Hallo liebe Mitleser,
vor gar nicht allzu langer Zeit gab es hier schonmal eine Studiengebühren-Debatte. Damals betraf es nur die sog. „Langzeitstudenten“. Ich habe diejenigen, die meinten, „Ja, genau, diese Langzeitbummelgammelabhängstudis vom AStA sollen mal kräftig zahlen“ bereits gewarnt, dass sowohl die HRK (die bis dato eigentlich selbst stets gegen die Einführung der Gebühren war) als auch die Kultusminister der Länder bereits die Pläne für allgemeine Studiengebühren in der Schublade hätten.
Jetzt ist es also soweit. Es ist manchmal ganz schön ätzend, recht zu haben 
Nun wird auf allen Seiten allerhand unseriöses Zeug verbreitet. Auf der einen Seite die totale Ökonomisierung des Gutes „Bildung“, auf der anderen Seite das unfaire aufrechnen z.B. der Lebenshaltungskosten zu den Kosten des Studiums.
Obwohl es mir schon prinzipiell gegen den Strich geht, eine rein wirtschaftliche Betrachtung eines so grundsätzlichen Gutes wie Bildung (und dazu zählt die qualifizierte Hochschulbildung ebenfalls!) vorzunehmen, will ich dennoch versuchen, die Kosten für ein Studium mal realistisch zu betrachten.
Fest steht: Es gibt in Deutschland zu wenig Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren noch einmal ganz gewaltig verstärken, wenn einerseits die richtig geburtenschwachen Jahrgänge PISA-geschädigt aus den Schulen kommen und andererseits die Pensionierungs- und Rentenwelle so richtig in Schwung kommt. Es ist zwar nicht der einzige Grund, aber ganz sicher ein nicht zu unterschätzender Einwand, mit dem die Wirtschaft auf vernünftige Zuwanderungsregeln für qualifizierte Arbeitnehmer wirbt.
Fest steht ebenfalls, dass eine Preiserhöhung ohne Verbesserung der Leistung (und ohne Ausnutzung einer Monopolstellung) zunächst einmal eine geringere Nachfrage zur Folge hat (Wirtschaftswissenschaftler mögen mich korrigieren).
Bisher sind die direkten Kosten für ein Studium relativ überschaubar. ca. 150,- - 200,- EUR Semesterbeiträge (vielfach inkl. sog. Semesterticket) sowie 100,- EUR pro Monat für Verbrauchsmaterialien, Computer, Bücher, etc. Das kann bei einigen Studiengängen erheblich mehr sein (z.B. Zahnmedizin), kommt aber wohl ungefähr hin. Die Lebenshaltungskosten (Wohnen, Essen, Kino, etc.) lasse ich bewusst weg, denn die müssen alle Nichtstudenten schließlich auch bezahlen.
Bei einer realistischen Studiendauer von 5 Jahren (10 Semester) käme man so auf einen Betrag von rund 7800,- EUR. Nicht die Welt. Jetzt sollte man aber die Opportunitätskosten nicht ausser acht lassen. Zunächst einmal drei Jahre längere Schulzeit bis zum Abitur. In dieser Zeit machen unsere Nicht-Studenten eine Ausbildung, während derer sie übrigens bereits bezahlt werden (warum eigentlich??). Die Ausbildungsvergütung setze ich mal mit 500,- EUR/Monat an. Macht in drei Jahren 18.000,- EUR. Während wir uns dann in überfüllten Hörsäälen und mangelhaft ausgestatteten Bibliotheken herumlümmeln, arbeiten unsere Nicht-Studenten brav fünf Jahre lang. Ich nehme mal (ein unterdurchscnittliches) Einkommen von 2.500,- EUR/Monat an. Macht nochmal stolze 150.000,- EUR.
Jetzt hat ja die Regierung in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen, die Ausbildungszeit überhaupt nicht mehr auf die Rente anzurechnen. Welche Kosten dadurch entstehen, vermag ich hier gar nicht abzuschätzen. Aber den einen oder anderen Rentenpunkt wird das schon ausmachen.
Wie dem auch sei. Bereits ohne Studiengebühren belaufen sich die Kosten eines Studiums derzeit auf ca.
175.800,- EUR
Setzen wir jetzt mal eine realistische Studiumgebühr von 2500,- EUR/Semester an (die symbolischen 500,- EUR werden sich mit Sicherheit keine zwei Jahre halten), dann erhöhen wir die Kosten auf
200.800,- EUR!
Während unsere Nicht-Studenten also bereits ihr Eigenheim zu großen Teilen abbezahlt haben und dabei auch noch volle Rentenpunkte bekommen haben, fangen die Akademiker da gerade mal an.
Eine höhere Studiendauer (Bummelstudenten) erhöhen diese Kosten weiterhin extrem. Schon alleine deshalb liegt es im Intersse der Studenten, möglichst schnell fertig zu werden. Mir persönlich sind zwar ein paar Langzeitstudenten bekannt, aber kein einziger macht das, weil an der Uni abhängen so cool ist, sondern weil sie Probleme haben, ihre Lebenshaltungskosten zu finanzieren oder weil sie mit schweren Krankheiten zu kämpfen hatten. Und um dieses Märchen auch mal auszuräumen, sie nehmen in der Zeit keinem jüngeren Studenten irgendwelche Labor- oder Seminarplätze weg. Sie besuchen schlicht weniger Veranstaltungen pro Semester.
Auch im Musterland der Studiengebühren sieht es derzeit nicht besonders rosig aus. Während dort nämlich ein enormes Problem mit in breiten Massen total unterqualifiziertem Personal gekämpft wird, bluten die „Elite“ Hochschulen Harvard & Co. akademisch aus, weil seit 09/11 die Einreisebestimmungen für ausländische Studierende extrem verschärft wurden. Ein Großteil der Studenten dort rekrutiert sich nämlich aus dem Ausland. Und das ist nicht unbedingt so, weil die Amerikaner alle dämlich sind … es hat schlicht mit den extremen Kosten zu tun, die ein Studium an diesen Hochschulen nunmal mit sich bringt. Und das, obwohl es dort ein extrem ausgefeiltes und breites Stipendienwesen gibt!
Ich halte es jedenfalls nicht für erstrebenswert, den Akademikern neben den sehr hohen Opportunitätskosten auch noch große Kredite aufzubürden, die bei Beginn der beruflichen Laufbahn abzuzahlen wären.
Gruß
Fritze
