Hallo,
Das ist recht verschieden aus geschichtlicher Sicht. Denn
nicht immer steckt hinter der Entstehung einer Nation eine
existenzbedrohende Gefährdung.
Allerdings können kriege da sehr wohl eine Rolle spielen. Für
die Geschichte Serbiens ist die verlorene Schlacht damals
gegen die Osmanen extenziell …
Aber auch Deutschland hatte mehrere solche Erlebnisse. Die
Schlacht auf dem Lechfeld 955 hatte eine große Wirkung bei der
festigung des deutschen Königreiches. Aber auch der deutsch
französische Krieg 1871 hatte eine einigende Wirkung -
erstmals kämpften alle deutschen Staaten zusammen. Das war
sehr wichtig, damit sich die vorherigen Preußen, Sachsen,
bayern usw. nun auch als Deutsche fühlen konnten.
Bei den Juden war das etwas anders - die waren ja schon viel
länger ein Volk. Daswußten sie auch. Aber die Verfolgung
führte dazu, daß sie sich auch wieder mehr solidarisch fühlten
- und logischerweise stärkte dies auch den Wunsch nach einem
eigenen Staat. Ist doch logisch - in einem eigenen Staat
konnten sie nicht mehr verfolgt werden - nie mehr.
Davbei entstand Israel ein wenig auch als Staat des schlechten
gewissens. Die Westmächte schämten sich, nicht mher für die
verfolgten Juden getan zu haben. Und wir Deutschen… na ja.
Wir hatten wahrlich allen Grund, und zu schämen. Deshalb ja
auch die absolute Treue zu israel, die uneingeschränkte
Unterstützung.
Damit eins klar wird: ich will weder die Geschichte vergessen
noch umschreiben oder leugnen. Die Judenvernichtung gehört auf
ewig eingebrannt ins Gedächtnis.
Aber auf der Grundlage moralischer Verpflichtungen kann man
nicht ewig leben. Schon gar nicht, weil die arabischen
Nachbarn Israels diese moralischen verpflichtungen ja nicht
fühlen und haben. Das Ganze muß nun rational und normal
gesehen und auch gelöst werden - oder gar nicht.
Gernot Geyer
Hallo Gernot,
1.) Nur, um klarzustellen, wir haben das gleiche Verständnis der Begriffe: Volk->Kulturelle Gemeinschaft, Nation->ein oder mehrere Völker in gleichem Gebiet mit gemeinsamen Staatswesen.
2.) Und nun näher zu Deinen Ausführungen:
Gemäß meiner obigen Vorstellung von den Begriffen waren die Juden natürlich schon ewig lange ein Volk, nur eben keine Nation. Der schwierige Punkt bei den Juden ist ja, das Religion durchaus nicht zwangsweise nationale Identität erzeugt. Viele Juden fühlten sich ja beispielsweise vor und während des ersten Weltkrieges durchaus als Deutsche. Und ich kenne Juden in Deutschland, die das heute auch so sehen. Warum auch nicht, schließlich kann eine Nation durchaus aus mehrere Völker umfassen. Die Bretonen werden auch nicht automatisch Pariser weil sie Franzosen sind.
Kritisch wird das Ganze, wenn Völker nicht Teil der Nation sein wollen und die Nation deswegen mit Gewalt zusammengehalten wird. Das wäre beispielsweise die Situation eines heutigen Serbien oder auch eines Österreich-Ungarn um 1880. In der Geschichte haben sich von daher Völker immer schon als stabiler erwiesen als Nationen. Jugoslawien war ja auch eine Nation. Die Völker existieren noch, Yugoslawien ist Geschichte.
