Anmerkungen - vielleicht auch etwas selbst Schuld?
- Mai 1999
Mit einigen Freunden hatte ich mich zum Picknick im Mauerpark
verabredet.
Ihr wußtet nicht was am 1. Mai gewöhnlich so in Berlin passiert???
Die U-Bahn fuhr aber bereits nicht mehr durch, so dass wir am
Senefelder Platz ausstiegen, um zu Fuß zum Mauerpark zu gehen.
Natürlich fiel uns die Polizeipräsenz auf und einer der
Polizisten fragte uns, wo’s denn hingehen sollte. „In den
Mauerpark zum Grillen“ meinte meine Freundin und der liebe
Herr Polizist ließ uns weiterziehen. Das passierte noch
einzwei mal, bis wir am U-Bahnhof Eberswalder Straße ankamen.
Das hat euch nicht stutzig gemacht, weil Ihr ja eh nicht wußtet was los ist am 1. Mai, hab Ihr euch auch nicht gewundert…
Dort durften wir nicht mehr weitergehen. Aber auch nicht
zurück.
Auf der Eberswalder Straße saßen einige Leute, wohl Teilnehmer
der Demo, die sich durch nichts dazu bringen ließen, die
Straße zu verlassen.
Das da n Haufen Menschen und Polizisten stehen habt Ihr vorher nicht gesehen und nicht mit dem Datum in Verbindung gebracht.
Ihr wurdet mehr o. weniger hingebeamt.
Ihnen gegenüber die Polizei, die schon
fleißig dabei war, böse zu gucken und mit ihren Schlagstöcken
zu spielen.
Was haben sie den so mit den Stöcken gemacht?
Mikado?
Wir wollten nichts wie weg. Aber Pustekuchen. Obwohl alle
weggehen sollten, wurden nicht mal Anwohner durch die Reihen
der Polizisten gelassen. Man hatte die Straße eingekesselt.
Wir stahlen uns an einem Sixpack vorbei und waren dann
draußen.
Also doch kein „Kessel“ sonst wärt Ihr ja nich rausgekommen.
Dann das Problem: Mauerpark können wir vcergessen, aber wo
sind unsere Freunde. Auf der Suche nach ihnen standen wir in
einer popeligen Querstraße plötzlich wieder vor einer Kette
von Polizisten.
Da würde mir ja nix besseres einfallen, als meine Freunde zu suchen…
Wir wollten wissen, ob wir durchkönnen und klarmachen, dass es
uns darum geht, unsere Freunde zu finden, um die wir uns - wie
sich herausstellte brechtigterweise - Sorgen machten.
Es kommen ja nicht X - Leute die zu Ihrer Oma wollen oder ihre Freunde suchen o. sonstwas an so einer Stelle vorbei. Darum hören sich die Beamten auch gern alle Geschichten an und prüfen ob sie die Leute dann doch durchlassen, damit 90% von denen sie später auslachen.
Ich
musste mich von den Herren Polizisten beschimpfen lassen,
einer drohte mir mit Schlagstock und Stein.
Beschimpfen ist natürlich nicht statthaft, wenns beleidigend wird. Androhung von Zwang, auch des Schlagstoches ist sehr wohl statthaft.
Stein?
Ein Anwohner, der
gern nach Hause gegangen wäre und versuchte, sich durch die
Polizisten zu drängen („Sehen Sie doch hin, das ist mein
Ausweis, ich wohne hier“ -
„…grummelgrummelmurmelschnauzegrummel“) wurde mit gezieltem
Schlag auf den Kopf niedergestreckt.
Er versuchte sich also DURCHZUDRÄNGEN - das stellt strafrechtlich einen Widerstand dar, der offensichlich mit einfacher körperlicher Gewalt gebrochen wurde.
Hört sich rechtmäßig an.
Auch unsere Freunde warn von freundlichen Polizisten
schnurstracks in den Kessel um die Eberswalder Straße geleitet
worden und sahen sich plötzlich zwischen den - zu diesem
Zeitpunkt extrem agressiven - Fronten.
Die ham auch nix gewußt und nix vorher gemerkt.
Auf einmal begann die
Polizei den Sturm.
Sie räumten also, was Deine Freunde vorher nicht erwartet haben.
Panisch flüchteten sich drei Jungen und
zwei Mädchen sowie einige ähnlich orientierungslose Menschen
in einen Hauseingang. Kurz darauf wurde die Tür aufgerissen,
drei Polizisten stürmten herein, schlugen allen einmal auf den
Kopf und rannten wieder raus.
Das ist natürlich nicht richtig.
Wir warteten vor der Wohnungstür der Jungens - in der
Hoffnung, unsere Freunde dort zu treffen. Nach einer halben
Stunde kamen sie: Einer klagte über Kopfschmerzen, einer hatte
eine Platzwunde, eines der Mädchen war völlig hysterisch und
hatte noch gar nicht realisiert, was passiert war.
Das hat für mich nichts mit Deeskalation und mit „ein Polizist
muss nicht lieb sein“ zu tun. An diesem Abend und dort war
sehr deutlich zu spüren, dass die Polizei nicht darauf aus
ist, erst wenn es nötig ist zuzuschlagen. Unter den
Polizisten, die an diesem tag aus ganz Deutschland kamen, gab
es genausoviele Erlebnistouristen wie unter den Autonomen.
Wir wohnen in dieser verdammten Stadt. Wir gehen im Sommer
gern in den Mauerpark. Die Jungs hatten sogar einen verdammten
GRILL dabei. Ich sehe die autonomen Deppen randalierend und
heiße das ganz und gar nicht gut. Doch die Polizei - fleißig
am Drohen, Provozieren und Schikanieren - nimmt m.E. ganz und
gar nicht die Rolle der guten ein.
Ich kann verstehen, daß Du das nicht verstehst, aber wenn Du nicht richtig durchgreifst nehmen Dich die Erlebnistouristen der Autonomen Szene nicht ernst.
Es tut mir persönlich auch leid, daß euch das passiert ist, aber als Berliner weiß man doch was am 1.5. los ist und hält sich wenns irgendmöglich ist dort raus. Bist Du Dir ganz sicher, daß Ihr nicht ma sehn wolltet was da so los ist?
Und nochwas:
Ich war auch schonmal am 1.5. privat am Kolli mit Lederjacke, springern und schwarzem Kapuzenpulli.
Bin überall mal rumgeturnt mir ist nix passiert, ich wurde nicht eingeschlossen und nicht verkloppt.
Aber ich wußte, daß ich wenn ich zwischen die fronten gerate ohne weiteres von meinen Kollegen, im Rahmen einer Räumung, Schläge bekommen würde.
Und nun sei nicht sauer:
Wer sich am 1. Mai dort aufhält, ohne das er muß, wo Krawalle anstehen - das ist meine rein private Meinung - ist irgendwo selbst Schuld, wenn er in polizeiliche Maßnahmen gerät, oder einen Stein an den Kopf bekommt.
Und das ist NICHT die Schuld der Polizei.
M.