(etwas ausschweifende) Randbemerkung
Hallo Thomas,
Ich meinte allerdings etwas anderes, nämlich dass eine Terz (egal ob nun
eine kleine oder eine große, jedenfalls irgendein Intervall)
aus asiatischer Sicht betrachtet möglicherweise nicht ganz so
eindeutig ist, wie es für europäische Ohren ist. Denn dem aus
zwölf Tönen bestehende europäische System ist viel einfacher
gestrickt. Ich bin zwar kein Experte für außereuropäische
Musik, aber ich meine mich zu erinnern, dass es außerhalb
Europas nicht nur Halbtöne, sondern auch Vierteltöne oder noch
differenziertere Abstände gibt. Dies könnte beim
Zusammenstimmen u. U. zu Missklängen im Ensemble führen.
An diese (letzte) Möglichkeit habe ich zwar auch schon gedacht (du hast recht, es gibt auf jeden Fall, z.B. in der Musik von Java und Bali, völlig andere Tonsysteme als das unsere), gebe aber folgendes zu bedenken: Die dortigen Musiker, wenn sie europäische Instrumente spielen (wie Trompete, Horn oder Posaune), werden ja in der Regel auch von europäisch geschulten Musikern ausgebildet. Nur war auch in europäischen Orchestern der spieltechnische Standard noch nie so hoch wie heute. In anderen Weltgegenden mag ein offizielles Ensemble sich da vielleicht so anhören wie eine europäische Blaskapelle vor hundert Jahren oder eine Dorfmusikkapelle von heut. Also, ohne den Kollegen nahetreten zu wollen, aber wir sind schon von unseren Orchestern verwöhnt, was Intonation und Spieltechnik angeht.
Und ein Aspekt noch: Auch unser Tonsystem ist ein komplizierter Ausgleich zwischen reinen und nicht ganz so reinen Intervallen. Und im Grunde müßte man sagen, es gibt in unserer modernen (sog. „temperierten“) Stimmung nur noch ein reines Intervall: die Oktave. ALLE anderen Intervalle sind unrein, aber in so winzigem Maße, das wir die Abweichung entweder 1. nicht besonders gut wahrnehmen (so bei der Quinte) oder 2. uns daran gewöhnt haben: So bei der großen Terz, die wir meist leittönig, also viel zu hoch intonieren. Diese von den Schwingungsverhältnissen her unreine Intonation erscheint uns aber gefühlsmäßig sauberer als die natürlich reine, relativ kleinere große Terz. [Hab ich das jetzt verständlich gesagt?]
Also, auch unsere Stimmung ist nur ein Kompromiß, der sich nicht auf ein eindeutiges physikalisches Gesetz berufen kann. Und die Spezialisten für „alte Musik“ (d.h. Musik vor Bach oder zumindest vor 1800) verwenden oft andere Stimmungen, die dann für uns geradezu falsch klingen können, wenn wir nur unseren täglichen Hörgewohnheiten folgen.
Summa summarum meine ich auch, daß die Musikerkollegen dort halt, genau wie du es ja schon sehr schön beschrieben hast, mit den mehrfachen Gefährdungen der Intonation nicht zurechtkommen (Einstimmen der Instrumente, Lippenspannung, Witterung). Nur den Einfluß der autochthonen Tonsysteme würde ich bezweifeln. Ganz sicher aber liegt es nicht an der Notation!
Gott, war das ein langer Erguß. Ist aber auch ein wirklich spannendes Thema, sehr gute Frage, keine leichte Antwort!
Intonationsreine Tage wünscht
Michael