Noch mal Trauma des 11.09. - Achtung, SEHR lang!

Hallo Ihr psychologisch Versierten,

ich brauche nochmal Eure Hilfe. Erinnerst Ihr Euch an den Freund, von dem ich unlängst mal schrieb?

Noch mal kurz zusammengefaßt:

Mike ist 23, intelligent, sehr sensibel. Am 11.September arbeitete er im Rockefeller Center in Manhattan. Nach dem 11.09. hat er alles hingeschmissen, seinen Job und seine Wohnung gekündigt, und lebt jetzt vorübergehend bei seiner Freundin in Connecticut. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Die gute Nachricht: Nach dem ersten Posting, wo ich ja von einigen von Euch sehr liebe und hilfreiche Ratschläge bekam, hat er sich etwas stabilisiert. Aber seine Psyche ist immer noch völlig upside-down.

Er ist sich dessen sehr bewußt (er ist ein Mensch, der sich seiner selbst sehr bewußt ist, das ist eine seiner Stärken), aber er weiß nicht, was er tun soll. Er bezeichnet sich selbst als „paranoid“. Was in seiner Familie kein Einzelfall ist: Seine Schwester ist „Borderline-Hypochonder“ nach Definition einiger Ärzte.

Seine Panik-Attacken und Herbstdepressionen hatte er schon vorher, konnte aber noch damit leben. Meistens ging es dann um Angst vor dem Tod, um Angst vor einer schlimmen Krankheit. Seit September hat er sie nicht mehr unter Kontrolle, und die diffuse Angst vor einer Krankheit hat sich jetzt das konkrete Zielobjekt „Anthrax“ gesucht. Er weiß, daß er es eigentlich nicht haben kann, aber das hilft ihm nichts.

Seine Freunde, seine Mutter, seine Freundin sagen alle das gleiche: „Mach Dich nicht verrückt, logisch betrachtet kann das ja nicht sein, versuch, nicht mehr daran zu denken“.

Das hilft natürlich nicht.
Aber was hilft da noch? Ich habe unter meinem Posting einen Auszug aus einem ICQ-Gespräch mit ihm angefügt, vielleicht gibt Euch das einige Hinweise psychologischer Natur.

Bin für jeden Input dankbar.
Liebe Grüße,
Nike


_Relic: i dont know min, im just not right in the head right now

Min: Oh, I think none of us is really right in the head… :wink:

Relic: dont feel good physically or mentaly

Relic: and i dont know what will help

Relic: i feel like gettin drunk or something and staying that way for a week

Min: Hm. Dunno if that _would_ help. It usually doesn’t.

Relic: yeah i know.
not literaly drunk

Min: If you think talking might help, talk to me.

Relic: thank you, but it wont

Relic: its my own battle

Min: I always thought it was _our_ battle. We all thought that, remember?

Relic: not this…

Relic: its all in my head

Min: you were there for me last week. Why not letting me be there for you now?

Relic: because i know it wont help…ill just sink deeper into it…i just need some time

Relic: im paranoid…and well…NO ONE can help me with that

Relic: not my friends, not my mother, not biana, not you, not Jason…

Min: you don’t know that unless you try.

Relic: i have

Min: tried? whom?

Relic: friends mother biana

Relic: they all say the same

Relic: and i know all they tell me

Min: what do they say?

Relic: yet nothing is solved

Min: what do they say?

Relic: that in the end i just need to stop thinking about it

Min: and you cannot.

Relic. i cant

Relic: ive been nit picking at every function of my body recently

Relic: and either blowing it out of proportion or misinterpreting

Min: Which is normal. I don’t think „just stop thinking about it“ is the right answer. I don’t think if there IS an answer, but it wouldn’t be healthy just to push it away. The fears are there, and real as what they are.

Relic: but i need to stop

Relic: its driving me to depression

Min: A question: Do you only have these fears since Sept. 11th, or did you have thoughts like that before, and they just became more intense, more specific, since what happened to you in New York?

Relic: ive had them before but more intense now

Relic: its never lasted this long

Min: did the topic change since Sept. 11th - or is it basicly the same things you fear, with some minor changes in them?

Relic: basically same thing i fear, some disease

Min: which now took the concrete form of anthrax?

Relic: yes

Min: is it always there or does it rather come in waves? the fears, i mean?

Relic: at the end of fall it seems

Relic: right before winter

Min: did they usually come in spring, too? Or just in fall?

