Nochmal Robert Enke

Hallo,

ich möchte nochmal was zu dem Thema fragen, auch wenn es in der letzten Woche fast zum Überfluss in den Medien war. Um nicht falsch verstanden zu werden, auch ich war schockiert, ich habe geweint, und die gestrige Trauerfeier hat mich sehr berührt.

Aber ich frage mich, warum Deutschland genau in diesem Fall so erschüttert ist. Es begehen täglich Menschen Suizid, auch prominente Mitmenschen wählen den Freitod. Es stehen immer erschütternde, sehr traurige Schicksale dahinter. Aber in keinem prominenten Fall bisher gab es eine derartige Welle der Trauer wie hier, zehntausende auf einem Trauermarsch, zehntausende auf einer Trauerfeier, Hannoveraner Straßenbahnschaffner die Hannover 96 Trikots im Dienst tragen, fünf Fernsehsender die die Trauerfeier live übertragen, etc.

Was ist an dem Suizid des Robert Enke anders? Weil Fußball die „Religion des Volkes“ ist? Weil er den schlimmen Tod seiner kleinen Tochter verarbeiten musste? Weil man persönlich betroffen ist daß R. E. nicht wollte, daß seine Erkrankung an die Öffentlichkeit gelangt?

Grübelnde Grüße,
C.

Hallo,

ich möchte nochmal was zu dem Thema fragen, auch wenn es in
der letzten Woche fast zum Überfluss in den Medien war. Um
nicht falsch verstanden zu werden, auch ich war schockiert,
ich habe geweint, und die gestrige Trauerfeier hat mich sehr
berührt.

Gegenfrage: Wieso beantwortest Du Dir die Frage nicht selbst?
Eine erwachsene Frau in den 40ern heult weil ein Torwart Selbstmord begeht. Warum?

Aber ich frage mich, warum Deutschland genau in diesem Fall so
erschüttert ist. Es begehen täglich Menschen Suizid, auch
prominente Mitmenschen wählen den Freitod. Es stehen immer
erschütternde, sehr traurige Schicksale dahinter. Aber in
keinem prominenten Fall bisher gab es eine derartige Welle der
Trauer wie hier, zehntausende auf einem Trauermarsch,
zehntausende auf einer Trauerfeier, Hannoveraner
Straßenbahnschaffner die Hannover 96 Trikots im Dienst tragen,
fünf Fernsehsender die die Trauerfeier live übertragen, etc.

Was ist an dem Suizid des Robert Enke anders? Weil Fußball die
„Religion des Volkes“ ist?

Je mehr Medien, desto geschockter die Nation. Ein gewisser Popstar war vor einem Jahr eigentlich total abgeschrieben, wenn man jemand drauf angesprochen hat, war der höchstens der „Irre mit der Plastiknase, der kleine Kinder begrabbelt“. Kaum tot, heult ganz Deutschland und jeder ist auf einmal wieder sein größter Fan.

Hi

zehntausende auf einem Trauermarsch,
zehntausende auf einer Trauerfeier, Hannoveraner
Straßenbahnschaffner die Hannover 96 Trikots im Dienst tragen,
fünf Fernsehsender die die Trauerfeier live übertragen, etc

Zehntausende „kannten“ Enke eben über einen längeren Zeitraum hinweg, aus dem Stadion, vom Fernseher. Je mehr Leute den Verstorbenen kennen, desto mehr trauern.

Aber in
keinem prominenten Fall bisher gab es eine derartige Welle der
Trauer wie hier,

Ich hab jetzt keine Vergleiche. Andere, die sich vor den Zug werfen, kennt man kaum. Enke schien man zu kennen, und der schien alles zu haben, was sich jeder wünscht, Erfolg, Jugend, Aussehen, Familie, physische Gesundheit etc.pp. - keine äußeren Gründe für einen Selbstmord, v.a. wenn man hundert Bettler jeden Tag sieht, die von alldem das Gegenteil haben und sich trotzdem am Leben festklammern. Und in Depressionen diesen Ausmaßes kann man sich halt nicht ohne weiteres einfühlen, wenn man selbst keine hat.

Trauerarbeit ist ja was für den Trauernden - also ich muss sagen, dass zumindest mir - weil eben die logisch nachvollziehbaren Gründe fehlen - diese Trauerfeierpräsenz irgendwie hilft, es wenn schon nicht zu verstehen, dann wenigstens mich an den Fakt zu gewöhnen. (und ich wusste nicht mal, wer Enke war bis dato)
Und besonders die Fußballer, deren Aufgabe es ja ist, uns Normalbürgern Spaß zu bereiten, wie sollten die damit jetzt einfach weitermachen.
Die Menschen trauern so viel wie sie trauern müssen. Ich glaub nicht, dass es da eine Überpräsenz gibt.
.
Gruß

Hiho,

es handelt sich m. E. um ein Moment mit religiösen und zugleich autoritaristischen Zügen. Der Kapitalismus hat eben seine Gottheiten. Dazu gehören neben hochdotierten Fußballspielern auch Oligarchen wie Reinhard Mohn oder überzüchtete Künstler wie Jacko.

