Liebe Morrighan!
(und lieber Uwe!)
Ich hänge meinen Beitrag an deinen an, nicht weil ich nun gerade mit dir streiten möchte, sondern weil dein Beitrag die passenden Stichwörter liefert.
Insofern ist der meinige nicht allzusehr an dich persönlich gerichtet, er antwortet auf diese Weise auch direkt auf Uwes Fragen.
Die Baumstruktur des Forums lässt halt keine Zwischenform der Platzierung zu.
Ich dachte ich hätte mit meiner Persiflage klar gemacht, dass
ich die Frage nicht ernst genug nehme, um mit Dir über
anerzogene Verklemmtheit zu diskutieren.
Fast niemand nahm Uwes Frage ernst. Warum eigentlich?
(Edit: Stimme Idomeneo insgesamt zu, zählte aber auch Uwes Antworten auf die erhaltenen Antworten zu seiner Frage und finde diese darum keineswegs furchtbar oberflächlich - in Anbetracht des Maßstabs hier.)
Uwe fragte nach den psychologischen Gründen für die Fortexistenz eines bestimmten Verbots, das durchaus noch immer den Status eines Tabus hat (steht übrigens auch in Wikipedia) - allen medial vermittelten Tabuverletzungen zum Trotz.
Eine solche Frage ist doch hochgradig ernst nehmbar, auch dann noch, wenn Uwe mit der Frage zugleich sein eigenes gesellschaftspolitisches Ziel der Enttabuisierung vertritt.
Sex ist die intimste Erfahrung, die man machen kann, und die
gehört nicht in die Öffentlichkeit.
Ist diese Aussage, dass der Sex eine hochintime Erfahrung sei, die bloße Beschreibung eines Sachverhalts, oder ist dies nicht eher Normativität, die du hier als ‚Deskription‘ maskierst?
Man könnte wohl auch so argumentieren, dass das Verbot/Tabu des öffentlichen Sexes diesen erst zu einer hochintimen Sache macht … begründet und stützt man dieses Verbot nun damit, dass der Sex nun mal eine hochintime Sache sei, dann erhält man einen lupenreinen Zirkelschluss.
Wenn ein paar Extrem-Exhibitionisten und dem Deckmantel der
„Natürlichkeit“ öffentlichen Sex propagieren geht mir das
sozusagen am A… vorbei. Ich will in der Öffentlichkeit nicht
mit der sexuellen Intimität anderer konfrontiert werden.
Auch interessant: warum schrieben oder schreiben in diesen beiden Threads so viele, was sie wollen?
Das hat doch eigentlich mit der Beantwortung der Frage direkt gar nichts zu tun … auf eine Frage beispielsweise nach den psychologischen Faktoren des Faschismus würde ja auch keiner schreiben: Ich will kein Faschist sein!
Ich denke, dass sich in solchen Äußerungen der weiter bestehende Tabu-Charakter der öffentlichen Sexualität durchaus zeigt, wenn auch sicher in kleinem Maß.
Ich will es mir eigentlich auch nicht vorstellen, wie auf der Parkbank vor dem Fenster meines Arbeitszimmers Menschen Sexualverkehr haben könnten, weil mir leicht ein paar Szenarios einfallen, die ich überaus ekelhaft finde.
Mir ist aber auch klar, dass das Verbot/Tabu dieses Treibens nicht einfach bloß mich vor diesem Anblick schützt, sondern dass dieses Verbot in gleichem Maß dabei beteiligt ist, in mir dieses Ekelgefühl und den Unwillen, mir einen Zustand ohne dieses Verbot/Tabu überhaupt wohlwollend vorzustellen, aufrecht zu erhalten.
Mit dem Tabu fällt auch der Ekel weg.
Nicht sofort, aber nach und nach, nicht anders als dies z.B. jeder Gynäkologe am eigenen Leib erfahren darf.
Das Alltäglichere kann nicht mehr ekeln.
In früheren Zeiten schneuzte man sich ohne jeden Ekel ins gemeinsame Tischtuch, in viktorianischen Zeiten fielen manchen Damen beim bloßen Begriff „Sex“ schon in Ohnmacht.
Darüber hinaus ist Dein Vergleich mit dem Rauchen nicht
gerechtfertigt, da es sich beim Rauchen nicht um ein intimes
Geschehen handelt, und sich die Belästigung auf einer anderen
Ebene (nämlich einer nicht intimen) abspielt.
Auch hier kann man genauso gut rückwärts argumentieren.
Du bemühst eine „Intimität“ (die ganz sicher nicht einfach so als Natur des Menschen gegeben ist, auch wenn wohl noch in keiner Gesellschaft der Sex je völlig öffentlich und unreglementiert war, so war er doch auch noch nie in dieser Weise reglementiert wie er es bei uns ist) um diesen Vergleich falsch zu machen.
Ist denn eine nicht-intime Sexualität, also eine öffentlich praktizierte Form von Sexualität, so undenkbar?
Für undenkbar halte ich dagegen, dass die Enttabuisierung der öffentlichen Sexualität diese „intime“ Form der Sexualität ablösen oder ganz ersetzen würde.
Dass wir heute aus allen Richtungen (Fernsehen, Kino,
Werbeplakate, …) mit sexuellen Andeutungen und mehr
zugepflastert werden, ist aus meiner Sicht keine
Aufgeschlossenheit sondern eine Unsitte, weil sie allesamt ein
falsches Bild darstellen, nicht zuletzt durch die stehts
jungen und perfekten Körper, die präsentiert werden. Das trägt
nicht - wie Du denkst - zur Aufklärung bei, sondern bei vielen
Menschen zu Unsicherheiten in Bezug auf die eigenen
körperlichen Unzulänglichkeiten.
Ich bin sicher, dass ich richtig liege, wenn ich behaupte, in diesem Punkt hast du Uwe völlig falsch verstanden.
Genau gegen diese „Kommerzialisierung des Sexes“ haben sich die beiden größeren Wellen (in den 20ern und den 60/70ern) gerichtet, in denen der „öffentliche Sex“ mit einer Forderung nach politischer Befreiung verknüpft wurde.
Die Ent-Tabuisierung des „öffentlichen Sexes“ würde ganz sicher diese von dir beschriebene Unsitte eher untergraben, als dass sie sie anfeuern würde.
M.E. ist die „kommerzielle Ausbeutung“ des Sexes eine direkte Folge des Verbots/Tabus, und nicht etwas, vor dem uns die Aufrechterhaltung des Verbots/Tabus schützen könnte bzw. müsste.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sexuelle Zufriedenheit
schon in trauter Zweisamkeit schwierig genug ist, und da will
ich nicht beim Parkspaziergang mit dem Holzhammer darauf
hingewiesen werden.
Kannst du dir nicht vorstellen, dass diese ominöse „sexuelle Zufriedenheit“, die m.E. vor allem deshalb so schwierig zu erreichen ist, weil um den Sex so ein Tanz ums goldene Kalb gemacht wird, durch eine stärkere Ver-Öffentlichung des Sexes nicht auch gründlich entkompliziert werden würde, wenn der Sex alltäglicher, ja geradezu profaner (im Sinne von weniger sakral) werden würde?
Jetzt ist das schon wieder so ein elendslanges Posting.
Ist doch gut!
Diese Frage hat m.E. ausführliche Postings durchaus verdient.
Und Postings wie deines tragen mehr zur Beantwortung bei als nichtssagende Spekulationen über die Bonobos wie unten.
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