Noch mal Thermodynamik

Das Fleisch ist willig aber der Geist ist schwach. So scheint es mir in letzter Zeit. Ich arbeite seit einiger Zeit an einer Konstruktion und versuche eine Versuchsanordnug auslegen bin mir aber nicht sicher ob ich nicht elementare Fehler in der Theorie mache.

  1. Ich habe einen beheizten Behälter mit der Wandungstemperatur t1=408 °C.Behälervolumen sei 20 cm^3. Füllung Mg-Schmelze ca 1/3 des Volumens. Der Rest ist Argon => Temp. der Schmelze gleich Temp. des Argons = t1.
  2. Nun blase ich schnellstmöglich Argon mit 20°C und 200 bar in die Schmelze und erhöhe so den Innendruck auf 200 bar. Die Temperatur der Gasphase wird sich durch Kompression auf t2 erhöhen. Gleichzeitig wird sich wie schon weiter unten diskutiert die Temperatur der Schmelze auf die gemäß Phasendiagramm zugehörige Schmelztemperatur erhöhen (auf t3 = ca 412°C). Die Frage ist nun wie man sinnvoll den Temperaturausgleich zwischen t3 und t2 berechnen kann. Die Wärmekapazität des Behälters sei sehr gross dH er wird seine Temperatur t1 erst einmal behalten.
    Ziel des ganzen soll sein eine schnelle Erstarrung zu erreichen.
    Würdet ihr sahen das es möglich ist? Erste Konstruktionszeichnungen habe ich schon und kann sie euch schicken. Wie gesagt ich habe große Schwierigkeiten mit den berechnungen und hoffe jemand kann sich mir annehmen.

Dank Reinhard

Die Frage ist nun wie man sinnvoll den
Temperaturausgleich zwischen t3 und t2 berechnen kann. Die
Wärmekapazität des Behälters sei sehr gross dH er wird seine
Temperatur t1 erst einmal behalten.

Das wird verdammt kompliziert. Dazu benötigt man nämlich nicht nur die Wärmekapazität, der beteiligten Phasen (Argon, Behälter, Schelze und Festphase), sondern auch die Wärmelaitfähigkeit der Phasen, sowie die Geometrie der Anordnung und die Wärmeübergangskoeffizienten der Pasengrenzen.

Als erste Näherung kann man eine homogene Temperaturverteilung in den Pahsen annehmen, was uns die Mühe erspart, die Wärmeleitung zu berücksichtigen. Zusätzlich vernachlässigen wir die Temperaturabhängigkeit der Wärmeübergangskonstanten. Dann benötigen wir „nur noch“ die Wärmeübergangskonstanten k12 für den Wärmeaustausch von Argon und Gefäß, k13_s für den Übergang von der Festphase zum Gefäß, k13_l für den Übergang von der Schmelze zum Gefäß, k23_s für den Übergang von der Festphase zum Argon und k23_l für den Übergang von der Schmelze zum Argon sowie die Austauschflächen A12, A13 und A23.

Solange das Metall fest ist gelten dann ohne Berücksichtigung der Aufheizung durch die adiabatische Kompresson die Differentialgleichungen

dT1/dt=[k12*A12*(T2-T1)+k13_s*A13*(T3-T1)]/C1
dT2/dt=[k12*A12*(T1-T2)+k23_s*A23*(T3-T2)]/C2
dT3/dt=[k13_s*A13*(T1-T3)+k23_s*A23*(T2-T3)]/C3

Nach dem Schmelzen gilt

dT1/dt=[k12*A12*(T2-T1)+k13_l*A13*(T3-T1)]/C1
dT2/dt=[k12*A12*(T1-T2)+k23_l*A23*(T3-T2)]/C2
dT3/dt=[k13_l*A13*(T1-T3)+k23_l*A23*(T2-T3)]/C3

Schwierig wird es, wenn feste und flüssige Phase nebeneinander vorliegen. Dann könnte man die Wärmeübergangskonstanten in Abhängigkeit vom Verhältnis zwischen Feststoff und Schmelze interpolieren. Außerdem muß berücksichtigt werden, daß die Phasenumwandlung isotherm vonstatten geht und die dritte Differentialgleichung geht über in

dQ3/dt=k13_l*A13*(T1-T3)+k23_l*A23*(T2-T3)

Q3 ist dabei die aufgenommene oder abgegeben Schmelzwärme.

Hallo noch mal,
vielen Dank für die Antwort. Ich bin grad im 3. Semester M-Bau und hatte noch kein Thermo und der perfekte Autodidakt bin ich leider auch nicht. Könntest du noch mal Schritt für Schritt erklären was genau du meinst und in wiefern vereinfacht werden muß um überhaupt Aussagen machen zu können. Es sieht alles sehr kryptisch aus und für eine Erklärung wäre ich Dir sehr dankbar.

PS Die Legierung liegt vor der Kompression (die meines Erachtens nicht isotherm erfolgen kann) flüssig vor und nach der Kompression soll sie fest sein.
Reinhard

Könntest du noch mal Schritt für Schritt
erklären was genau du meinst und in wiefern vereinfacht werden
muß um überhaupt Aussagen machen zu können.