Ich mag das recht distanziert sehen, aber in meinen Augen stimmt etwas mit Leuten nicht, wenn sie solchen Personen nachtrauern. Fakt ist nämlich, dass man sie gar nicht kennt. Promis leben grundsätzlich in einer anderen Welt und sind lediglich im Fernsehen für alle sichtbar. Es besteht keine echte Beziehung zwischen ihnen und dem Publikum. Es handelt sich um reine Illusion.

Früher wurde beim Todesfall eines Prominenten eine kurze Meldung in der Tageschau ausgestaht und später ggf. ein Film. Das war’s dann aber gewesen und genügt meiner Meinung nach auch vollkommen. Heute wird so ein emotionalisierender Kram aber breitgetreten bis dort hinaus.

Viele Grüße

Hi,

Andere, die sich vor den Zug
werfen, kennt man kaum.

nee, es gibt auch diverse andere bekannte Beispiele:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hannelore_Kohl
http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Merckle
http://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Möllemann

VG
J~

och James,

nur einer von denen hat sich vor den Zug geworfen.
Aber ok, keine Krümelkackerei.

http://de.wikipedia.org/wiki/Hannelore_Kohl

Hannelore war krank und alt, da kann man sowas eher nachvollziehen. Außerdem war sie nicht mehr wöchentlich auf dem Bildschirm. Hätte sie während Kohls Kanzlerschaft umgebracht, hätte es garantiert genausoviel Rummel gegeben wie jeetzt bei Enke.

http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Merckle

Merckle kenn ich nicht mal. Er hat zu Lebzeiten keine Stadien gefüllt und würde es natürlich auch nicht nach seinem Tod tun.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Möllemann

Und Möllemann war den meisten nicht so wahnsinnig sympathisch. Abgesehen davon, dass jemand aus einer Partei irgendwie immer polarisiert, auch nach seinem Tod. Wer öffentlich extrem um Möllemann trauerte, wirkte irgendwie gleich parteiisch. Dazu kommt, dass Politiker für die meisten eh einen an der Waffel haben. Aber Fußballer sind doch die strahlenden Helden. Von denen erwartet man das einfach am allerletzten.

Judy

hi

Ich mag das recht distanziert sehen, aber in meinen Augen
stimmt etwas mit Leuten nicht, wenn sie solchen Personen
nachtrauern. Fakt ist nämlich, dass man sie gar nicht kennt.

Ich glaub halt nicht, dass Trauerarbeit nur dann passieren darf, wenn man einen tatsächlichen Verlust erlitten hat. Trauerarbeit dient auch dazu, das Geschehen zu begreifen. Der Tod macht nun mal den meisten Menschen Angst, weil man ihn nicht kennt, und wenn er plötzlich in ein Alltagsgeschehen eintritt, wo man ihn am allerwenigsten erwartet, dann muss man dieses Hingewiesenwerden auf den Tod erstmal verdauen.
Genau das tut man mit der Trauerarbeit.

Ich wundere mich sehr, warum hier so viele Leute darüber schimpfen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie man gleich zum Fußball-Tagesgeschäft hätte übergehen können. Da wäre die ausgelöste Angst vor dem Tod nur verdrängt worden.
Die Menschen trauern, weil sie es brauchen. Lasst die Menschen doch tun, was sie brauchen, meine Güte. Es zwingt niemand einen, mitzumachen. Mach den Fernseher halt aus oder wechsel auf ein anderes Programm. Ich hab auch keine einzige Trauerfeier gesehen und nix über die Feiern in der Zeitung gelesen, aber ich finde es mehr als berechtigt, dass es sie gibt.

Früher wurde beim Todesfall eines Prominenten eine kurze
Meldung in der Tageschau ausgestaht und später ggf. ein Film.

Na, DAS würd ich ja mal keinesfalls unterschreiben. Wann war denn „früher“? Zu Lady Dis Tod? Zu John Lennons Tod?
Je größer der Schock, desto größer die Trauerarbeit.

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Hiho,

wir sehen die Dinge wohl sehr unterschiedlich. Denn erstmal gibt es da m.E. keine echte Trauerarbeit, wenn Leute sterben, die kaum jemand persönlich kennt. Jemand der einen engen Freund oder dergleichen verliert, der leistet Trauerarbeit. Trauer um Lady Di, Oligarchen, Fußballspieler usw. ist hingegen BILD und Gala Trash. Ich kann jemanden, der um einen Promi trauert, nicht ernst nehmen. Wer Gesichter im Fernseher für einen authentischen Bekanntenkreis hält, lebt in einer Scheinwelt aus Marketing und Konzerninteressen.

Zudem möchte ich mich ganz entschieden dagegen aussprechen, dass Kritiker an der fortschreitenden Verflachung von Inhalten in den Medien andere „doch einfach in Ruhe lassen sollten“. Man wird tagtäglich mit Nachrichten rund um Neureiche, lächerliche Künstler und unbegabte Autoren bombardiert. Ich sehe in dieser Entwicklung einen Angriff des Trivialen und der Halbgebildeten auf humanistische Werte und eine Untergrabung der Verpflichtungen von Medien, politisch relevante Inhalte an die breite Masse zu transportieren - nicht umgekehrt.

