertig zu werden, bestimmte Überlebensstrategien
zu entwickeln. Die können sie dann natürlich auch bei schweren
Gefährdungen, die von außen kommen, anwenden.

Bei Kindern, die aus ‚schlechtem‘ Elterhaus kommen und nie erfahren haben, dass sie liebenswert und wertvoll sind, entwickelt sich kein Selbstwertgefühl, kein Urvertrauen. Sie fühlen sich immer unfähig, falsch, nicht in die Welt passend, haben kein Selbstvertrauen. Daraus resultieren Depressionen. Und die führen in einer Krise manchmal dazu, dass jemand sich aufgibt und sich umbringt.

Kinder mit gutem, liebevollem, behütendem (manchmal zu
behütendem) Elternhaus stehen den ersten Schicksalsschlägen,
die von außen kommen, z.B. Liebeskummer, Versagen im Beruf
usw. oftmals völlig hilflos gegenüber. Auf einmal können ihnen
die Eltern, die sonst immer geholfen haben, nicht mehr helfen.
Ausweglos.

Kinder aus einem liebevollen Elternhaus erfahren, dass sie wertvolle Menschen sind, dass sie wichtig sind und richtig, so wie sie sind. Das gibt ihnen Selbstwertgefühl und inneren Halt, der ihnen hilft Krisen zu bewältigen.

Ich finde diese Theorie genauso plausibel. Und sie entspricht meiner persönlichen Erfahrung.

Insgesamt glaube ich, dass beide Theorien stimmen und sich nicht widersprechen.

LiebeGrüßeFlaschenpost

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Hallo Judith,

vielleicht haben diese Selbstmorde auch etwas in Dir erschüttert, Dein Bild von „heilen Familien“, das Du hattest?

Vielleicht war Deine Familie gar nicht so „kaputt“, wie die andere, in der Du Dich Zuhause gefühlt hast?

Was weißt Du konkret von den Menschen, die sich das Leben nahmen?
Reicht das, was Du darüber weißt, um zu beurteilen, dass sie nicht verzweifelt genug gewesen sein könnten?

(Eine theoretische Aussage dazu würde Dir vielleicht gar nichts nützen?)

LG, IHF

Hi,

vielleicht haben diese Selbstmorde auch etwas in Dir
erschüttert, Dein Bild von „heilen Familien“, das Du hattest?

ich denke, genau das habe ich doch schon gesagt - natürlich hat es ebendies getan.
Und natürlich habe ich genau hieran:

Vielleicht war Deine Familie gar nicht so „kaputt“, wie die
andere, in der Du Dich Zuhause gefühlt hast?

eben auch denken müssen. Nur hilft mir der Gedanke nicht weiter. Mit dem Thema meiner eigenen Familie befasse ich mich seit Jahren in Therapien, jetzt im Nachhinein mir zu sagen, sie sei ja „nicht so kaputt“ gewesen bzw. die andere, die mir Mut gegeben hat, ja „noch kaputter“ - diese Gedankengänge hab ich zuhauf, glaub mir, aber eben das ist es, was mir zu schaffen macht. Insofern könnte die bloße theoretische Aussage, dass Suizid nicht immer ausschließlich familiäre Ursachen haben muss, mir ganz schön Mut machen.

Was weißt Du konkret von den Menschen, die sich das Leben
nahmen?
Reicht das, was Du darüber weißt, um zu beurteilen, dass sie
nicht verzweifelt genug gewesen sein könnten?

Ich glaube nicht, dass ich hier beurteilt habe, er sei nicht verzweifelt genug gewesen. Dass ich nicht weiß, was in den Menschen vorging, weiß ich mit ziemlicher Sicherheit.

Gruß
Judith

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Hi Christine,

ich denke, das, was du anführst, ist eben das naheliegende, das, was ja jedem bewusst ist, und eben gerade deshalb diesmal erschüttert, weil das scheinbar nicht alles ist. Sicher wollte Nemo und auch ich nicht für ein hartes Elternhaus zur Abhärtung im Leben plädieren, aber ich sehe eben auch gerade, dass ein liebevolles Elternhaus vor solchen Dingen nicht schützen kann.

Insgesamt glaube ich, dass beide Theorien stimmen und sich
nicht widersprechen.