Um zu Israel zurückzukehren: Wir müssen hier drei Dinge sehen. Erstens es gibt die Nation Israel. Pro Forma ist Isreal eine Nation, die das jüdische Volk umfasst. Und man geht natürlich auch automatisch davon aus, dass das jüdische Volk dem jüdischen Glauben anhängt. Nur ist das nicht ganz so einfach. Denn in Wirklichkeit wurde bereits in der israelischen Unabhängigkeitserklärung Religionsfreiheit festgelegt. Tatsächlich sind auch nur ungefähr 3/4 der Israelis Juden, also ein geringerer Bevölkerungsanteil als bei uns beispielsweise Christen. Also, auch wenn die Juden die Merhheit sind, eigentlich ist Israel KEIN jüdischer Staat, genauso wenig, wie Deutschland ein christlicher Staat ist. Um das Ganze noch etwas verwirrender zu gestalten: Auch der Begriff „jüdisches Volk“ ist eigentlich schon an sich falsch. Denn tatsächlich bezog sich ja der Zionismus, genau wie Judentum in der Diaspora bei der Definition, wer dazu gehört, meist auf den biblischen Begriff der Stämme Israels, seltener auf den jüdischen Glauben an sich. Damit ist der Volksbegriff doch eher einfach an eben den Stämmen aufgehängt, die etwa um 1500 v.Chr. in das Gebiet des heutigen Israel einwanderten. Und auch wenn das Juden waren, die hatten auch damals schon einen Bevölkerungsanteil dabei, der nicht jüdisch war, aber trotzdem offensichtlich integriert war. Deswegen gab es ja in der Geschichte auch später den feinen Unterschied zwischen den hebräischen Großreichen und den jüdischen Königen. Salomon war ein jüdischer König, der über ein hebräisches Großreich herrschte. Was zwangsweise weitere Volksgruppen hineinmischte. Da steckt also insgesamt eine Menge mehr Geschichte und Gesellschafdtsentwicklung drin, als man meist bei Diskussionen über die Israel-Palästinenser-Konflikte sehen will.
3.) Die Sache mit der kollektiven Schuld:
vorweg, auch ich will keine Judenvernichtung leugnen. Es war Genozid, es war ein Verbechen ungeheuren Ausmaßes. Dass Judenverfolgungen schon lange Zeit vorher und in anderen Ländern stattfanden, entschuldigt das nicht, auch wenn es vielleicht einen etwas anderes Licht auf die Dinge wirft.
Grundsätzlich gehört die Unterdrückung schwächerer und deren Verdrängung in Form von Genozid (oder versuchtem Genozid) zu den Kapiteln der Geschichte, die mir meine schlechte Meinung von der Menschheit erhalten. Nazi-Deutschland und die Juden. England und die Juden, England, das Russland Schützenhilfe bei der Beinahe-Ausrottung der Kosaken gab. England, aud dem religiös Verfolgte flohen um letztendlich die USA zu gründen. Die dann ihrerseits sämtliche Indianernationen systmatisch auszurotteten (wir müssen hier fairerweise von Nationen sprechen, denn die meisten wanre gebietsfest). Da ist Spanien, dass mit Feuer und Schwert Heiden bis zu deren Ausrottung in Mittel- und Südamerika bekehrte. Schauen wir nach Asien, dann ist da Japan, das doch versuchte, mehr oder weniger gezielt die Koreaner abzuschaffen. Die Koreaner waren ja gerade erst ein paar Jahrhunderte mit den kleineren Reichen Baekje und Silla fertig (weiter im Süden auf der Halbinsel) und nach erfolgreichem Völkermord wurde die Halbinsel dann bis heute wirklich die koreanische. Die Türken versuchten es mit den Armeniern, die Franzosen dezimierten ihre Bretonen das letzte Mal im frühen 18 Jhdt auf die Hälfte. Es läßt sich endlos fortsetzen. Völkermord ist also nicht so ungewöhnlich in der Geschichte. Auch das Argument, die Deutschen hätten es mit industrieller Gewissenhaftigkeit betrieben, was die Sache besonders abscheulich macht, ist falsch in dem Sinne, dass das nicht die ersten waren. In jerusalem schaffte man in einem Tag und einer Nacht 60% der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1099. Und Beziers 1252 ist ja auch noch bekannt.
Wenn man also aus der Judenverfolgung in Deutschland von 1933 bis 45 den Schluß zieht, dass alleine die Deutschen eine Schuld auf sich geladen haben, für die Deutsch die nächsten 99 Generationen in der Form büßen müssen, dass wir Israel Panzer liefern, dann zieht man m.E. den falschen Schluß. Der logische Schluß (aber da nähern wir uns eher dem Philosophieboard) muss sein, dass man sich gegen Völkermord per se einsetzt und dagegen Stellung bezieht. Einfach zu sagen, ich bin Deutscher (ich bin auf dem besten Wege das nicht mehr zu sein) und Tootsie-Neger sind keine Juden, also kann ich wegsehen, ist in meinen Augen irgendwo Heuchelei. Aber das ist meine persönliche Meinung zu dieser Schuldfrage.
Gruß
Peter B.