(Von mir. Schon ein paar Jahre alt, aber dennoch …)
»Dieser Blick! Es ist immer wieder sooo klasse! Meine Lieblings-Mauer und ich. Hier oben über den Landungsbrücken … Wie oft hab ich hier schon gesessen in den letzten sechs Jahren, die ich jetzt schon in Hamburg lebe! O.k., o.k., die rumpelnden S- und U-Bahnen stören die Idylle manchmal schon ein bißchen. Aber es gehört auch irgendwie dazu. Heute ist mir das sowieso egal; es geht mir so verdammt gut! Irgendwo da hinten, elbabwärts, malt die Sonne den Himmel gerade rosa an. Na klasse: meinem Gemütszustand entsprechend! Nicht nur jetzt hat dieser Blick hier oben was fast „klassisch touristisches“ - Postkartenmotiv eben. Ich liebe diese Stadt. Allerdings hat sie Konkurrenz bekommen. Von „ihr“. Eigentlich wollte ich ja nie ´ne Freundin im Job haben. „Bringt nur Probleme!“, dachte ich immer. „Wenn’s in die Brüche geht, dann hast Du auch noch Streß im Büro!“, war die Befürchtung. Aber dann kam wie so oft alles ganz anders …
Noch ganz genau habe ich vor Augen, was sie trug, als sie das erste Mal in meinem Büro stand: beigefarbene Hose, weiße Bluse, braune Schuhe und diese kleinen, dezenten goldenen Ohrringe. Im ersten Moment wußte ich gar nicht, wer sie eigentlich ist; in welcher Abteilung unseres Unternehmens sie arbeitet. Trotzdem war ich vom ersten Moment mindestens beeindruckt. Der Kontakt intensivierte sich. Zunächst nur aus beruflichen Gründen. Aber das war egal. Hauptsache, ich sah sie. Das ist jetzt schon einige Monate her, bis es dann passierte …
Wir waren zusammen essen - nicht das erste Mal. Der anschließende Spaziergang am Westufer der Alster war ein Traum. Herbst ist nunmal eine meiner vier Lieblingsjahreszeiten … Den Blick frei über die Alster; das Laub in allen möglichen Farben. Die uns entgegenkommenden Jogger, die ich nicht wirklich registriere, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Tausche „allein im Laufschritt“ gegen „zu zweit mit ihr“? Muß ja nicht sein. „Nehme ich jetzt Ihre Hand?“, schoß mir dauern durch den Kopf. Gesagt - geschweige denn getan - habe ich natürlich nichts. Oder viel zu viel? Typisch ich. Völlig durch den Wind. Nur gut, daß ich der Witterung die Schuld an meinen roten Ohren geben konnte … Viel zu schnell waren wir wieder an Ihrem Auto. Blöd wie ich mich nun manchmal anstelle trat ich den Rückzug an und wollte Sie wissen lassen, daß wir uns nicht weiter privat treffen sollten, weil sie längst mehr für mich ist, als nur eine Kollegin. Sie nahm meine Hand als Sie sich zu mir umdrehte, mich mit ihren braunen Augen ansah, lächelte und sagte: „Halt bitte die Klappe und küß mich endlich!“
Das war vor ca. einer Woche. Und nun sitze ich mal wieder hier auf der Mauer, sehe auf den Hafen hinunter, denke an diesen ersten Kuß und fange automatisch zu grinsen an. Was bin ich verliebt! Flugzeuge im Bauch, wirre Gedanken. Schreien könnte ich. Die ganze Freude rausschreien. Ist mir das peinlich? Warum eigentlich? Soll doch der Rest der Welt mitkriegen, wie glücklich ich bin. Warum ist sie jetzt bloß nicht bei mir? Blöde Frage, denn ich weiß ja, daß sie auf Dienstreise in Stuttgart ist. Morgen kommt sie wieder. Nur noch 17 Stunden …
Zum ich-weiß-nicht-wievielten-Male sehe ich mir ihr Foto an. Es ist schon etwas zerknickt; ich kann und will mir nicht abgewöhnen, es immer bei mir zu tragen. Natürlich ist ein Foto kein echter Ersatz, aber ich kann sie lächeln sehen, wann immer ich will. Dieser Gedanke allein verschafft mir eine unglaubliche Ruhe und Sicherheit.
So. Nun werde ich mal langsam den Heimweg antreten. Und morgen ist sie wieder bei mir!«
Hier enden die Aufzeichnungen von Fabian W. Die Spurensicherung fand sein Tagebuch in der Nähe des Unfallorts; unweit der St. Pauli Landungsbrücken.
Wie spätere Recherchen ergaben, hielt sich Fabian W. in unmittelbarer Nähe der
S-Bahn-Haltestelle "Landungsbrücken“ auf, kurz bevor er in einen Unfall ver-wickelt wurde. Der genaue Hergang des Unfalls konnte durch Zeugenaussagen und weitere Recherchen wie folgt rekonstruiert werden:
Drei junge Männer (22, 23 und 26 Jahre) erbeuteten bei einem Überfall auf eine Gaststätte nahe des Museumshafens „Övelgönne“ die Tageseinnahmen in noch unbekannter Höhe. Auf dem Fluchtweg (zunächst große Elbstraße) konnte ein LKW-Fahrer einen Zusammenstoß mit dem Fluchtwagen nur knapp verhindern. An der Kreuzung Breite Straße/St. Pauli Fischmarkt traf der erste Peterwagen ein, kurz nachdem die Täter die Kreuzung passiert hatten. Diese rasten mit ca. 100 km/h über die Hafenstraße Richtung Landungsbrücken …
Zu diesem Zeitpunkt befand sich Fabian W. auf Höhe des alten Elbtunnels. Vermutlich sah er die herannahenden Fahrzeuge - und die Passantin, die auf der Fahrbahn im Begriff war, ihre aus dem Fahrradkorb gefallenen Unterlagen einzusammeln. Wie sie später aussagte hörte sie die Zurufe der Passanten nicht, da sie einen Walkman trug. Fabian W. lief auf die Fahrbahn und stieß die Radfahrerin im letzten Moment zur Seite. Er selbst jedoch wurde vom Fluchtwagen erfaßt und schwer verletzt. Im nächsten Augenblick fand die Fluchtfahrt an einem Laternenmast ein jähes Ende.
Wenige Minuten später traf der erste Notarztwagen am Unfallort ein.
Fabian W. verstarb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Bis zur Landung der Maschine LH 1477 aus Stuttgart sind es … - nur noch 17 Stunden …