Hallo,
keine Studie, und auch keine fundierte, sondern nur eine persönliche Meinung.
Ich möchte auf einen Punkt Bezug nehmen, der erwähnt wurde, den Leidensdruck. Ich halte das Konzept des Leidensdruck einfach für zu simpel, zu eng und lebensfremd.
Anders als bei Schmerzen infolge körperlicher Erkrankungen gibt es bei psychischen Problemen fast immer tausend Möglichkeiten, um akutem Leidensdruck zu entgehen: z. B. das Vermeiden unangenehmer Situationen, oder irgendwelche Arten von Suchtverhalten. Sodaß Leidensdruck als Motivation eigentlich nur in krisenhaften Ausnahmesituationen in Betracht kommt, in welchen die sonst geübten an sich insuffizienten Strategien vollends scheitern.
Ich glaube statt dessen mehr an die Möglichkeit positiver Motivation, daß also jemand findet, das Leben könnte mehr - viel mehr - ausmachen als das, was er bisher erlebt, und sich eine Erweiterung seines Erfahrungshorizonts wünscht.
Deshalb glaube ich nicht, daß „unerwünschte Reduktion des Leidensdrucks“ ein ernsthaftes Argument gegen Selbsthilfegruppen ist. Zudem ist der Zugang zu einer Therapie nicht immer leicht. In Österreich z. B. bekommt man, soviel ich weiß, auch jetzt noch nur einen Teil der Kosten von der Krankenkasse erstattet (ca. 21 Euro pro Sitzung, falls die Therapie bei einem „psychologischen“ Therapeuten erfolgt, und das Doppelte im Falle eines „ärztlichen“ Therapeuten. Kann auch mehr sein, dies hängt dann aber vom jeweiligen Bundesland ab). Ich kann nicht belegen, aber vermute, daß Menschen mit psychischen Problemen meist auch schlechtere finanzielle Verhältnisse haben.
Dagegen ist der Zugang zu einer Selbsthilfegruppe, wenn es sie gibt, „niederschwelliger“, weil unbürokratisch und kostenlos, und genauso als erster Schritt möglich.
Menschen anzutreffen, denen es ähnlich geht wie einem selbst, und von denen man sich daher verstanden fühlen kann - kann das nicht eine notwendige Entlastung und zeitweilige Befreiung vom Rechtfertigungsdruck sein, den jemand vielleicht sonst gegenüber seiner Umgebung empfindet?
Grüße,
I.