Nochmals Antidepressiva

Ich haette aus aktuellem Anlass, mein Freund steht kurz vor der Einnahme von Antidepressiva, eine Frage zu Antidepressiva:

Wie lange werden die im Schnitt genommen? Habe mal gelesen, man sollte sie mind. 6 Monate nehmen, damit sie langfristig wirken. Halt ne Statistik. Andere Leute jedoch sagen, dass man nicht zu viel Chemie in sich stopfen sollte und deshalb nur moeglichst kurz einnehmen sollte. Das sind die Statistikunglaeubigen :wink:

Hat hier jemand positive oder negative Erfahrungen? Auf was sollte man achten bei der Laenge der Einnahme?

Danke
coco

Wie lange werden die im Schnitt genommen? Habe mal gelesen,
man sollte sie mind. 6 Monate nehmen, damit sie langfristig
wirken.

Hi Coco
Bei den älteren, also den „klassischen“ Antidepressiva braucht man schon deshalb Geduld, weil sie oftmals erst nach drei, vier Wochen überhaupt anfangen, Wirkung zu zeigen. Leider lag dann oft die antriebssteigernde Wirkung zeitlich vor der stimmungsaufhellenden. Daher sind einige Depressive zwar aktiver geworden, aber nicht optimistischer, und haben sich in dieser Phase das Leben genommen.
Die „neueren“ Antidepressiva, also die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, wirken wohl schneller, haben aber bei manchen Menschen so subjektiv unangenehme Nebenwirkungen (wie z.B. Übelkeit), dass nur ein Teil der Leute sie überhaupt nimmt.
Wenn man mit einem Antidepressivum gut zurecht kommt, es sich „eingependelt“ hat, wird man es meistens ein paar Monate nehmen. Sonst hätte man garnicht damit anfangen sollen, denn Antidepressiva sind keine kurzzeitigen Stimmungsaufheller wie Ecstasy, einige Benzodiazepine, Kokain, Crack o.ä.
Gruss, Branden

Hi coco,

Wie lange werden die im Schnitt genommen? Habe mal gelesen,
man sollte sie mind. 6 Monate nehmen, damit sie langfristig
wirken.

Nach mehreren (Selbst-)Versuchen, in Hochphasen meine Antidepressiva einfach abzusetzen (mit der Folge, nach ein paar Tagen wieder in psych. Abgründe zu stürzen), habe ich nun eingesehen, dass ich diese Medikamente ggf. über Jahre, wenn nicht sogar mein Leben lang nehmen werden muss.

Halt ne Statistik. Andere Leute jedoch sagen, dass man
nicht zu viel Chemie in sich stopfen sollte und deshalb nur
moeglichst kurz einnehmen sollte.

Von mal eben ein paar Monate halte ich nichts - es sei denn es ist eine reaktive Depression (aufgrund irgendeines Verlustes), da macht das vielleicht Sinn. Bei endogenen Depressionen handelt es sich um einen genetischen Defekt, der durch die Pillen nur in Schach gehalten werden kann, den sie aber nicht endgültig heilen. Zutreffend ist allerdings, dass nach einer gewissen Zeit der Einnahme die positive Stimmung mehr und mehr „geübt“ und bejaht wird, d.h. es erfolgt so etwas wie eine psychische Konditionierung dafür, dass eine Alternative zur Depression erkannt und aus der neuen Erfahrung heraus gelebt werden kann.
Das mit der Chemie ist mir offengestanden schnurzegal. Mein Leben ist mit den Pillen auf jeden Fall ein besseres Leben, und ich hab’ auch nur eines, warum soll ich mich da durchleiden, wenn es auch anders geht? Abgesehen sind bei den „modernen“ Antidepressiva nach der Zeit der Eingewöhnung keinerlei unmittelbaren Nebenwirkungen mehr spürbar, d.h. das Bewusstsein wird in keinster Weise getrübt - und die Seele eben auch nicht mehr.

Hat hier jemand positive oder negative Erfahrungen?

S.o.

Auf was sollte man achten bei der Laenge der Einnahme?
Da es sich ja um eine Ersttherapie handelt würde ich erst einmal abwarten, um das Antidepressivum überhaupt „anschlägt“, wenn nicht, wird ein anderer Wirkungsstoff ausprobiert werden. Schon diese Phase kann man mit einem Vierteljahr veranschlagen, d.h. ein halbes Jahr macht durchaus Sinn. Und dann werden Arzt und Patient eine Reduzierung in Erwägung ziehen. Wenn das gut ausgeht, kann man an ein langsames Ausschleichen in Erwägung ziehen, also pauschal kann man über die Einnahmedauer hier fernanalytisch gar nichts sagen.
Gruß,
Anja
PS @ Branden und Oliver Walter: Falls ich hier medizinischen Unsinn geschrieben habe, bitte ich um Korrektur. Ich habe hier nur die subjektive Erfahrung einer Betroffenen beschrieben.

Positive Erfahrung (nach einiger Zeit)

Hat hier jemand positive oder negative Erfahrungen? Auf was
sollte man achten bei der Laenge der Einnahme?

