Hallo,
ich habe in einer Vorlesung mal gehört, dass die Werbekampange von Nutella in den 80er Jahren das deutsche Essverhalten verändert hat, da sie dort Brötchen in den Mittelpunkt stellen und nicht Brot.
Kann mir das jemand bestätigen bzw. mir sagen, wo ich das nachlesen kann?
Danke
Linda
Servus,
Gegenfrage: Wie könnte es angesichts der vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, möglich sein, diese Aussage sauber zu untermauern?
Ohne jede Absicherung darf ich aus eigener Anschauung heftige Zweifel anmelden: Die Entwicklung vom Brot zum Kleinbrot hat viel früher angefangen, sie hat meines Erachtens auch nicht sprunghaft während oder nach einer Werbekampagne irgendwelche Ausreißer gemacht.
Wesentlich begründet ist die Entwicklung in der steigenden Kaufkraft (langsam während der 1960er und heftiger in den Zeiten des ungezügelten deficit spending der 1970er). Kleinbackwaren waren schon lange Zeit etwas, was man sich gerne leisten können wollte. Vom großbürgerlichen auf den kleinbürgerlichen und proletarischen Tisch sind die Brötchen im Zug der Steigerung des verfügbaren Einkommens der Haushalte einerseits und der Mechanisierung der Bäckereien und sehr zurückhaltenden Preissteigerungen bei den Rohstoffen andererseits gekommen.
Wenn eine bestimmte Werbekampagne entscheidenden Einfluss hatte, muss man diese vom langjährigen Trend, der in die gleiche Richtung geht, ordentlich isoliert kriegen. Auch vom Einfluss der bereits seit etwa 1975 auf den Markt geworfenen Industriebrötchen (15 Stück für 99 Pfennig konnte schon 1975 kein Bäcker machen), die ja auch nicht sukzessiv aufgetreten sind, sondern Kette für Kette (Schlecker - Aldi - Lidl …).
Ein Effekt von Werbung (unterschiedlichster Art) ist in diesem Zusammenhang allerdings auszumachen: Die Wahnvorstellung, es sein ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Brötchen „knusprig“ ist, stammt von den frühen Industriebrötchen, die tatsächlich bloß aus einer beim Reinbeißen eher schmerzhaften, geschmacksneutralen Kruste und einem genauso geschmacksneutralen Irgendwas innen drin bestanden. Die hatten keine Substanz, die nach irgendwas schmecken konnte - also mussten sie halt mit den Eigenschaften hausieren gehen, die sie hatten.
Und diesen Trend haben die Bäcker dann allerdings schon nachgemacht.
Nicht wissenschaftlich, aber instruktiv ist die Thematik aus der Sicht von 1978 beleuchtet in Keuschs Kinofilm „Das Brot des Bäckers“:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/k_kl_…
Schöne Grüße
MM
Hallo Linda!
ich habe in einer Vorlesung mal gehört, dass die Werbekampange
von Nutella in den 80er Jahren das deutsche Essverhalten
verändert hat, da sie dort Brötchen in den Mittelpunkt stellen
und nicht Brot.
Kann mir das jemand bestätigen…
Brötchen http://de.wikipedia.org/wiki/Brötchen haben weit über Deutschland hinaus eine lange Tradition. Ordnet man manche Diskussion, ob z. B. eine Schrippe ein Brötchen ist, dem nicht ganz ernst zu nehmendem Lokalpatriotismus zu und bezeichnet jedes aus irgendeinem Mehl hergestellte Erzeugnis, das eine Kruste und etwa Handtellergröße hat, als Brötchen, findet man Brötchen in zahllosen Varianten seit Jahrhunderten in vielen Teilen der Welt.
Nach meiner eigenen Erinnerung waren Brötchen in den 50er Jahren hauptsächlich dem Frühstück an Wochenenden vorbehalten. Als das Ladenschlußgesetz so selbstverständlich wie sonntäglicher Gottesdienst und 48-Stunden-Woche war, hatten Bäckereien geöffnet, um Brötchen zu verkaufen. Von Nutella war noch gar keine Rede, jedenfalls erinnere ich mich nicht daran. Zur Feier des Tages kamen „gute Butter“ und Bohnenkaffee statt Muckefuck auf den Tisch. Vereinzelt wurden an 6 Tagen die Woche Brötchen ins Haus geliefert, aber das war eher nichts für einfache Leute, die morgens um 7 am Arbeitsplatz zu sein hatten (gleitende Arbeitszeit war noch nicht erfunden). Montags gabs keine Brötchen, weil die Bäcker an einem Wochentag frei hatten und vorfertigte Brötchen, die nur aufzubacken und an jeder Tankstelle zu haben waren, gabs noch nicht.
In den 70ern war Malzkaffee längst kein Thema mehr und Brötchen wurden allmorgendlich in den an der Haustür baumelnden Leinensack gesteckt. Aber nur die Auswahl zwischen einfachem Rundstück und Mohnbrötchen wurde irgendwann langweilig und niemand regte sich auf, weil es ein Brötchen für 'nen Groschen nicht mehr gab. Also tobte man wieder selbst zum Bäcker und hatte die Wahl unter mindestens 25 Sorten, Laugenbrötchen, Mehrkornbrötchen, Roggenbrötchen, Käse-, Schinken- und Zwiebelbrötchen u. v. m… Die 80er Jahre waren noch Zukunftsmusik.
Wer glaubt oder behauptet, ein Detail einer Werbebotschaft hätte an mindestens europaweit verbreiteten und uralten Gepflogenheiten irgendetwas zurechenbar bewegt oder verändert, überschätzt die Bedeutung eines einzelnen Brotaufstrich-Anbieters und seiner Werbekampagnen.
Gruß
Wolfgang
hallo linda.
Kann mir das jemand bestätigen bzw. mir sagen, wo ich das
nachlesen kann?
keine ahnung. es scheint aber leute zu geben, die sich ausschließlich von nutelle ernähren. neulich hat jemand im supermarkt sage und schreibe 7(!) paletten(!!) nutella zu je 35(!!!) gläsern gekauft. der gute mann nennt nun also sage und schreibe 98 kilogramm(!!!) nutella sein eigen 
gruß
michael