Nutzen und Schaden von Selbsthilfegruppen

Hallo,

vielen, die Probleme haben, werden SHG empfohlen. Viele sagen auch, dass ihnen die SHG hülfen.
Eine Bekannte (Psychotherapeutin) sagte mir aber einmal, dass SHG das Überwinden der Probleme erschwere und aus therapeutischer Sicht schädlich seien. Grund: Die SHG gibt dem Kranken das Gefühl, doch nicht soooo krank zu sein, denn anderen gehe es ja noch schlechter oder zumindest auch nicht besser. Das gemeinsame Klagen und einander Stützen habe zudem einen Krankheitsnutzen, d.h. die Kranken finden dort Freunde, Verständnis, Rückhalt usw, was unbewusst die Motivation gesund zu werden bzw. an sich zu arbeiten, verringert.

Gibt es dazu Studien oder fundierte Meinungen?

Viele Grüße, Tychi

Hallo Tychi,

Gibt es dazu Studien oder fundierte Meinungen?

Studien kann ich nicht liefern, aber eine Meinng dazu.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Herr eine (unliebsame) Konkurrenz schlechtreden will.

Wenn es einem Patienten mit einem psychischen Leiden mit Gruppenhilfe subjektiv besser geht, dann ist diesem Patienten geholfen.
In nicht wenigen Fällen kann ein Psychologe auch nicht mehr tun als die Symptome zu kurieren und Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.

Gandalf

Hi Tychi
Also ich sehe es so: Eine Selbsthilfegruppe ist meist besser als garnichts zu machen.
Die steigende Qualität sieht imho so aus:
Keine THerapie (auf Spontanheilung hoffen) bringt wenig -
Selbshilfegruppe bringt oftmals ein bichen was -
Gruppe unter Leitung eines erfahrenen Grupentherapeuten deutlich mehr.
Gruß,
Branden

Hi Tychi,

eine Therapie geht zuweilen, je nach Problematik, sehr in die Tiefe und kann massive Wunden aufreissen.
Ich finde deswegen eine Gruppe neben der Therapie zu haben, hilfreich, da das Verständnis für durch die Therapie ausgelösten Verhaltensweisen eher da zu finden ist, als bei Privatpersonen/Umfeld.
Voraussetzung ist natürlich eine Gruppe, die nicht gegen die Therapie wirkt.

lG. cailan

Hallo!

Selbsthilfegruppen sind doch ´Gruppen,in denen sich Betroffene zusammenfinden, die dieselben Probleme haben!

Der Kernpunkt wird doch bei der Suche nach Verständnis liegen- welches man oft bei Nicht-Betroffenen nicht findet!

Eigene Erfahrung- und die von Freunden:
Daß eine SHG sehr hilfreich und nützlich sein kann!

Alleine, daß man Menschen hat, die wissen, wovon man redet…die Leidensdruck und Probleme auch so erlebt haben-- tut den meissten sehr sehr gut!( ob zb geschieden, krank oder mit anderem Schicksal betroffen!)

Die Konstellation der Gruppenbesucher-- kann natürlich die Gruppe an sich ganz verschieden aussehen lassen!

Sollte man dann für sich das Gefühl haben, daß man sich dort nicht wohl fühlt-- sollte man die Gruppe halt verlassen!

Recht gut finde ich daher die Möglichkeit von Foren im Internet- denn dort ist meist eine grosse Anzahl von Beteiligten…und man kann sich leichter mit den Menschen „treffen“- oft ja dann auch real- die einem gut liegen und von denen man für sich das meisste rauszieht!!

lieben Gruss
Kitty

Hallo Tychi,

letztlich ist eine SHG ja nichts anderes als wenn ich eine andere Person finde, die unter genau den gleichen Dingen/Phänomenen leidet wie ich. Allein schon die Tatsache, dass es da noch jemanden gibt, der das Problem KENNT und nachvollziehen/verstehen kann, lässt mich ein wenig erleichert sein.

In einer SHG ist es im besten Fall halt potenziert… ich kann mir nicht vorstellen, dass das für einen Patienten schädlich sein soll.

Eine parallele Therapie wäre zur Bearbeitung der Probleme dann vielleicht nicht schlecht. Vielleicht macht eine SHG das manchen Leuten leichter, sich in professionelle Hände zu begeben (vor denen ja einige Menschen wirklich Angst zu haben scheinen).

