Hallo Fritz,
danke für die ausführliche Antwort und die zusätzlichen Informationen, so habe zumindest ich dich teilweise besser verstanden.
Darum geht es doch nicht, sondern mein Hinweis, den du leider
nicht aufgreifst, zielte darauf, dass die gänzlich
unterschiedliche Sprachsituation in Nord und Süd womöglich als
Erklärung für die Ausgangsfrage mehr hergibt
Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß und verstehe, was du
mit „unterschiedliche Sprachsituation“ meinst. Vielleicht
musst du dich hier selber noch einmal bemühen. 
Vielleicht so: Ich halte, wie gesagt, die These vom unterschiedlichen Schwund der „Dialekte“ in Nord und Süd für fragwürdig.
Trifft sie aber zu, dann ist es gewiss nicht belanglos, dass es sich beim Niederdeutschen eben nicht um einen Dialekt des Hochdeutschen handelt, sondern um eine im Vergleich zum Hochdeutschen andere Sprache, die von den Sprachteilnehmern eigens erlernt werden müsste. Das gilt in beide Richtungen. Im Gegensatz dazu verstehen im Rheinland, wo ich herkomme, Dialekt-Sprechende das Hochdeutsche und Hochdeutsch-Sprechende den Dialekt. Es ist also leichter, in entsprechendem Millieu (Karnevalsverein) von der einen zur anderen Sprache zu wechseln.
Ich habe referiert, was Sanders, in dem von mir genannten Buch
schreibt. Und das auch deutlich gemacht. Zitat: Ich referiere
aus dem Kopf.
Fand ich halt so abenteuerlich, werde ich bei Gelegenheit aber mal an der Quelle nachlesen.
Ich fürchte, da unterschätzt du das Druckaufkommen in
Deutschland.
Kann sein, aber unabhängig davon, wieviel und wo gedruckt wurde: War die Frage nicht, wie die Druckwerke das Sprachverhalten beeinflussten?
Ob Hanse oder nicht Hanse: Spätestens seit dem 17. Jhd. bildet sich, wie du weißt und was du wohl mit den Verwaltungszentren ansprichst, die es aber in Brandenburg, das mit der Hanse wenig zu tun hatte, ebenso gab wie in Süddeutschland, durch eine nicht-mönchische gebildete städtische Schicht eine Literatur-Sprache heraus, die einerseits die Tendenz zu überregionaler Vereinheitlichung hat und andererseits sich abhebt vom Sprachgestus der umliegenden ländlichen Bevölkerung.
Das ist m.E. die Grund-Ursache für eine fortschreitende Verhochdeutschung der Sprache, die forciert wird durch die zunehmende Verstädterung, was ja immer heißt, hier sammeln sich Menschen unterschiedlicher regionaler und sprachlicher Herkunft an. Das treibt dann zwar gelegentlich besondere Blüten, wie eben das Missingsch, Aber im Prinzip geht die Vereinheitlichung in Richtung Schriftsprache.
Wie die Bücher in „plattdeutscher Schrift“, hergestellt in norddeutschen Druckereien, hätten aussehen sollen, ist mir unklar.
Und ist dir bekannt, dass „verbalhornen“ von einem
norddeutschen Drucker namens „Balhorn“ herrührt, der es sich
angelegen sein ließ, hochdeutsch gedruckte bücher ins
Niederdeutsche zu übersetzen und zu drucken? Dabei aber so
viele Fehler machte, dass er die Bücher eben varballhornte.
Danke! Das wollte ich immer schon mal nachschlagen.
Andererseit: Es gab ja auch eine hohe und viel gelesene niederdeutsche Literatur, ich erinnere nur an Fritz Reuter. Und ich habe weiterhin die Vermutung, dass es in ländlichen Millieus keineswegs als Schande angesehen wurde, Plattdeutsch zu sprechen, sondern eher im Gegenteil. Jedenfalls gibt es ind der Literatur auch eine Vielzahl von Belegen, wo auch studierte Leute und Barone selbstbewusst diese Sprache verwenden. Die Diskriminierung und Abgenzung erfolgt durch die Städter, und das, so vermute ich, wird in München gegenüber jemandem, der aus dem bayerischwalder Dialekt spricht, nicht anders aussehen.
Eine wirklich harte Verstehprobe habe ich erst letzte Woche in
der Schweiz erlebt.
Wenn jemand dich anspricht, z. B. eine Billeteuse im Museum,
und nicht wusste, dass du einer aus dem großen Kanton bist,
kommst du dir sehr hilflos vor.
Ja, da hast du 's doch! Die Rettung des Niederdeutschen wäre eindeutig die gewesen, der Norddeutsche Bund hätte einen eigenen Nationalstaat gebildet mit dem Niederdeutschen als allgemeiner Verkehrssprache, statt für den Beitritt zur kleindeutschen Lösung unter preußischer Führung den Bayern noch Sonderkonditionen einzuräumen, weshalb man heute noch an Autobahnen lesen kann: „Hier baut die Bundesrepublik Deutschland im Auftrag des Freistaates Bayern.“
Grüße
Oranier