John Lennon ist obendrein eine wirklich ganz andere Baustelle. John Lennons Lebenswerk besaß einen politischen Gehalt. Ihn und die aufgeblasene Aschenputtelstory von Lady Di in einen Topf zu werfen ist eine Beleidigung.

Fazit: Promitrash ist Promitrash und wird auch immer Promitrash bleiben.

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Hallo,

auch ich habe mir genau diese Frage gestellt : Warum trauern so viele Menschen um Robert Enke - und so heftig, obwohl sie dem Robert Enke doch nicht nahe standen ?

Ich vermute, dass der Suizid des Robert Enke und das Verhalten der Medienleute, für all diese Menschen auch wie ein Ventil wirkt :

Es geht ja doch hunderttausenden Menschen so, dass sie Probleme, Sorgen oder sogar Depressionen haben, aber trotzdem viel leisten müssen, also funktionieren müssen. Sie stehen fast täglich unter einem großen Druck, der eine mehr, der andere weniger.

Der Fußball ist schon seit vielen Jahrzehnten etwas, bei dem man seine Sorgen vorübergehend vergessen kann. Dafür sorgen und sorgten die „Helden“ auf dem Spielfeld. Robert Enke war für sehr viele Menschen so ein Held. Er hat in besonderem Maße dafür gesorgt, dass Menschen ihre Sorgen vergaßen. Wenn nun eine Person, die die Sorgen der Menschen hat vergessen lassen, seine Schwäche zeigt, … dann
werden sich viele Menschen ihres eigenen Leidens (ihrer Hilflosigkeit) bewusst. Was sie selbst jahrelang verborgen hielten (ihre Sorgen, ihr seelisches Leid, ihre Schwäche, der Leistungsdruck), bricht ungehemmt hervor.

Es gibt unter den Trauernden mit Sicherheit wesentliche Unterschiede.
Neben den echt Trauernden gibt es wahrscheinlich auch sehr viele Menschen, die sich in die Trauergemeinde einreihen, weil sie schon lange depremiert/sehr unglücklich sind und nun eine Möglichkeit haben, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Gruß
Angelika

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hi

wir sehen die Dinge wohl sehr unterschiedlich.

allerdings.

Denn erstmal
gibt es da m.E. keine echte Trauerarbeit, wenn Leute sterben,
die kaum jemand persönlich kennt. Jemand der einen engen
Freund oder dergleichen verliert, der leistet Trauerarbeit.

Okay, dann nenn es anders, dann nenn es Schockverarbeitung. Mir ist der Name nicht so wichtig.

. Wer Gesichter im Fernseher
für einen authentischen Bekanntenkreis hält,

das wiederum hat hiermit rein gar nichts zu tun. Es ist Schockverarbeitung, dazu muss der Gekannte kein persönlich Bekannter sein.

lebt in einer
Scheinwelt aus Marketing und Konzerninteressen.

Wer bestimmt, in welcher Welt die anderen leben? Du?

Zudem möchte ich mich ganz entschieden dagegen aussprechen,
dass Kritiker an der fortschreitenden Verflachung

Es gab möglicherweise schon immer flache und weniger flache Inhalte. „Fortschreitende Verflachung“ - sorry, das sind echt hingeworfene Parolen. Wie viele Epochen lebst du schon, dass du dies als Wahrheit hier aufführst?

Man wird tagtäglich mit Nachrichten rund um Neureiche,
lächerliche Künstler und unbegabte Autoren bombardiert.

Und wer bestimmt, was lächerlich und was unbegabt ist? Du?

Ich
sehe in dieser Entwicklung einen Angriff des Trivialen und der
Halbgebildeten auf humanistische Werte

Wer bestimmt, was trivial ist und was nicht? Du?

Medien sind ein Angebot. Man darf sich das raussuchen, was man haben will. Und wenn es ein Überangebot an in deinen Augen „flachen“ Inhalten gibt, dann deshalb, weil die Leute es scheinbar haben wollen.
Willst du die Leute erziehen? Mit dieser Einstellung, dass die Leute, so wie sie sind, ja komplett unterbelichtet sind? Dann viel Spaß.

und eine Untergrabung
der Verpflichtungen von Medien, politisch relevante Inhalte an
die breite Masse zu transportieren

Es gibt auch andere Relevanzen. Und die Medien transportieren weiterhin politisch relevante Themen an die breite Masse. Du kannst die breite Masse aber nicht zwingen, diese auch anzusehen.

Hallo,

dein Beitrag geht mir zu weit off topic und besitzt auch inhaltlich keine sonderliche Tiefe. Zum Streiten habe ich obendrein keinen Bock. Such Dir da jemand anderen für.
Solltest Du wirklich etwas über Medien wissen wollen, empfehle ich Dir „Der Medienkapitalismus“ von Dieter Prokop. Darin wirst Du nachlesen können, dass Programm kein Moment der freien Wahl seitens der Zuschauer ist.

Viele Grüße