Hallo Coco,

Ich habe positive Erfahrungen mit Antidepressiva. Es hat zwar etwas gedauert den richtigen Arzt zu finden, aber nachdem die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (u. andere Medikamente) gewirkt haben, waren auch große Fortschritte in der Gesprächstherapie bemerkbar.

Worauf man achten sollte? Ich denke am meisten darauf wie der Arzt mit dem Patienten umgeht. Wie oft der Arzt den Patienten (vor allem in der Anfangsphase) sehen will. Ich war lange bei Ärzten die mich einmal im Monat sehen wollten, geklappt hat es aber erst mit diesem Arzt. Der wollte mich Anfangs jede Woche sehen und jetzt immer noch 2 mal im Monat.

Es geht einfach darum dass der Arzt den Patienten kennenlernen und laufend beobachten muss, damit er den Krankheitsverlauf beurteilen und auch bei Schwankungen begleiten kann.

Über die Länge der Einnahme würde ich mir nicht soviele Gedanken machen, solange eine Besserung bemerkbar ist. Auf jeden Fall nicht eigenmächtig absetzen, auch wenn man glaubt es geht jetzt gut!

lg
M.

hallo anja

Von mal eben ein paar Monate halte ich nichts - es sei denn es
ist eine reaktive Depression (aufgrund irgendeines Verlustes),
da macht das vielleicht Sinn. Bei endogenen Depressionen
handelt es sich um einen genetischen Defekt, der durch die
Pillen nur in Schach gehalten werden kann, den sie aber nicht
endgültig heilen. Zutreffend ist allerdings, dass nach einer
gewissen Zeit der Einnahme die positive Stimmung mehr und mehr
„geübt“ und bejaht wird, d.h. es erfolgt so etwas wie eine
psychische Konditionierung dafür, dass eine Alternative zur
Depression erkannt und aus der neuen Erfahrung heraus gelebt
werden kann.

ok. ob er einen grossen verlust hatte, das weiss ich nicht. davon hat er noch nie was erzählt. kann das nicht aus von ewigem negativem denken ausgelöst werden? als auch reaktiv, aber ohne verlust? weil dann würde das doch bedeuten, dass wenn er diese konditionierung hinter sich hat, er wieder medikamentenfrei sein kann.

Das mit der Chemie ist mir offengestanden schnurzegal. Mein
Leben ist mit den Pillen auf jeden Fall ein besseres Leben,
und ich hab’ auch nur eines, warum soll ich mich da
durchleiden, wenn es auch anders geht?

ja, das verstehe ich.

liebe grüsse
coco

danke owt

Hallo Anja,

ich wollte gerade was schreiben, da stelle ich fest, daß Du alles schon sehr schön formuliert hast.
Ich habe wohl eine andere Ursache für meine Depri’s, aber zu den Pillen hast Du wohl aus Sicht des (der) Betroffenen das Wichtigste gesagt.

Vielleicht nur noch eins: Es ist nicht sicher, daß das erste Mittel, welches verschrieben wird, auch wirkt und für den Betroffenen verträglich ist.
Mir wurde auf das erste Präparat kotzeübel und ich konnte auch mit viel Hunger nichts essen. Dann hilft nur zum Arzt gehen und mit ihm sprechen! Nicht gleich aufstecken, nach dem Motto: Ich wußte, mir hilft eh’ nichts (wozu ich als Depressiver wohl neige)!
Und wenn man zum Hypochondrischen neigt: dem Arzt vertrauen und den Beipackzettel nicht lesen. Bei meinen Pillen ist der fast einen halben Meter lang und dicht bedruckt mit potentiellen Nebenwirkungen (von denen keine so eintritt, daß es mich irgendwie stören würde) . Früher hatten die nicht mal draufstehen, wozu das Zeug gut ist („Die Wirkung des Präparats erfragen Sie bei ihrem Arzt.“)

Viele Grüße
HylTox

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Hallo!

Ich steckte vor 15 Jahren auch in einer depressiven Phase, bekam Antidepressiva verschrieben. Anfangs war ich sehr zufrieden damit, sie haben zwar geholfen nicht ständig in dunkle Löcher abzustürzen. Ich stellte aber nach kurzer Zeit fest, dass ich nur noch wie ein Roboter funktionierte. Alles wurde von mir nur noch mechanisch ausgeführt. Ich konnte gefühlsmäßig rein gar nicht mehr empfinden weder Freud noch Leid, konnte nicht mehr richtig denken. Es war, als wenn ich nur noch aus einer leeren Hülle bestehe. Nach vier Wochen wollte ich dann schließlich das Medikament absetzen, da das Medikament auch nicht allzu lange eingenommen werden sollte. Es besteht die Gefahr der Abhängigkeit. Ich wollte unbedingt von diesen Tabletten weg. Mein Arzt empfahl mir sie trotzdem weiter einzunehmen, was ich nicht mehr wollte. Nach Absetzen des Medikamentes ging es mir noch schlechter als vorher. Ich merkte, das ich bereits abhängig war. Obwohl ich viele Begleiterscheinungen wie Schwindel, Schweißausbrüche, Gereiztheit, Zittern hatte, setzte ich auf eigenen Wusch das Medikament ab und bin heute froh darüber. Es kostet sehr viel Kraft und Nerven. Es dauerte einige Wochen ehe es mir wieder besser ging. Natürlich fiel ich in erneute schwarze Löcher aber mit Hilfe einer stationären offenen Therapie gelang es mir in drei Monaten wieder halbwegs fit zu sein. Nur der Arzt kann entscheiden wie notwendig das Medikament wirklich ist.

