in Filmen über Napoleon & Co. wird bei offenen Feldschlachten gezeigt, wie Infantriekorps in breiter Linie auf die gegnerischen Verbände zu marschieren um sich gegenseitig auf kurze Distanz zu füsilieren - kommandiert von ihren Offizieren, die in vordester exponierter Linie ihre Truppen anführen.
War das tatsächlich so? Die Offiziere dürften dann als bevorzugte Ziele bereits den ersten oder zweiten Schußwechsel nicht überlebt haben und ihre Kompanien wäre dann sehr schnell kopflos davon gestürmt.
Oder herrschte evtl. ein stillschweigendes Abkommen zwischen kriegsführenden Parteien, dass Offizier nicht zum Abschuß freigegeben sind?
Oder kommandierten sie ihre Mannen aus gesicherter Distanz von hinten, um evtl. auch fliehende Soldaten zurück ins Glied zu jagen?
Offizieren, die in vordester exponierter Linie ihre Truppen
anführen […]
Die Offiziere dürften dann […]
nicht überlebt haben […]
Oder herrschte evtl. ein stillschweigendes Abkommen zwischen
kriegsführenden Parteien, dass Offizier nicht zum Abschuß
freigegeben sind?"
Letzteres ist richtig. Es gehörte zum guten Ton, nicht die Offiziere der gegnerischen Truppen zu beschießen, da man ja die „gemeinen“ Fußsoldaten nicht ohne Führung lassen konnte.
Es gibt da eine Szene im Film der Patriot mit Mel Gibson, die diese Auffassung (für die es übrigens bei genauem Nachdenken einige gute ARgumente gibt) sehr schön widerspiegelt. In dieser Szene regt sich der britische Oberbefehlshaber darüber auf, dass die amreikanischen Milizionäre (im Prinzip keine regulären Truppen, sondern bessere Freischärler)auf seine Offiziere schießen. Für den in der Militärgeschichte wenig Bewanderten oft eine Szene die überraschend wirkt.
Mit den Musketen der damaligen Zeit wurden keine gezielten Schüsse abgegeben sondern nur Salvenfeuer, die Chance bei der Rauchentwicklung und dem Chaos auf dem Schlachtfeld gezielt auf Offiziere zu schiessen ist schlechtweg unmöglich. Die Truppenoffiziere führten ihre Truppen von vorn bzw. standen im selben Glied wie ihre Soldaten. Zum Schließen der Schlachtreihen liefen hinter den Linien Unteroffiziere, diese sorgten für ein gleichmäßiges Vorrücken, einhalten der Feuerlinie und hielten die Zurückweichenden auf.
Deshalb waren Offiziersverluste auch entsprechend hoch - bspw. wurde das Korps Rüchel in der Schlacht bei Jena nach seinem Angriff auf den Kapellendorfer Berg von einem 15jährigen Fähnrich aus der Schlacht geführt. In der Schlacht von Fontenoy (http://www.britishbattles.com/battle_fontenoy.htm) forderten sich die französischen und englischen Offiziere gegenseitig auf, die erste Salve abzugeben.
Da ich annehme, dass sich deine Frage auf den Film „Der Patriot“ bezieht, möchte ich anmerken, dass man
einen Hollywoodfilm nicht als historische Referenz nehmen darf und
das gezielte Schiessen auf Offiziere, wie es im Film dargestellt wird, sich hauptsächlich auf Überfälle und kleinere Scharmützel bezieht, in denen Milizionäre mit ihren, im Gegensatz zu den damaligen Musketen, sehr weitreichenden und treffsicheren Longrifles aus dem Hinterhalt gezielt die Offiziere erschossen. Selbiges ist übrigens auch aus dem Tiroler Freiheitskampf in den napoleonischen Kriegen bekannt.
Das heißt aber nicht, dass sie nicht doch massenweise getroffen wurden.
John F. Keegan schreibt in seinem Buch „The Face Of Battle“ über die britischen Offiziere um die Zeit von Waterloo, dass diese vorne mit marschierten und deshalb natürlich oft verwundet wurden, jedoch sofort wieder nach der schnellstmöglichen Behandlung der Wunden (wenn möglich Verbinden und fertig) sofort wieder bei der Truppe standen. So wurden viele Offiziere mehrmals verwundet.
Er erklärt diese Vorgehensweise damit, dass die Soldaten so einfach motivierter waren ihre Pflicht zu tun. Wenn der Offizier mit vorne marschierte und ebenso getroffen wurde, wie der einfache Soldaten entschloss sich der einfache Soldat eben einmal mehr die Formation einzuhalten.
Bei einem Offizier, der Schutz hinter seinen Leuten sucht und diese quasi als Schutzschild missbraucht sieht das schon ganz anders aus.
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Wozu insgesamt noch anzumerken wäre, dass ja gerade das Vorgehen und die Ausrüstung der napoleonischen und amerikanischen Truppen die Revolutionierung der Landkriegsführung am Anfang des 19. Jahrhunderts darstellte. Sie schossen eben nicht mehr aus dichter Formation weitgehend ungezielte Salven, sondern verwendeten die aus der Jagd stammenden Flinten (daher die Bezeichnung „Jäger“ für moderne Infanterie), die weit trugen und gezielte Schüsse ermöglichten. Damit konnte man dann auch Offiziere gezielt aufs Korn nehmen, was die Engländer im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ihrem Schlacht-Verständnis folgend wohl zu Recht als „unsportlich“ betrachteten.