Das ist wohl wahr. Und es ist wohl auch wahr, dass es nichts ausschließlich „gutes“ gibt, sondern alles mehrere Seiten hat…

Gruß
Judith

Insofern könnte die bloße theoretische
Aussage, dass Suizid nicht immer ausschließlich familiäre
Ursachen haben muss, mir ganz schön Mut machen.

Was würde Dir das letztlich bringen? Würdest Du nicht dennoch weiter zweifeln? Bliebe nicht dennoch die Frage, ob es auch auf diese spezielle Familie zuträfe, dass sie nicht der Grund für den Selbstmord gewesen sei?

LG, IHF

Liebe Judith!

Ich antworte nur auf den unteren, den theoretischen, Teil.

Ich weiß nicht, ich selbst möchte ja immer gern glauben, dass
gewisse Dinge doch angeboren sind, Temperamente,
Empfindsamkeiten, Arbeitsweisen u.ä., aber so viele in meinem
Umfeld wollen mich oft überzeugen, dass letzten Endes alles
Sozialisation ist. Und so hab auch ich bisher schnell gedacht
„wenn sich ein junger Mensch umbringt, stimmt etwas mit dem
Elternhaus nicht“.

Vorab: Dein Terminus „Sozialisation“ meint natürlich auch weit mehr als das Elternhaus.

M.W. gibt es durchaus gewisse Hinweise auf ein „Suizid-Gen“ (wie Nemo unten schreibt), weil sich in Adoptionsstudien bei eineiigen Zwillingen hinsichtlich Suizidalität eine nicht unbeträchtliche Konkordanz zeigt, allerdings bei zweieiigen Zwillingen wiederum kaum.
Insofern würde ich schon von einer gewissen biologischen Disposition ausgehen, diese aber nicht überbewerten.

Familiale Dispositionen scheint es aber auf jeden Fall zu geben, etwa bei Häufungen psychiatrischer Erkrankungen in der Familie, bei einem aggressiven Konfliktverarbeitungsstil in der Familie, und eben auch bei gehäufter Suizidalität in der Familien.
Das wären dann die sozialisatorischen Faktoren, wo aber auch die Peer-Groups zu nennen wären.

Es wird aber teilweise auch eine Art familialer Disposition auf ‚Tiefenniveau‘ angenommen. V.a. die narzisstische Problematik einer gestörten Anerkennung in der frühen Mutter-Kind-Beziehung gilt hier als Risikofaktor, weil sich dies bei späteren Trennungserfahrungen usw. immer wieder aktualisiert, oder auch weil dem Kind später das Gefühl einer „bedingungslosen Anerkennung“ fehlt, also ein stabiles „inneres Objekt“, an dem er oder sie sich stets aufrichten kann.

Zum anderen mögen das oft Familienkonstellationen sein, in denen durchaus sehr respekt- und liebevoll miteinander umgegangen wird, in denen aber gerade deshalb (weil man dadurch so die Eltern nicht so leicht „entwerten“ kann, weil es deshalb nicht zu einem -innerlichen- Bruch mit ihnen kommt) oft sehr pathogene Muster auftreten können, wie beispielsweise das Gefühl, es dem beruflich erfolgreichen Vater nie gleichtun zu können, auch weil der Vater zu diesem Gefühl dadurch nachhaltig beiträgt, dass er sich etwa sehr subtil in der Bewunderung seiner Kinder immerfort sein eigenes Defizit an Anerkennung auszugleichen sucht.

_ ℂ Λ ℕ Ð I Ð € _

Familiale Dispositionen scheint es aber auf jeden Fall zu
geben, etwa bei Häufungen psychiatrischer Erkrankungen in der
Familie, bei einem aggressiven Konfliktverarbeitungsstil in
der Familie, und eben auch bei gehäufter Suizidalität in der
Familien.

Auf Grund meiner eigenen Geschichte vermute ich stark, daß sehr wohl Vererbung eine große Rolle spielt. Ich habe meinen Vater erst mit 23 kennengelernt und auch seine anderen vier Kinder und ebenso die übrigen Mitglieder seiner Familie, wie z.B. Geschwister. Ich hatte daher keine Ahnung, dass in dieser Familie eine ziemliche Suizidhäufung festzustellen war, litt aber selbst schon seit Teenagertagen an Depressionen mit häufigen Selbstmordgedanken. An der gemeinsamen Sozialisation kann es jedoch nicht gelegen haben.