Relic: far as i can tell fall
my sister is a borderline hypocondriac
suffers from panic attacks

Min: Which is natural. The beginning of winter often causes depressions, especially in people who tend to such things - I know what I am talking about. :confused:

Relic: and whenever she was in trouble i could always help her, i always so clearly … but when it happens to me i cant do a god damned thing

Min: What did you do when it happened to her? I mean, how id you help her?

Relic: i took her mind off of her fears…during the panic attacks…made her laugh or whatnot…during the mypocondria cases i would sit down with her, go over her fears one by one
… eliminate them one by one

Min: Fears may be temporarily fought with logic… they cannot be healed by it, though.

Relic: she thoguht she had rabies once when she was scratched by a cat at work…so we went over sympoms, some of which she was psycho-semanticaly enducing

Relic: i try to do the same for myself but i always stumble

Min: Because it does not really work. Temporarily, perhaps, but not in the end. You KNOW you cannot be infected by anthrax, logically, but it does not work. It does not take the fears away.

Relic: see the thing is, i DONT know that i cannot be

Relic: i cannot logically eliminate it

Relic: if i could i think id be able to take steps toremedy myself

Min: Oh, I think logically, you do know. But logic will not help. The fears are still there, and they refuse to be fought by logic.
Anthrax is not the problem, dear.

Anthrax is just the new disguise your fears chose to take.

Relic: yes that is true

Min: you say whenever you try to help yourself you stumble. Over what?

Relic: i get to a point where i can say this is all bullshit
and then i get a pain on my chest or whatnot ad im back at the start again

Min: is it always the same point where you stumble?

Relic: what do you mean

Min: Is there some specific thought, some point you reach when it all falls back? Something that repeats itself?

Relic: i dont know…

Min: what is the worst thing about the fears?

Relic: that i seem powerless

Relic: beyond my control

Min: your control of what?

Relic: to stop

Min: stop what?
–sorry for nagging… ;/

Relic: stop myself from being a whiny little pussy

Relic: im sick of infecting others with these ills…i dont really want to discuss this anymore

Min: it’s not infatuating, dear. You cannot infect anyone. Me least of all.

Min: But you need not discussing it if you don’t want to. May I talk to you if I can think of something, though? Would you allow me that?

Relic: ok

Min: thank you

Relic: no need to thank me

Min: oh yes. for your trust.

Relic: youve always had it_

So weit, so… ähm, gut? Fällt Euch da irgend etwas zu ein?

panik-attacken.de
Hallo Nike,

ich habe keinen wirklichen Rat für Dich - persönlich würde ich wohl raten, dass sich Mike vor Ort jemand Unbeteiligten (also nicht Freunde/Familie) sucht, mit dem er über seine Angst sprechen kann.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass gerade bei so „unlogischen Ängsten“ das Gespräch mit Freunden/Familie oft gleich rausläuft: Entweder jeder sagt Dir, das Deine Angst unbegründet sein wird oder ist (was einem nicht wirklich was bringt, wenn man sie selbst hat) oder aber man sagt selbst nicht die ganze Wahrheit, weil man seine ihm nahestehenden Leute nicht beunruhigen will - oder den Eindruck gewinnt, dass die Angst „bescheuert“ ist.

Jedenfalls - kennst Du diese Website:
http://www.panik-attacken.de

Ich bin vor einigen Wochen darauf gestoßen und finde sie sehr aufschlussreich. Vielleicht kannst Du da gute Informationen bekommen? Sicherlich gibt es derartige Website auch in Englisch. Heißt nicht, dass das Heil im Internet liegt. Aber es gibt ja dann doch immer sehr gute Seiten, die sehr hilfreich sein können.

Viele Grüße
Gitte

Danke,
meine Liebe,

ich werde mich da

http://www.panik-attacken.de

mal umschauen. Der Rat „Geh zu einem Psychologen“ liegt natürlich auf der Hand, aber da stößt man, wie so oft, auf eine Mauer. Er mißtraut Ärzten im Allgemeinen und Psychologen im Besonderen. *seufz*

Wahrscheinlich kommt er mich im Januar besuchen (wie in der letzen Diskussion um ihn angedeutet - er hat sich anscheinend wirklich durchgerungen *freu*), dann sehen wir mal, was vor Ort machbar ist. :smile:

[off-topic]
Das mit dem Werwolf ist doch ganz einfach. Aber ich bin momentan so im Streß, daß ich keine Zeit habe zu antworten. Die ZPM ist ausgefallen!!! Aaaach! Gram und Pein! Schreibe, sobald ich kann, versprochen!