Das ist leider auch nur eine Meinung und keine Studie…

Gruß
Demenzia

Hallo!
Also wenn ich meine Selbsthilfegruppe nicht hätte, dann würde ich heute noch ohne Behandlung durch die Gegend laufen, weil es Ärzte gibt, die es nicht für nötig halten dem Patienten mitzuteilen, dass man seine Krankheit behandeln kann, bzw. selbst nicht wissen, wie man die Krankheit behandeln kann.
Also mir hilft meine Gruppe.
Ich habe nicht das Gefühl, dass mir meine Gruppe das Gefühl gibt, doch nicht so krank zu sein, es gibt dort Menschen denen geht es schlechter, wenigen besser als mir.
Meine Motivation wieder gesund zu werden verringert sich nicht, sondern erhöht sich eher, weil ich sehe wie ich nicht enden will.
Grüsse Ali

Hallo Tychi,

wie bei allen Gruppierungen kommt es in einer Selbsthilfgruppe immer noch auf die eigene Einstellung an. Einer Selbsthilfegruppe beizutreten,um sich fallen zu lassen, geht nach hinten los. Aber einer Gruppe beizutreten um sich aktiv zu beteiligen und Meinungen und Erfahrungen auszutauschen, ist mit Sicherheit eine gute Sache und kann aufpowern.
Diese Kraft kannst du dann für dich selbst und auch wieder für die Gruppe nutzen.
no

Hi, Tichy

ich bin kein Fachmann und dies hier ist lediglich meine persönliche Meinung:

Tatsache ist, dass durch eine SHG der Leidensdruck der Teilnehmer tendenziell wohl ehr abnimmt, da diese auf Verständnis und Trost stoßen, etc. Die Frage ist jetzt nur, ob dies positive oder negative Auswirkungen auf den „Heilungsprozess“ hat. Ohne einen entsprechend hohen Leidensdruck wird sicher auch die Bereitsschaft abnehmen, sich professionelle Hilfe zu holen. Leidensdruck ist ja ähnlich wie körperlicher Schmerz eigentlich etwas Positives, weil es einen auf etwas hinweist, was nicht in Ordnung ist. Diesen Hinweis auszuschalten ist kurzfristig sicher erholsam, aber langfristig evtl. eher eine Mogelpackung. Aber es ist natürlich alle Mal besser, wenn sich jemand in einer SHG kurzfristig Trost holt, als dass er sich seinem Leben ein Ende setzt.
Eine Gefahr, die ich bei SHG noch sehe: Dadurch dass hier viele mit gleichen oder ähnlichen Problemen anwesend sind, steigert man sich vielleicht in seine Probleme hinein oder findet vielleicht sogar noch Gefallen an seinem Leiden. Vor allem bewegt man sich gedanklich immer in der gleichen Welt und schmort im gleichen Saft. Die eigenen Ansichten und Ängste werden ja von den anderen eher bestätigt, weil diese ja die gleichen Sorgen und Nöte haben. Jeder will ja vor allem erst einmal seine eingenen Ängste erklären und rechtfertigen, bevor er oder sie bereit ist, sie zu bekämpfen.

Gruß, Rolo

Hallo Rolo,

Eine Gefahr, die ich bei SHG noch sehe: Dadurch dass hier
viele mit gleichen oder ähnlichen Problemen anwesend sind,
steigert man sich vielleicht in seine Probleme hinein oder
findet vielleicht sogar noch Gefallen an seinem Leiden. Vor
allem bewegt man sich gedanklich immer in der gleichen Welt
und schmort im gleichen Saft. Die eigenen Ansichten und Ängste
werden ja von den anderen eher bestätigt, weil diese ja die
gleichen Sorgen und Nöte haben. Jeder will ja vor allem erst
einmal seine eingenen Ängste erklären und rechtfertigen, bevor
er oder sie bereit ist, sie zu bekämpfen.

An sowas dachte ich auch. Leider konnte mich keiner bisher an eine Studie verweisen.

Viele Grüße, Tychi

Hallo,

keine Studie, und auch keine fundierte, sondern nur eine persönliche Meinung.

