Nuckelflasche am Ohr

Hallo,

den Titel habe ich von einem Artikel übernommen, den ich hier gerne zur Diskussion stellen möchte:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bi…
Da heißt es zum Beispiel: Könnte es tatsächlich sein, dass die meist eingeschalteten Mobiltelefone Jugendlichen erschweren, das Alleinsein zu ertragen und eigene Entscheidungen zu treffen?
Ein interessante Gedanke, den ich nicht von der Hand weisen möchte.
Und dann ist noch zu lesen: …dann bleibt die gefühlte Nabelschnur zu den Eltern - zumindest so lange der Handy-Akku geladen ist.
Erweisen wir unseren Kindern vielleicht sogar einen Bärendienst, wenn wir ihnen Handys mitgeben?

Viele Grüße
Maelle

Nuckelflasche am Ohr: Herrlicher Vergleich
Hi maelle,

diese Gedanken finde ich auch sehr interessant. Pauschal lässt sich das wohl nicht sagen, doch das wird wohl so sein, wie mit den gewalttätigen Computerspielen: dem einen fügt es Schaden in seiner Entwicklung zu, dem anderen nicht.

Nun ja, der Therapeut hat eben die Problemfälle vor sich, das mag dann schon in solchen Fällen zutreffen:

Zitat: „Kennzeichnend für viele Kinder und Jugendliche sei heutzutage eine naive Versorgungsphantasie, sagt auch der Hannoveraner Kinder- und Familientherapeut Wolfgang Bergmann. Sie erwarteten, dass sich ständig jemand um sie kümmere. Damit befänden sie sich „auf dem Entwicklungsstand von Anderthalbjährigen“ und verharrten „im seelischen Kokon eines Kleinkindes“.“

Allerdings sehe ich dieses Verhalten auch bei Erwachsenen … und zwar reichlich.
; )

Viele Grüße, S:smile:nja

Hallo,

habe den Artikel nicht gelesen, aber gemäß Deiner Zusammenfassung ist das schon seit längerem meine Theorie - habe das selbst als erwachsener erfahren, dass es in schlimmen Situationen nichts übleres gibt, als wenn der Akku leer ist - unabhängig davon, ob man gerade jemanden anrufen möchte oder nicht - aber die Möglichkeit wird einem genommen und man ist alleine und auf sich zurück geworfen. Ein Glück weiß ich dass die Welt nicht unter geht, da ich ja noch zu der Generation gehöre die nach Hause gegangen sind wenn die Laternen an gingen und in der Zwischenzeit ihre Probleme alleine ohne Telefon gelöst haben.

Bei meinem jüngeren „Schwager“ der auch noch super unselbständig erzogen wurde und unter voller Kontrolle der Mutter lebt sieht es ganz anders aus. Er gerät in Panik, wenn eines der Handys nicht in Reichweite ist, mal für ne Minute ausgestellt ist etc. Ich habe keine Ahnung wer die ganzen SMS etc. binnen Sekunden beantwortet die er da so im Minutentakt ins Nichts schickt, aber auch seine Freunde scheinen selbst wärend der Berufstätigkeit wie ein Fuchs vorm Loch zu wachen und gleich zu antworten. Ich frage mich immer, ob die auch noch ein Leben neben dem Handy haben. Egal ob die Familie da ist z.B. zu Feiern und man sich ja normal unterhalten könnte - mit einer Hand wird ohne Ende SMS geschrieben. Das ist irgendwie schon krank so zu kommunizieren und sich auf kein normales reales GEspräch mehr konzentrieren zu können.

Handyfreien Gruß!

Alexandra

Hallo Sonja,

diese Gedanken finde ich auch sehr interessant. Pauschal lässt
sich das wohl nicht sagen, doch das wird wohl so sein, wie mit
den gewalttätigen Computerspielen: dem einen fügt es Schaden
in seiner Entwicklung zu, dem anderen nicht.

