Nominativus cum infinitivo

Hallo, liebe Experten, ich hoffe, die richtige Seite von „Wer weiß was“
erwischt zu haben.
Hier mein Problem: Im „Te Deum“ von Marc-Antoine Charpentier(1643-1704)
steht der Satz „Iudex crederis esse venturus“, den ich als N.c.I.
interpretiere.Rohübersetzung von mir: "Du wirst geglaubt, der kommende (oder künftige) Richter zu sein. Also: Wir glauben, dass du der künftige Richter bist.
Die Sache hat nur einen Haken: Nach allen mir vorliegenden Grammatiken
verbindet sich credere eben nicht mit einem N.c.I.
Ein sprachlicher Ausrutscher des Kirchenlateins?
Mit freundlichen Grüßen
M.Knapp

Moin,
also so auf den ersten Blick fällt mir dazu ein:

  1. viele Kirchenmänner konnten nicht wirklich 100% richtiges Latein, da gab es schon mal öfter Grammatik- oder Vokabelfehler, kann also hier sehr gut der Fall sein (zumal wir im Deutschen in diesem Fall einen Nominativ verwenden ‚der kommende Richter‘). Kann also gut eine allzu wörtliche Übersetzung sein.
  2. Credere wird zwar üblicherweise nicht mit NCI gebildet, credere wird aber üblicherweise auch nicht im Passiv verwendet… Daher kann eine ‚falsche‘ Grammatik darauf zurückzuführen sein, daß hier jemand einen tollen lateinischen Satz bilden wollte (mit sehr komplizierter und eigentlich unüblicher passiver Verwendung von credere) und dabei nicht bedacht hat, daß im Lateinischen nach Verben der sinnlichen Wahrnehmung i.d.R. der ACI steht.
  3. Ich weiß auf die Schnelle nicht, wie das im Griechischen aussieht, wo der NCI häufiger ist als im Lateinischen. Bzw. auch im Gotischen (alte Bibelübersetzung von Wulfila), wo sehr wörtlich - besonders in der Grammatik - aus dem Griechischen übersetzt wurde.

LG