Hallo Birgit.
Natürlich, da wird es - wie auch immer - gerechtfertigt und
gelebt. Und so entstehen dann kulturelle Schemen, die
verinnerlicht werden und daher auch nicht mehr hinterfragt
werden (können) (blinde Flecken).
Ich bestreite dieses für das Judentum und mir scheint es die Sicht von aussen zu sein, welche auf vielen Missverständnissen aufbaut (siehe weiter unten).
Ich weiß, dass diese Grundsätze noch praktiziert werden. Und
ich weiß, dass es nichts mit körperlicher Reinheit zu tun hat
- aber das genau ist ja das Schlimme!
Warum ist dies „das Schlimme“?
Es gab/gibt immer noch Kulturen (und auch meines Wissens sehr
radikale jüdische Strömungen praktizieren es), in denen
menstruierende Frauen „nicht gesellschaftsfähig“ sind, was in
dem Fall heißt: den (auch gesellschaftlichen) Umgang mit
Männern (!) meiden, vor Wiederaufnahme in die
Gesellschaft/religiöse Gemeinschaft sind rituelle Reinigungen
durchzuführen etc.
Ja, ich gehöre dazu und daran ist nichts radikal. Allerdings vermischst Du hier vieles und interpretierst hinterher dieses Gemisch.
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In der Orthodoxie sind die Geschlechter getrennt. Dieses beruht auf dem gegenseitigen Respekt und dem Versuch alle Mitzwot (Gebote) zu erfüllen. Dieser Umgang miteinander ist aber erst einmal unabhängig von Niddah (Regel für die Zeit der Menstruation und danach).
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Die rituelle Reinigung macht die Frau (in alle Strömungen) nur für ihren Mann und die Niddah regelt nur den Umgang von Frau und Mann in der Ehe. Nur diese müssen sich trennen. Dieses hat keine weiteren Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Status.
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Der Mann gilt als rituell unreiner und muss sich dementsprechend immer vor bestimmten Ereignissen reinigen. Die Frau ist hiervor befreit.
Es macht sicher Sinn (oder auch nicht, ist umstritten),
während der Menstruation nicht miteinander zu schlafen - aber
wieso dann die körperliche Trennung??
Weil im Judentum Sexualität positiv gelebt wird und man weiss, dass das eine zum anderen führen kann 
Bingo. Denn die Frau ist „unrein“ und „unwert“ und darf den
von Haus aus „reinen“ und „wertvollen“ Mann nicht beflecken!
Völliger Unsinn. Heutzutage befinden sich alle Juden im Zustand der Unreinheit! Daraus folgt keinerlei Wertung und ich habe grosse Probleme eine Ehe so anzusehen, wie du es hier indirekt unterstellst. Eine Ehe basiert auf dem Grundsatz gegenseitig sich zu erkennen, sich zu lieben und eine Einheit zu werden und nicht auf einem „Kampf“.
Das das verteidigt wird, das ist z.B. einer der zitierten
blinden Flecken.
Eine schönes Gegenargument wenn ich dir zeigen will, dass deine Bewertungen nicht stimmen. Wie willst Du bemessen, dass ich meine Frau als minderwertig ansehen? Es ist ihr Geschenk für mich und unsere zukünftigen Kinder.
???
Ja, anscheinend besteht das Problem darin, wie wir beide die Ehe verstehen. Ich käme garnicht auf die Idee hier von Wertigkeiten zu sprechen. Es geht darum ein Fleisch zu werden. Sich zu erkennen, wie es in der Torah genannt wird.
Es ist für Männer und auch für viele Frauen (hier macht sich
die männlich orientierte Sozialisation in Gesellschaften
bemerkbar; Stichwort: Identifikation mit dem Agressor) schwer
nachzuvollziehen, aber wissenschaftliche Studien (nein, ich
kann hier keine benennen, aber Feministische Wissenschaft war
einer meiner Schwerpunkte auf der Uni) zeigen immer wieder,
dass das Ablehnen (wie auch immer praktiziert oder subtil
vermittelt) eines naturlichen Vorganges, der nochdazu ihre
Geschlechtsidentität betrifft, sehr negativ prägend für Frauen
sind. Das Schwierige daran ist, dass sie es nicht so empfinden
(verdrängt), dass sich diese „Verletzung“, dieser „Unwert“,
der damit ausgedrückt wird, auf andere Weise im Körper und der
Psyche seinen Weg bahnt.
Dann müsste sich dieses ja in vielen Bereichen im Judentum, wo dieses seit Jahrtausenden praktiziert wird, messen und belegen lassen. Ansonsten bleibt nur ein Totschlagargument stehen, welches unbewiesen behauptet, dass es keine Gegenargument mehr gibt.
Ich will religiöse Vorschriften nicht in Frage stellen,
Religion hat ihre eigenen Gesetze, welcher Couleur sie auch
ist. Ich will auch nicht die Gesellschaft in Frage stellen,
die diese subtilen Unterdrückungsmechanismen (Werbung, Witze,
abwertende Bemerkungen…) noch immer pflegt.
Nein. Im Judentum sind mir solche „Beweise“ nicht bekannt. Stattdessen kann ich anhand vieler Schriften etc. beweisen, dass hier ziemlich darauf geachtet wird, dass solche Missverständnisse nicht entstehen.
Und modern oder nicht: Blut und alles was mit
Geschlechtlichkeit (egal ob weiblich oder männlich) zu tun
hat, ist noch immer ein sehr sehr starker Archetypus, der
unbewußt mit den unglaublichsten Phantasien behaftet ist.
Dem will ich nicht widersprechen, aber dein Übertrag auf das Judentum funktioniert nicht.
Schalom,
Eli