Ich vermute daher, dass ein Serotoninmangel durchaus genbedingt sein kann. Seit über 30 Jahren nehme ich ständig entsprechende Medikamente und bin seither die Selbstmordgedanken los.

Übrigens hat einer meiner Halbbrüder ein paar Jahre nach unserem ersten Zusammentreffen Selbstmord begangen.

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Ein paar Gedanken
Hallo Judith,
ein paar Gedanken, die mir in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen sind, nachdem ich Dein Posting gelesen hatte.

Die meisten Erziehungskonzepte gehen paradoxerweise davon aus, daß alle Kinder gleich sind - was für ein Kind gut ist, muß für alle funktionieren. Aber Kinder sind nun mal unterschiedlich, so wie alle Menschen. Der eine braucht Frontalunterricht, der andere Waldorfpädagogik.

Mit Famiilien ist das nicht unbedingt anders. Was für das eine Kind „perfekte Eltern“ gewesen wäre, war für das andere die Hölle auf Erden. Ich glaube nicht, daß es so etwas wie eine gute Familie per se gibt. Dazu sind auch da Menschen zu unterschiedlich. Und manche Eltern sind vielleicht so perfekt, daß man als Kind an ihrem Übermenschentum geradezu zerbricht und sich nichts sehnlicheres wünscht, der Vater möge sich bitte nur einmal besaufen und ausfallend werden …

Die Mutter eines meiner besten Freunde hat sich nichts sehnlicheres gewünscht als Enkelkinder. Er ist schwul. Ich bin mir sicher, wäre ich ihr Sohn gewesen, hätten wir einige Konflikte weniger gehabt. Meine Mutter wiederum hatte ein „Alle Männer sind Schweine und behandeln Frauen wie Dreck“-Credo. Ich bin mir sicher, daß er einige Konfikte, die ich als heranwachsender Perverser mit meiner Mutter hatte, nicht gehabt hätte …

Es bleibt am Ende jedem selbst überlassen, zu beurteilen, ob seine Eltern es FÜR IHN gut oder schlecht gemacht haben. Daß die Eltern FÜR DICH alles richtig gemacht hätten, ist kein Beweis, daß der Suizid andere Gründe gehabt haben muss oder gar angeboren ist. Aber der Selbstmord ist genausowenig ein Beweis, daß die Eltern alles falsch genmacht haben. Es gibt auch Gründe außerhalb des Elternhauses, sich umzubringen.

Gruß,
Max

danke…
… an alle, Ihr habt mir mit Euren feinfühligen Mitgedanken ein wenig Licht in den wilden Spekulierdschungel gebracht.
Ich habe übrigens gestern erfahren, dass der besagte Selbstmörder ein Zwilling war, dessen Bruder aber 5 Monate zu früh als Totgeburt auf die Welt kam (oder irgendwie sowas). Und man hört auch hin und wieder, dass Zwillinge, die den „anderen Teil“ nicht mehr haben, sich nie *ganz* fühlen.

Vielleicht hat dies nun gar nichts damit zu tun, ist aber vielleicht doch auch ein Faktor (unter vielen), der zumindest dafür sorgte, dass der Junge mir insgesamt weniger ausgeglichen und vertrauensvoll erschien als seine Geschwister.

Ich danke Euch.
Grüße
Judith

Hi Judith,

was prägt einen Menschen, wieso ist er so, wie er ist? Das ist immer eine komplexe Mixtur aus Erziehung, Sozialisation, psychischer und physischer Prädisposition und der Art, wie jemand die Welt wahrnimmt.

Zu meinem Bekanntenkreis gehört ein Psychologe, der in der rettungsdienstlichern Notfallseelsorge sehr engagiert ist und nicht nur fachlich, sondern auch menschlich zu den besten Mitarbeitern der hiesigen Notfallseelsorge gehört. Wir sind privat befreundet, haben aber auch beruflich oft miteinander zu tun und reden daher öfters über Einsätze, sozusagen Supervision „auf dem kleinen Dienstweg“ abseits der offiziellen Schiene.