Ja, so sehe ich das auch.
Dennoch habe ich die Befürchtung, dass Kinder und Jugendliche, z.B. auch meine Kinder, bei der bevorzugten Kontaktpflege mittels Handy nicht über Kurzlebigkeit und Oberflächlichkeiten hinaus kommen. Das möchte ich für meine Kinder nicht. Ich habe das Ideal, dass sie ihre Freundschaften intensiv gestalten, runterfahren kann man immer und vorallem, wenn man bereits Erfahrungen mit intensiven und oberflächlichen Freundschaften gemacht hat.
Was die Sache mit der Nabelschnur anbetrifft, also mich als Elternteil mit dem Handy als Standleitung zwischen mir und Kind, teile ich nicht die Aussage des Artikels. Für mich ist das Handy Mittel zum Zweck, also eine Bereicherung. Vor dem Zeitalter des Handys gab es sicher andere Blüten an elterlichen Ängstlichkeiten und Vorsorge wegen Dauererreichbarkeit, ich glaube nicht, dass das Handy ein Auslöser von einem Zuviel an Überwachung ist.
Von mir kann ich erzählen, dass meine Eltern nicht oft wußten, wo ich mich gerade befand, z.B. auch nicht die Telefonnummer meiner Freundinnen hatten. Diese Eigenständigkeit hat mir nachhaltig gut getan, was ich an meine Kinder mit einem Maß an Verantwortungsbewußtsein gerne weitergebe; aber oft bin ich im nachhinein immer wieder verunsichert, weil in meinem Umfeld die Mütter es mit der Obhut genauer nehmen als ich. Eine von vielen Gradwanderung in der Erziehung. Eben deshalb meine Frage: wieviel Handy ist gut oder schädlich?

… Damit befänden sie sich „auf dem Entwicklungsstand von
Anderthalbjährigen“ und verharrten „im seelischen Kokon eines
Kleinkindes“."
Allerdings sehe ich dieses Verhalten auch bei Erwachsenen …
und zwar reichlich.

ohja, *seufz*, wie wahr. Allerdings muss ich auch gestehen, dass in meinem Alltag das Handy wenig vorkommt, sich mein Verständnis dafür also in Grenzen hält, aber ich versuche nicht untolerant zu sein, nicht zuletzt auch gegenüber meinen Familienmitgliedern.

viele Grüße
Maelle

Hallo Alexandra,

Egal ob die Familie da
ist z.B. zu Feiern und man sich ja normal unterhalten könnte -
mit einer Hand wird ohne Ende SMS geschrieben. Das ist
irgendwie schon krank so zu kommunizieren und sich auf kein
normales reales GEspräch mehr konzentrieren zu können.

ich habe eine Kollegin, die so drauf ist. Am Mittagstisch sitzt sie mit Handy am Ohr geklemmt, mampft und plappert gleichzeitig. Mittlerweile schiebe ich Gründe vor, wenn sie mich fragt ob ich mit ihr zusammen zum Essen in die Küche gehe, weil ich keine Lust darauf habe, mich mit ihr zu unterhalten, wenn sie ein Zeitfenster dafür hat.
Um meinem Offtopic-Beitrag eine brettgerechte Wendung zu geben:
Was Du von deinem Schwager beschreibst ist schon ein wenig bedenklich, finde ich. Was macht er nur, wenn das Handy kaputt ist? Bei meiner Großen war das vor einem Jahr die Katastrophe schlechthin: Die Tastaturen waren kaputt gedrückt, denn das Handy war ihr ganzes Leben (verzeih mir die Übertreibung). Wir haben ihr kein neues gekauft, sondern ein altes wieder flott gemacht. Und siehe da, sie hat den Schülerterminplaner neu entdeckt samt des guten alten Kugelschreibers.
Ich weiß oft nicht ob ich altmodisch bin oder recht habe - keine Ahnung.

viele Grüße
Maelle

Volle Zustimmung
Hallo!
Einen ähnlichen Artikel hatte ich schon vor ein paar Jahren gelesen und mich mit dem Thema befasst.