LG, Nike

It’s my own battle…
Hallo meine Süße,

Gitte hat Dir ja einen Link empfohlen; ich hoffe, Du bist inzwischen fündig geworden…

Wenn Du mich fragst: die Frage an Mike kam einfach zu früh und es kann durchaus sein, daß er sich im Moment einfach bedrängt und in die Enge getrieben fühlt. Mike schlägt im Moment noch um sich. Völlig normal. Weißt Du noch, wie ich mich im Juni aufgeführt habe? Ich habe auch am Anfang jeden zurückgestoßen, weil ich der Meinung war, daß ich die Kiste für mich allein ausfechten müßte… Und ich habe ähnliche Sprüche wie Mike losgelassen: Ich könnte schon, aber ich will nicht!

Liebes, es ist bei Mike im Moment nichts anderes… Laß ihm ein bißchen Zeit… Laß ihn auf Dich zukommen, wenn er reden möchte… Er weiß doch ganz genau, daß Du für ihn da bist. Und: wenn Du mit ihm sprichst: drück ihn mal von mir, OK?

Ähm… Daß ich keine Psychologin bin, ist nach wie vor klar, gell?

Hexenkuß!

Tessa

Noch ein Tipp
Hi,

ich wollte nur sagen, falls jemand ein englischsprächige Website zum Thema Angst- und Panikstörungen sucht, gibt es noch das TaPir.

http://www.algy.com/anxiety

Es ist fast vergleichbar mit www.panik-attacken.de nur sehr einseitig in der Therapie (Medis sind das a und o für alles in der USA) und etwas weniger informativ.

Gruss
Skink

in die Wüste gehen
Hallo Nike,

ein paar Gedanken sind mir zu Mike´s Probleme schon durch den Kopf gegangen:
Ich glaube, dass es keine Zufälle für sein Tun gibt. Als Mike Job und Wohnung aufgegeben hat, dann wahrscheinlich deshalb, weil sie Details seines Weltbildes darstellen, das nun zerrüttet ist, und nun sinnlos sind. Es ist, als ob er sich mit Minimalvoraussetzungen auf den Weg machen wollte, aber er ist dermaßen aus seiner Mitte geraten, dass er kein Ziel für sein Leben anvisieren kann. Er muß wohl erst wieder seine Standpunkte und seine Standfestigkeit wiederfinden, um sich auf den Weg machen zu können.

Der Einsturz der Türme haben sicher etwas Entscheidendes mit seinem Weltbild zu tun. Es geht da nicht nur um Verstand sondern auch um Gefühl. Da er, wie Du sagst, sich sehr wohl über seiner bewußt ist, wird er bisher viel nachgedacht haben (vor und nach dem Attentat), aber seine Gefühle haben bisher nicht viel Platz gehabt, viel zu wenig? Ich weiß nicht, wie man seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann. Da kann ich nur für mich selbst sprechen. Aber ich bin der Überzeugung, dass so manche vor allem lästige Empfindungen gerne vom Verstand verdrängt werden, und dann immer wieder hochkommen mit ihren kleinen piksigen Nadeln. Und das lähmt. Denn wenn der Verstand sagt: „so, du gehst jetzt auf Jobsuche.“ Dann zieht Dich eine Trauer zu Boden, und eine gähnende Leere machen sich in allen Gliedmaßen breit, und ein Bewerbungsschreiben schreibt sich nicht von alleine.

Ich würde an Mikes Stelle mir eine Stadt suchen, die keine Hochhäuser hat. Wer seinem Gefühl wie mit einem kleinem trotzigen Kind umgeht, nämlich geduldig und verständnisvoll aber auch maßvoll, wird bald feststellen, dass dieser Trotzkopf auf einmal sanftmütig wird, weil es Raum und Daseinsberechtigung bekommt und nicht zuletzt, weil es keine Gefahr mehr wittert.

