Hoi, Oranier,
Ich verstehe nichrt recht, warum du hier nicht die Erklärung
der Sprachgeschichte ins Spiel bringst, die du an anderer
Stelle so stimmig erläutert hast.
Tychi hat die entsprechende FAQ hier gelesen, also setze ich
voraus, dass er die Geschichte im Groben kennt.
Darum geht es doch nicht, sondern mein Hinweis, den du leider nicht aufgreifst, zielte darauf, dass die gänzlich unterschiedliche Sprachsituation in Nord und Süd womöglich als Erklärung für die Ausgangsfrage mehr hergibt als deine abenteuerlichen (kultur-) geschichtlichen Erörterungen.
Und erzähl mir mehr von den holländischen Druckereien.
„Es genügt die Feststellung, dass nach ihren bescheidenen Anfängen am Rhein um die Mitte des 15. Jahrhunderts die Herstellung von Büchern rasche Fortschritte machte (…) während der nächsten eineinhalb Jahrhunderte wurde Europa mit Druckpressen übersät (…) indes die Niederlande allmählich die unbestrittene Vorherrschaft erreichten.“ (Cipolla/Borchardt, Europäische Wirtschaftsgeschichte Bd. 2, S. 139, Stuttgart . New Yorck 1983)
Haben
die deutsche Texte gedruckt, die im Reich angeboten wurden?
Welche Texte sind, Gegenfrage, überhaupt im 16./17. Jhd. in deutsch gedruckt worden? Im wesentlichen die Bibel, das war die Lutherbibel, egal, wo die Druckmaschine stand, ein paar „Volksbücher“, religiöse Erbauungsschriften, in der Sprache der jeweiligen Autoren. Wie die Bücher in „plattdeutscher Schrift“, hergestellt in norddeutschen Druckereien, hätten aussehen sollen, ist mir unklar.
Die Niederlande waren im 17. Jhd. das liberalste Land Europas, und nahezu alle Geistesgrößen haben dort drucken lassen, um sich nicht mit fürstlichen Zensoren herumärgern zu müssen: Descartes, Pascal, Grotius, Comenius, Spinoza natürlich usw. Sie schrieben im wesentlichen in Latein oder auch schon Französisch. Die Bücher wurden wohl exportiert, aber nicht ins Deutsche übersetzt, denn die Gebildeten Europas waren polyglott, und die Landbevölkerung konnte mehrheitlich ohnehin nicht lesen.
Der fragliche Schwund des Niederdeutschen hat ja auch, wenn überhaupt, im 19./20. Jhd. stattgefunden, und wenn das gedruckte Wort, dann hat die Zeitung darauf Einfluss genommen, und die wird auf den modernsten Druckpressen der Welt in Hamburg gedruckt.
Meine These zu der ganzen Frage: Mir scheint der schleichende Prozess der „Verhochdeutschung“ der Sprache durch die Verstädterung der Gesellschaft begründet zu sein und Nord und Süd gleichermaßen zu erfassen.
Eine mobile Stadtbevölkerung steuert auf eine vereinheitlichte Sprache zu. Ich weiß umgekehrt nicht, wo Tychi sich aufgehalten hat, aber ich nehme ihn gerne in ein Dorf in der Wesermarsch mit, wo er von einem plattdeutschen Kneipengespräch kein Wort versteht, ebenso wie ich selbst übrigens auch.
Grüße
Oranier