Wie soll ein Kind selbständig werden und Verantwortung tragen für sein Verhalten, wenn es bei jedem kleinen Problemchen Mama und Papa anrufen kann? Gerade das Beispiel mit dem Bus versäumen finde ich sehr deutlich. Wie soll das Kind lernen pünktlich am Bus zu sein, wenn es nie die Konsequenzen eines versäumten Busses zu spüren bekommt, weil der Eltern-Fahrdienst sofort einspringt? Einmal in der Kälte eine halbe Stunde gewartet oder zu Fuß nach Hause gelaufen, wird sich der Sohnemann beim nächsten Mal eben sputen, um den Bus noch zu erreichen.

Ich bin auch der Meinung, dass auch im Verhalten von Erwachsenen eine gewisse Sorglosigkeit oder Nicht-Vorausplanung zu beobachten ist. Wozu vorsorgen, im Zweifel hab ich doch ein Handy, da helfen mir andere…

Wozu Termine exakt absprechen und einhalten? Grob verabreden und dann nochmal telefonieren. Ein kurzer Anruf „Ich komm 20 min später“ werden von mir nicht als Entschuldigung angenommen, ich muss ja trotzdem warten, wenn ich selber pünktlich war.

Wenn hier ein Nachbarskind (9 Jahre), das sage und schreibe 4 oder 5 Häuser weiter wohnt, seine Mutter mit dem Händi anruft um ihr zu sagen, wo er ist, dann läuft in meinen Augen irgend etwas falsch.

Um keine Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich finde Mobiltelefone nicht grundsätzlich schlecht, in manchen Situationen sehr praktisch und sinnvoll. Man darf nur nicht vergessen, dass die Dinger auch einen „Aus“ Knopf haben und diesen auch ab und an benutzen. Und sich gegen so „wir telefonieren nochmal“-Verabredungen wehren.

Mein Sohn ist 9 und hat schon mehrmals nach einem Handy gefragt. Ich werd mich dagegen wehren, solang nur irgend möglich. Vorerst, wenn er z.B. auf eine weiterführende Schule in die Stadt fahren muss, wird er, wenn es uns im Einzelfall nötig erscheint, ein abgelegtes Handy von uns bekommen, mit einer Prepaid-Karte drin und der Weisung, es nur zu einem bestimmten Zweck zu benutzen. Den daraus sicher zu erwartenden Kämpfen und Diskussionen werde ich standhalten. Hab ich mir zumindest fest vorgenommen. Nennt mich eine Rabenmutter, ich bin überzeugt, ihm damit etwas Gutes zu tun.

Ein weiterer Aspekt ist in dem Artikel nicht erwähnt: Handykosten sind die Hauptursache für Schulden bei jungen Leuten.

Schöne Grüße
kernig

Hi Maelle,

… Dennoch habe ich die Befürchtung, dass Kinder und Jugendliche, z.B. auch meine Kinder, bei der bevorzugten Kontaktpflege mittels Handy nicht über Kurzlebigkeit und Oberflächlichkeiten hinaus kommen. Das möchte ich für meine Kinder nicht.

Wie alt sind denn deine Kinder eigentlich?

Es ist ja so, dass unglaublich viele Kids ein Handy haben, das ist Mode. Wer keins hat, fühlt sich unglücklich. Fühlt sich out.
Das ist der wirkliche Knackpunkt an der Sache. Vergleichbar mit: wir haben keinen Fernseher, kein Internet.

Ja, es ist oft ein sinnloses Rumgelaber am Handy. Blöderweise machen es aber viele Erwachsene genauso. Die eigenen Eltern zählen ab einem gewissen Alter eh nicht, macht also keinen großen Eindruck auf die Kids, wenn die Eltern mit ihrem Handy anders umgehen.

Man mag mir jetzt gern einen auf die Joppe geben, doch wenn ich mir ansehe, dass erwachsene Menschen sich nur noch mit Navigationssystem durch den Verkehr begeben, dann finde ich das auch kein wirkliches Vorbild an Selbstständigkeit.

Die Technik ist oft so eine zweischneidige Sache. Sie kann helfen, sie kann zur Unselbstständigkeit führen. Erwachsene sollten eigentlich in der Lage sein, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Kinder sind damit schlichtweg überfordert.