Dann würde ich mich auf das besinnen, was mir wichtig ist, versuchen in mein Innerstes zu graben, nach ureigensten Werten suchen, und diese unabhängig vom Umfeld sehen. Wenn er sein persönliches Lebens-Fundament gefunden hat, dann ist es egal, wo er lebt, und wie er sein tägliches Einerlei mit welchem Umfang drumherum aufbaut.
Vielleicht hat er Lust an einem Survival-Kurs mitzumachen, oder selber einen zu gestalten. Ich kenne jemanden, der einmal im Jahr 4 Wochen in die Wüste Sahara zum Urlaub machen geht.
Ich glaube, dass unsere Zivilisation von zu vielen Einflüssen überlagert ist, und wir alle kein wirkliches Gefühl mehr dafür haben wieviel Einfluß wir selbst auf unser Leben haben und wo unsere Einflußmöglichkeiten aufhören. Diesen Drang in eine Wüste zu gehen, kann ich nachvollziehen. So viel Weite macht die eigene Existenz überschaubar.

viele Grüße
Claudia

Hi Nike,

die letzten Monate bzw. gerade die letzten Wochen habe ich teils tierische Kopfschmerzen. Das macht mich gereizter und teils auch noch unklarer. Das einfach mal zu mir kurz.

Ich freue mich für Deinen Freund so eine gute Freundin zu haben. Doch indes sich alle auf Deinen Freund „stürzen“, wie man ihm helfen kann… Was hat das mit Dir zu tun? Weshalb hast Du solch ein Sorgenkind zum Freund? Was macht es mit Dir? Wie gehst Du damit um?

Ich finde es schön wie Du Dich um ihn sorgst und Gedanken Dir zu ihm machst. Ich frage mich allerdings auch, inwieweit Du möglicherweise Dich zu wenig abgrenzt und Dich selbst auch noch gut versorgst?

Unsere Möglichkeiten sind nun mal auch begrenzt, auch wenn wir manchmal (unterstelle ich mal so übertreibenderweise:smile:) die ganze Welt retten wollten. :smile:

Möglicherweise ist es hilfreich, Dich mal mit Angehörigen von Menschen mit Panikattacken auszutauschen?

http://dmoz.org/World/Deutsch/Gesundheit/Krankheiten…
http://www.form-4-all.formativ.net/antinomie/ (ist gerade in den Anfängen, doch könnte interessant werden)

http://www.google.de mal :smile:

Ich meine gelesen zu haben, er kommt nächstes Jahr zu Dir. Wenn Du schon weißt, wann er kommt, vielleicht kannst Du ja einen Kalender machen, der rückwärts zählt und bei dem jeden Tag was noch schöneres zu lesen oder zu sehen ist, bei dem sich sozusagen die Freude tagtäglich steigert.

Ich wünsche Dir Dich nicht unter unnötigen Druck zu setzen, den Du an ihn weitergeben könntest. Er weiß sicherlich, daß Du für ihn da bist und Ent-Wicklung bedarf auch Zeit. Du siehst ihn als sehr bewußten Menschen an. Nun, jeder hat seine Schattenseiten und Katakomben. :smile:

Sagen wollte ich e i g e n t l i c h nur: sei gut zu Dir!

Ciao,
Romana

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hi Nike,

möglicherweise kannst Du ihm auch einen (englischsprachingen) Chat bzw. ein Forum zum Thema Panikattacken empfehlen, in dem er sich mit „Leidensgenossen“ und deren Angehörigen auseinandersetzen kann. Dieses Wissen, man ist mit seinen Schwierigkeiten nicht allein, schafft durch die Verbindung mit anderen auch etwas Sicherheit, ein kleines soziales Netz speziell für diese Sache. Möglicherweise könnte das ein Einstieg für ihn zu einer spätereren Therapie sein.

Ciao,
Romana

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[Mod] Ich hab nur den langen Anhang unserer beider vorausgegangenen Postings unter Deinem Eintrag gelöscht - war so ein Rattenschwanz. Sonst natürlich nix verändert. :smile:

Hallo Romana,

natürlich hast Du recht, und diese ganze Sache belastet mich auch sehr. Und ja, gut geht es mir dabei nicht.

Ich habe hier aber nach Rat und Hilfe für ihn gefragt. Was mich selbst betrifft, möchte ich an dieser Stelle nicht unbedingt besprechen - sonst hätte ich’s ja angesprochen. :smile:

Trotzdem bin ich Dir für Deinen Einwurf dankbar - und werde mich bemühen, gut zu mir zu sein. Wenn ich nicht gut zu mir bin, kann ich auch nicht gut zu anderen sein, richtig? :wink:

Danke für Deine Tips.
Liebe Grüße, Nike