Hi Hermeline,

(…)
Ich stellte aber nach kurzer Zeit
fest, dass ich nur noch wie ein Roboter funktionierte. Alles
wurde von mir nur noch mechanisch ausgeführt. Ich konnte
gefühlsmäßig rein gar nicht mehr empfinden weder Freud noch
Leid, konnte nicht mehr richtig denken. Es war, als wenn ich
nur noch aus einer leeren Hülle bestehe. (…)
Es besteht die Gefahr der Abhängigkeit. Ich wollte unbedingt
von diesen Tabletten weg. (…) Nach Absetzen
des Medikamentes ging es mir noch schlechter als vorher. Ich
merkte, das ich bereits abhängig war. Obwohl ich viele
Begleiterscheinungen wie Schwindel, Schweißausbrüche,
Gereiztheit, Zittern hatte, setzte ich auf eigenen Wusch das
Medikament ab und bin heute froh darüber. Es kostet sehr viel
Kraft und Nerven. Es dauerte einige Wochen ehe es mir wieder
besser ging. Natürlich fiel ich in erneute schwarze Löcher
aber mit Hilfe einer stationären offenen Therapie gelang es
mir in drei Monaten wieder halbwegs fit zu sein.

Das sind die Wirkungsweisen der „alten“ Generation von Antidepressiva. Zu Zeiten, wo ich diese nahm, schlief ich erst einmal die ersten zwei Wochen durch und dann wurde ich auch zur mechanischen Hülle. Bis ich auf einen guten Arzt traf, der mich in die Psychiatrie überwies, wo ich unter Aufsicht die Tabletten unter heftigen Entzugserscheinungen wieder absetzte. Die heutigen Trizyklischen Antidepressiva zeigen diese grässlichen Wirkungen nicht.

Nur der Arzt kann entscheiden wie notwendig das Medikament wirklich ist.

Tja, aber gute Ärzte, die das sinnvoll entscheiden, sind auch nicht vorhanden wie Sand am Meer. Gerade die Neurologen agieren oft als „Durchlauferhitzer“ (so nenne ich die, wo man 1 1/2 Std. im überfüllten Wartezimmer sitzt, um dann nach 5minütiger Konsultation ein Rezept in die Hand gedrückt und einen neuen Termin zur Pillenübergabe zu kriegen).
Herzlichen Gruß,
Anja

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Hallo,
können SSRI nicht eine ähnliche Lethargie auslösen ? In einen anderen Thread wurde dies erst kürzlich von jmd. berichtet.

Gruss
Enno

können SSRI nicht eine ähnliche Lethargie auslösen ?

Ich weiß es nicht, Enno, ich habe nur Erfahrung mit dem Wirkstoff Doxepinhydrochlorid, wo tatsächlich anfänglich eine eher schläfrige Wirkung eintritt, die aber nach einer Zeit der Gewöhnung völlig wegfällt, und mit Citalopram, das ich jetzt nehme, da habe ich keinerlei (Neben-)wirkungen gespürt. Ich hab’ endlich einen guten Arzt gefunden, der mich genau nach Veränderungen befragt und auch die Dosierung so lange verändert, bis die gewünschte Wirkung eintritt, aber keine unerwünschten Nebenwirkungen auftreten. Zum Schlafen nehme ich abends Thombran, das schlaf"anstossend" wirkt, was ich dringend nötig habe, da ich erhebliche Schlafprobleme habe. Dieses Mittel macht wirklich dösig und tagsüber wollte ich es nicht nehmen. Sicher gibt es verschiedene Depressions- und Medikamententypen, wo Arzt und Patient am Anfang eben ein bisschen Geduld entwickeln müssen, bis der Patient optimal eingestellt ist.
Gruß,
Anja

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Danke (owT)
.

vier Wochen überhaupt anfangen, Wirkung zu zeigen. Leider lag
dann oft die antriebssteigernde Wirkung zeitlich vor der
stimmungsaufhellenden. Daher sind einige Depressive zwar
aktiver geworden, aber nicht optimistischer, und haben sich in
dieser Phase das Leben genommen.

weshalb man antidepressiva nie ohne begleitende psychotherapie nehmen sollte…
mit so einer doppel-hilfe von neurologe und psychologe gehts dann auch
insgesamt leichter und hält so manchen vielleicht auch davon ab die medikamente
in hochphasen einfach in den müll zu schmeißen…

mfg
jj