Ich geb aber zu, meine Tochter hatte mal den Drang abzuhauen. Da war ihr Handy (dafür hatte sie selbst gespart) meine absolute Erleichterung, da sie immer an ihr Handy ging. Ein Anruf und ich wusste, dass sie lebt. Das war das Wichtigste, was ich in Panik wissen wollte.

Viele Grüße, S:wink:nja

Nicht nur bei Kindern…
Hi maelle,

leider werden nicht nur die Kinder auf diese Art zu Unselbständigkeit erzogen.

Viele Firmen denken heute mit ihren Arbeitnehmern genau so!

Sachkundige Personen sitzen im Büro - Anfänger berichten, was sie auf der Baustelle sehen. Daraus soll sich der Fachmann ein Bild machen können - und entscheiden.

Ich fürchte, dass auf diese Art und Weise Häuser einstürzen…

Immer weniger Fachleute gehen noch vor Ort - das geht billiger mit anderen Arbeitern… entscheiden sollen dann die anderen Ende vom Handy…

Im Berufsleben gibt es nur wenig Momente, wo ein Handy sinnvoll ist - der Rest ist einfach nur gefährlich!

LG Ulli

Hallo Maelle,
habe den Artikel zwar nicht gelesen, trotzdem eine kleine Anmerkung von mir: Ich gehöre zur Generation, in der selbst das normale Telefon nicht immer normal und Standard war. Die Kinder fragten mal, wie wir das früher mit Verabredungen gehalten haben. Ganz einfach, Brief oder Karte geschrieben, Treffpunkt und -zeit vereinbart und gut war es. Oder beim Besuch gleich das nächste Treffen verabredet.
Vieles ist heute einfacher mit Telefon. Und ich bin sehr froh, dass ab einer gewissen Zeit auch per Handy kurzfristig eine Information möglich war.
Das gab meinen Kindern das Gefühl, wenn sie eine Situation nicht bewältigen, Hilfe anfordern zu können. Aber ich habe selbst nie erlebt, dass die Kinder das ausgenutzt hätten. Die Jüngere ist handymäßig verrückter als die Große, aber ich denke, dass ist auch ein ansteckendes Phantom: Einer machts, viele machen es nach.

Für mich selbst ist das Handy nur Mittel zum Zweck: Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, gibt es ein gutes Gefühl, im Notfall Hilfe anfordern zu können. Nicht mehr - aber auch nicht weniger.

Eine Vorschreiberin erwähnte, dass die Kinder leicht das Gefühl für Pünktlichkeit verlieren könnten. Auch hier glaube ich gilt: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit lebt man den Kindern vor. Busse und Bahnen können Verspätungen haben. Und das ist gerade, wenn man nicht in einer Stadt mit ausgedehntem öffentlichen Nahverkehr lebt, ziemlich übel. Wenn dann der Anschlußbus erst 2 Stunden später fährt, ist es praktisch, die Verspätung mitteilen zu können und hilfreich, wenn es um eine andere praktikable Lösung geht (2 Stunden bei -10°C steht keiner gern irgend wo rum).

Ein schönes Wochenende wünscht Larimaar

Hallo,

Wasser auf eine Mühlen…! Unsere Große kommt im Herbst in die Schule und Papa will ihr ein Handy kaufen. Eins, das man auch orten kann. Bei uns häntt der Haussegen schon schief, wenn ich mal ohne meine elektronische Fußfessel aus dem Haus gehe; wahrscheinlich löst Papa dann jedesmal eine großfläcvhige Polzeiaktion aus, wenn Töchterchen mal nicht errechbar ist.

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich gut finde. Eigentlich hab ich zu meiner Großen auch ohne Handy absolutes Vertrauen. Was meint ihr, sollte eine Sechsjährige schon ein Handy haben (ausufernde Telefonrechnungen spielen in dem Fall keine Rolle; sie ist wirklich vernünftig…)?

Liebe Grüße

Felicica