Einer seiner längsten und schwierigsten Einsätze war vor ein paar Monaten der Suizid eines jungen Mannes, der auch ungefähr Mitte 20 war und wo es akut und auch 1, 2 Tage später noch um die Betreuung der Familie ging.

Der Suizidand hat sich im Keller des elterlichen Hauses erhangen und in der späteren Betreuung der Familie zeigte sich: es gab eine längere Krankengeschichte mit Depressionen (dasselbe übrigens auch in der Biografie der Mutter), die aber sehr gut im Griff zu sein schienen.

Der junge Mann hatte in den vorhergehenden Wochen ein paar Prüfungen im Studium versemmelt - ärgerlich, aber nichts, was nicht in ein paar Wochen wieder eingeholt gewesen wäre. Sein Umzug in eine neue Wohnung hatte nicht geklappt weil die neue Bude nicht so schnell frei war wie gedacht, während er aus der gekündigten Wohnung ausziehen musste. Das war auch der Grund, wieso er kurzzeitig im elterlichen Haus untergeschlüpft war. Er bewohnte dort für wenige Wochen eine ansonsten leer stehende Einliegerwohnung und die Aussicht war, demnächst in die dann freie Studentenbude zu ziehen. Auch in dieser Hinsicht also eigentlich nichts wirklich Schlimmes und die Aussicht, dass demnächst alles wieder ganz normal im Lot ist.

Vor ein paar Wochen hatte ihm seine Angebete gesagt, dass es mit einer Beziehung nichts wird, man aber gerne befreundet sein könne wenn das für ihn OK ist. Nach ein paar Tagen der verständlichen Enttäuschung schien auch das aber akzeptiert, OK und verarbeitet zu sein.

Der leibliche Vater hatte sich erschossen als der Junge 4 Monate alt war, die Mutter war in 2. Ehe „normal glücklich“ (also keine speziellen Probleme) verheiratet. Der 2. Mann galt dem Sohn als sein Papa, das Verhältnis war ungetrübt und wie es zwischen Vätern und Söhnen sein soll.

Der Vater ist erfolgreicher Ingenieur, mehrere Geschwister nach dem Studium in guten Jobs über Deutschland verteilt. Man hat allgemein ein recht gutes Verhältnis untereinander, die sozialen Familienstrukturen scheinen gut zu funktionieren.

Da der Vater außerhalb arbeitet und immer nur am Wochenende nach Hause kommt, die Geschwister auch nicht mehr dort wohnen, war die Schwester der Mutter öfter zu Besuch und der Sohn hatte Tage vor seinem Suizid zu seiner Tante gesagt, ob sie nicht dort einziehen wolle - dann sei die Mutter nicht so alleine wenn er nicht mehr da ist.

Dann ward der Sohn einen ganzen Tag lang nicht gesehen, als er auch am 2. Tag nicht auftaucht, geht man mit einem Nachschlüssel in der Einliegerwohnung nachschauen - und dann völlig unerwartet die Katastrophe, die Mutter findet den Sohn an der Türklinke erhangen.

Alle sind völlig fassungslos, hatten damit absolut gar nicht gerechnet und verstehen nicht, wieso das passiert ist. Lange wird diskutiert, es müsse doch Warnhinweise gegeben haben und wieso die nicht erkannt wurden, ob man sie denn als solche hätte erkennen können usw.

Aus Sicht der Familie war vorher nichts Auffälliges passiert und die Schlappen mit den misslungenen Prüfungen oder die Terminschwierigkeiten mit der Wohnung Peanuts, denen man keine Beachtung geschenkt hat. Dass man nicht jede Frau kriegt, in die man sich verliebt - naja, das kennt jeder. Relative Kleinigkeiten, die alle zu beheben sind und viele Menschen nur mäßig aus der Bahn werfen.
Aus Sicht des Sohnes könnte es aber vielleicht - man kann es ja nicht mehr in Erfahrung bringen da er tot ist - so ausgesehen haben:

  • Vater und Geschwister sind beruflich erfolgreich. Er selber scheitert in Prüfungen und kann nicht so Recht mithalten
  • er verliert seine Wohnung und hat kein Zuhause. Wieder bei den Eltern einziehen zu müssen (dass es nur vorrübergehend ist, nimmt er nicht als relevant wahr) erlebt er als ein Scheitern, er kann offenbar nicht auf eigenen Beinen stehen
  • in der Liebe hat er Pech. Seine Angebetete erhört ihn nicht.
  • er hat in der Vergangenheit gelernt, dass Wut und Gewalt Probleme lösen. Auch wenn die Gesellschaft der Gutmenschen immer etwas anderes vermitteln will - im realen Leben gibt der Klügere manchmal nicht nach, siegt am Ende nicht immer die Gerechtigkeit, zählen nicht innere Werte sondern äußerer Schein.

Wenn sich das mit einem depressiven Charakter mischt und es dazu eine familiäre Anamnese gibt (psychische Probleme bei der Mutter vor ein paar Jahren, das Beispiel des leiblichen Vaters, der auch den Freitod wählte) kann es passieren, dass dieser Mensch den Suizid als seine Strategie zur Lösung seiner Probleme sieht.

Ich würde vielleicht mit Freunden quatschen, du würdest die Zähne zusammen beißen („Augen zu und durch“), wieder ein anderer findet so ein Leben sogar interessant und sagt „Es gibt kein Gelingen, aber verschieden interessante Wege zu scheitern“ (Zitat von Nena), und nimmt es mit Humor. Der nächste besäuft sich und packt es dann an, seine Sachen zu regeln.
999 Leute gehen irgendwie damit um, der eine so, der andere so. Der 1000. hat einen Tunnelblick und fokussiert sich nur noch auf die fixe Idee, sein als sinnlos empfundenes Leben oder sein Scheitern durch Suizid zu lösen. Das ist im Grunde nur eine weitere - seine - Lösungsstrategie, die nicht besser oder schlechter ist als alles andere. Es ist uns, die wir anders ticken, zwar unverständlich und erscheint unangemessen, nur wer ist objektiv und kann es beurteilen?

Die Bemerkung an die Tante, sie solle doch einziehen damit die Mutter demnächst nicht alleine sei, schien in dem Moment nur eine banale Bemerkung. Man konnte nicht wissen, dass das einen tieferen Sinn hatte und der Junge da offenbar schon seinen Suizid plante. Im Nachhinein kann man sich das zwar klar machen, aber in dem Augenblick war es nicht erkennbar.

Lange Rede, wenig Sinn: du kannst nie bis ins Letzte ergründen, wie andere Menschen die Welt sehen, wie sie Dinge bewerten und was das innerlich mit ihnen macht. Jeder ist ein hochkomplexes Produkt seiner Lebensumstände, seiner Gene, seiner Wahrnehmungen.

So wird es auch in den Fällen sein, die du erlebt hast. Dir erscheinen die Suizide unverständlich und sinnlos. Du würdest solche Situationen nie so angehen, aber die Betroffenen haben es als Lösungsmöglichkeit gesehen. Sie haben es vielleicht (aber nicht unbedingt) getan um andere zu bestrafen, vielleicht waren es Kurzschlüsse und vielleicht hätte nur irgendwo eine Weiche anders gestellt werden müssen und alles wäre anders gekommen - wenn man in dem Moment gewusst hätte, das man gerade Weichensteller ist. Da man es aber nicht weiß, darf man sich später auch keine Vorwürfe machen. Selbst wenn man im Nachhinein Dinge besser versteht oder anders bewertet - in dem Moment, als es passierte, wustte man es nicht anders.

Es waren die Entscheidungen derjenigen, die sich suizidiert haben weil sie diese Antworten / Lösungen auf ihre Lebensumstände gegeben haben. Du hättest es womöglich anders gemacht, ich wahrscheinlich auch; aber wie sehen die Welt aus unseren Augen und nicht aus denen anderer Menschen. Diese Leute haben für sich eben so entschieden. Am Ende muss man das akzeptieren. Nicht nur weil man die Tatsachen sowieso nicht mehr verändern kann, sondern auch weil es im Menschsein liegt, dass jeder ein Individuum ist und die Welt anders sieht und anders darauf reagiert.

Alles Gute,

MecFleih