Ich werd’s versuchen:

Der Wärmeaustausch zwischen zwei homogenen Phasen P1 und P2 (z.B. heißem Kaffee und der darüber stehenden Luft) mit den Temperaturen T1 und T2 wird durch das NEWTONsche Abkühlungsgesetz beschrieben. Dieses besagt, daß der Wärmefluß von P1 nach P2 proportional zur Temperaturdifferenz T12=T1-T2 und zur Phasengrenzfläche A12 zwischen den Phasen entspricht. Der Proportionalitätsfaktor k12 wird Wärmeaustauschkonstante genannt und ist für die Phasengrenze spezifisch. Mathematisch wird dies mit folgender Differentialgleichung dargestellt:

dQ<sub>1</sub>
--- = k<sub>12</sub>A<sub>12</sub>(T<sub>2</sub>-T<sub>1</sub>)
dt

Bei der Festlegung des Vorzeichens wird dabei der Systemstandpunkt eingenommen. Abgegebene Ärme ist also negativ.
Wenn keine endothermen oder exothermen Prozesse beteiligt sind, dann führt der Wärmeaustausch zu Temperaturänderungen in den beiden Phasen. Diese erhält man, indem man beide Seiten der Differentialgleichung durch die Wärmekapazität C1 bzw. C2 der jeweiligen Phase dividiert. Die Temperaturänderung der Phase P1 beträgt also

dT<sub>1</sub>
--- = k<sub>12</sub>A<sub>12</sub>(T<sub>2</sub>-T<sub>1</sub>)/C<sub>1</sub>
dt

Wenn es mehr als eine Phasengrenze gibt, dann wird die Angelegenheit etwas komplizierter. In diesem Fall muß man die die Wärmeabgabe einer Phase über all seine Phasengrenzen addieren. Grenzt die Phase P1 beispielsweise nicht nur an P2, sondern auch an weitere Phasen Pi, so fließt über all diese Phasengrenzen die Wärme

dQ<sub>1</sub>
--- = [k<sub>1i</sub>A<sub>1i</sub>(T<sub>i</sub>-T<sub>1</sub>)]
dt

Kompliziert wird es, wenn in den Phasen Prozesse ablaufen, die Wärme verbrauchen oder erzeugen. Dann muß man anstelle des NEWTONschen Abkühlungsgesetzes die TIAN-Gleichung heranziehen. Diese enthält nicht nur den Wärmeaustausch über die Phasengrenzen (den sogenannten Flußterm), sondern auch die Heizleistung p1 innerhalb der Phase P1:

dQ<sub>1</sub>
--- = [k<sub>1i</sub>A<sub>1i</sub>(T<sub>i</sub>-T<sub>1</sub>)]+p<sub>1</sub>
dt

Die Temperaturänderung einer Phase P1, die mit den Phasen Pi in Wechselwirkung tritt und in der sich eine Wärmequelle der Leistung p1 befindet, beträgt also

dT<sub>1</sub>
--- = {[k<sub>1i</sub>A<sub>1i</sub>(T<sub>i</sub>-T<sub>1</sub>)]+p<sub>1</sub>}/C<sub>1</sub>
dt

Diese Gleichung umfaßt alle Spezialfälle, die in Deinem Fall auftreten:

Das Gefäß, indem der Versuch stattfindet enthält keine Wärmequelle und die Wärmekapazität soll so groß sein, daß die temperatur sich nicht ändert.

Für das Argon muß der Wärmeaustausch zum Tigel und zum Metall berücksichtigt werden und als Wärmequelle erscheint die Aufheizung durch die adiabatische Kompression. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Druck und damit auch die Aufheizung Temperaturabhängig ist.

Etwas knifflig wird es bei der metallischen Phase. Solange die vollkommen fest oder flüssig ist, gilt das Newtonsche Abkühlungsgesetz, weil keine Wärmequellen vorhanden sind. Während des isobaren Schmelzens und Erstarrens ist das Gemisch aber isotherm, d.h. die Temperaturänderung ist Null. Dies ist dann der Fall, wenn die Phasenumwandlung den Wärmefluß über die Phasengrenzen zum Argon und zum Tigel komensiert:

0 = {[k1iA1i(Ti-T1)]+p1}/C1

Das Ganze kann nach der Heizleistung pMetall der Phasenumwandlung umgestellt werden und ergibt

pMetall = kMetall/ArgonAMetall/Argon(TArgon-TMetall)+kMetall/GefäßAMetall/Gefäß(TGefäß-TMetall)

Noch komplizierter wird es, wenn die Phasenumwandlung nicht isobar erfolgt. Dann bewegt sich das System entlang der fest/flüssig-Grenze im Phasendiagramm. Und die zeitliche Temperaturänderung beträgt

dT<sub>1</sub> dT<sub>1</sub> dp
--- = ---\*--- = {[k<sub>1i</sub>A<sub>1i</sub>(T<sub>i</sub>-T<sub>1</sub>)]+p<sub>1</sub>}/C<sub>1</sub>
dt dp dt

(dp ist hier die Druckänderung)

ganz davon abgesehen, daß es sehr schwer sein wird die Wärmeübergangskonstanten für Dein System zu ermittlen, ist die Berechnung vermutlich so kompliziert, daß es einfacher ist, das Ganze auszuprobieren.