Ich möchte auf einen Punkt Bezug nehmen, der erwähnt wurde, den Leidensdruck. Ich halte das Konzept des Leidensdruck einfach für zu simpel, zu eng und lebensfremd.

Anders als bei Schmerzen infolge körperlicher Erkrankungen gibt es bei psychischen Problemen fast immer tausend Möglichkeiten, um akutem Leidensdruck zu entgehen: z. B. das Vermeiden unangenehmer Situationen, oder irgendwelche Arten von Suchtverhalten. Sodaß Leidensdruck als Motivation eigentlich nur in krisenhaften Ausnahmesituationen in Betracht kommt, in welchen die sonst geübten an sich insuffizienten Strategien vollends scheitern.

Ich glaube statt dessen mehr an die Möglichkeit positiver Motivation, daß also jemand findet, das Leben könnte mehr - viel mehr - ausmachen als das, was er bisher erlebt, und sich eine Erweiterung seines Erfahrungshorizonts wünscht.

Deshalb glaube ich nicht, daß „unerwünschte Reduktion des Leidensdrucks“ ein ernsthaftes Argument gegen Selbsthilfegruppen ist. Zudem ist der Zugang zu einer Therapie nicht immer leicht. In Österreich z. B. bekommt man, soviel ich weiß, auch jetzt noch nur einen Teil der Kosten von der Krankenkasse erstattet (ca. 21 Euro pro Sitzung, falls die Therapie bei einem „psychologischen“ Therapeuten erfolgt, und das Doppelte im Falle eines „ärztlichen“ Therapeuten. Kann auch mehr sein, dies hängt dann aber vom jeweiligen Bundesland ab). Ich kann nicht belegen, aber vermute, daß Menschen mit psychischen Problemen meist auch schlechtere finanzielle Verhältnisse haben.

Dagegen ist der Zugang zu einer Selbsthilfegruppe, wenn es sie gibt, „niederschwelliger“, weil unbürokratisch und kostenlos, und genauso als erster Schritt möglich.

Menschen anzutreffen, denen es ähnlich geht wie einem selbst, und von denen man sich daher verstanden fühlen kann - kann das nicht eine notwendige Entlastung und zeitweilige Befreiung vom Rechtfertigungsdruck sein, den jemand vielleicht sonst gegenüber seiner Umgebung empfindet?

Grüße,

I.

Hi Rolo,

nun habe ich glücklicherweise keine eigenen Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen, aber ein guter Bekannter ist trockener Alkoholiker, geht aber immer noch regelmäßig zu den Treffen der AA.
Dort tritt er nach eigenen Aussagen gelegentlich auch als Indenarschtreter auf, um Leuten, die Probleme haben so zu helfen/unterstützen.
Also nichts mit heiapupeiewirwollenjetztalleschönzärtlichmiteinandersein.
Auch das ist ein Sinn solcher Gruppen, daß ‚Wackelkandidaten‘ in die richtige Richtung gelenkt werden und da haben m.E. Leute mit ähnlichen Erfahrungen eine weit höhere Glaubwürdigkeit als professionelle Therapeuten.

Gandalf

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Nachsatz
Hi Rolo,

womit ich natürlich nicht sagen will, daß eine Selbsthilfegruppe allein ausreichend ist. Sie ist ein Teil eines Konzepts, das auch einen professionellen Therapeuten beinhalten muß.

Gandalf

Eine Gefahr, die ich bei SHG noch sehe: Dadurch dass hier
viele mit gleichen oder ähnlichen Problemen anwesend sind,
steigert man sich vielleicht in seine Probleme hinein oder
findet vielleicht sogar noch Gefallen an seinem Leiden.

An sowas dachte ich auch. Leider konnte mich keiner bisher an
eine Studie verweisen.

Es kommt immer drauf an worum es geht und wie die Zusammensetzung der Gruppe ist. Eine SHG aus Opfern einer schlimmen Situation, kann durch aus negative Auswirkungen habe.

Die deutsche Bahn hat nach dem Zugunglück in Eschede alle Betroffenen (Familienangehörigen der Verstorbenen) alle paar Wochen zu Gruppentreffen eingeladen. Damit waren sie in dem Fall aber schlecht beraten. Durch die regelmäßigen Treffen, wurde die Trauernde immer wieder neu an die Tragödie erinnert und konnten so nie wirklich los lassen und die Trauer abschließen.

Gruß