Liebe Völkerrechtsexperten,
bei den beliebten Weihnachtsgesprächen im Familienkreis kam folgende Frage auf. Deutschland hat die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze anerkannt. Nun zweigt die tatsächliche Grenze am nördlichen Ende jedoch ins deustche „Landesinnere“ ab, so dass Stettin polnisch wurde.
Auf welcher Rechtsgrundlage basiert diese Abweichung von der Oder-Neiße-Linie? Wo ist dieser Grenzverlauf beschrieben/paraphiert?
Besten Dank,
Andreas
Moin Andreas,
auf Betreiben Stalins wurde Stettin zu Polen geschlagen, weil der meinte, Stettins Hafen sei der natürliche Zugang zur Ostsee für die Kohle aus dem oberschlesischen Revier - die Oder fließt ja von Schlesien aus bis nach Stettin.
Die DDR war damit lange nicht einverstanden und versuchte, Polen den Zugang zur Ostsee unmöglich zu machen.
Erst 1989 verzichtete die DDR auf alle Einsprüche.
http://www.szczecin.pl/inwestor/de/index.html
http://www.verfassungen.de/de/ddr/deutschpolnischesa…
Gruß - Rolf
Auf welcher Rechtsgrundlage basiert diese Abweichung von der
Oder-Neiße-Linie? Wo ist dieser Grenzverlauf
beschrieben/paraphiert?
Die Grundlage für die heutige Grenzziehung ist der Artikel 1 des Vertrages über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland - oder kurz 2+4-Vertrag - in dem das Bundesdeutsche Staatsgebiet aus den Gebieten der BRD, DDR und Gesamtberlin bestehen sollte:
http://www.bpb.de/themen/7RH4WC,1,0,Vertrag_%FCber_d…
Die vorherige Aufteilung der Staatsgebiete der DDR und Polens wurde durch die sowjetische Besatzungmacht durchgeführt. Bis zum Abschluss des 2+4-Vertrages gehörten die ehemaligen Reichsgebiete aber völkerrechtlich nach wie vor zu Deutschland, auch wenn das defakto natürlich nicht der Fall war.
Gruß Andreas
Stalin/Potsdam
Hallo Rolf,
vielen Dank, dieser Vertrag von 1989 war mir unbekannt und beantwortet meine Frage. Dafür ein Stern!
Du beziehst Dich aber wie die Stettiner Website auf Stalin und die Potsdamer Konferenz. Gibt es dazu näheres? Protokolle oder ähnliches?
Viele Grüße,
Andreas
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SBZ
Hallo Andreas,
vielen Dank auch für Deine Antwort. Du schreibst:
Die vorherige Aufteilung der Staatsgebiete der DDR und Polens
wurde durch die sowjetische Besatzungmacht durchgeführt.
Das kann ja so nicht stimmen, da die Einteilung in die Besatzungszonen bereits vorher feststand. Weißt Du, ob dabei der Grenzverlauf mit oder ohne Stettin für die SBZ festgelegt wurde?
Gruß,
Andreas
HAllo,
ich habe mal eine Deutschlandkarte gesehen, die muß aus der Zeit kurz nach 1945 stammen und aus der SBZ. Wahrscheinlich stammt sie aus der Schulkzeit meiner Mutter, die war ja damals gerade in diesem Alter. Da waren die Besatzungszonen drauf und Stettin war Teil der SBZ - das hat sich mir gerade deshalb sehr eingeprägt.
Offenbar war es also wirklich so, daß Stalin die Grenzziehung an dieser Stelle erst nachträglich korrigieren lies und daß den wechtmächten diese an sich ja nicht sehr große Korrektur abgenickt bzw. tolieriert haben.
Die DDR hat natürlich 1951 und später in allen Verträgen mit Polen das so abgesegnet - was anderes blieb ja Grotewohl und seinen Nachfolgern nicht übrig.
Es gab ja in Potsdam ein ziemliches Gefeilsche. Und am Ende wurden Neiße und Oder als Ostgrenze Deutschlands festgelegt, wohl ohne dabei auf nähere Details einzugehen. Demzufolgehätte dann Stettin geteilt werden müssen wie andere Städte an Oder und Neiße auch. Sicher hat das den Polen nicht gefallen, so daß die dann bei Stalin interveniert haben (Stalin wird von Haus aus sich mit solchem Kleinkram bestimmt nicht abgegeben haben.)
Gernot Geyer
Hallo,
es gab keine spezielle Regelung für Stettin. Es galt die Oder als Grenze und nach den Teilungsplänen der Alliierten wäre die Stadt entlang der Oder geteilt worden. Damit wäre der wesentliche Teil Stettins zur SBZ gekommen. Die Polen haben da einfach Fakten geschaffen.
Gruß
Werner
Besten Dank
Mein lieber Rolf,
klasse Recherche. Dafür noch ein Weihachts*.
Andreas
Hallo Werner,
danke für die Anmerkung. Rolf hat die Frage ja umfassend beantwortet. Ich würde auch dir widersprechen, weil es ja wohl recht unglaublich scheint, dass die Sowjets sich von einem besetzten Land irgendwelche Grenzverläufe diktieren lassen.
Der Bericht des letzten deutschen Bürgermeisters ist da ja schon recht anrührend.
Beste Grüße,
Andreas
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@Gernot Geyer
Einige orte wurden geteilt. Beispiele gibt es reichlich. Frankfurt/O., Guben und Görlitz kann ich sofort nennen.Es gibt natürlich noch mehr.Das sind typische Opfer der damaligen Zeit.
Hallo,
das habe ich ja auch so geschrieben - andere Orte wurden geteilt. Das war Leuten wie Stalin weitgehend egal, mit solchem Kleinkram hat der sich nicht befaßt. Da hieß Oder-Neiße Linie einach Oder-Neiße-Linie und wurde genau so umgesetzt. Daß er bei Stettin offenbar doch mit dem Kleinkram befaßt war, kann also nur auf Verlangen der Polen geschehen sein. Seine Heerführer waren das bestimmt nicht - die pflegten Stalins Befehle bis zum letzten Komma ohne Rückfrage auszuführen - sie kannten ja genügend Leute, die wegen blöder Fragen irgendwo in Sibirien verschimmelt waren.
Gernot Geyer