Organspende und Hirntod

Hallo Experten,

aus aktuellem Anlass einige Fragen rund um die Organspendeproblematik:

Wie sicher die Bestimmung des Hirntodes ist bzw. wie groß ist die Chance, dass jemand trotz festgestelltem Hirntod doch wiederbelebt werden kann?

Gelten immernoch die gleichen Kriterien, die 1968 von der Harvard Medical School für den Hirntod festgelegt wurden?

44 Jahre erscheinen mir eine enorme Zeit in der sich einiges, inbesondere in der Medizin, gändert hat.

Ist es ein Zufall, dass „Neudefinition des Todes“, die im Gegensatz zum Herztod die Entnahme frischerer Organe erlaubt, kurz vor der ersten Herztransplantation geschah?

Letztendlich geht es doch um die Feststellung eines irreversiblem Komas (da der Körper ja mittels Maschinen am Leben gehalten werden muss um eine Organentnahme zu ermöglichen), oder?

Doch Schlaganfallpatienten, die noch selbstständig atmen können oder Kinder ohne Großhirn gelten nicht als Hirntod?

Warum ist in Japan immernoch der Herztod ausschlagebend und nicht der Hirntod?

Warum ist in Großbritannien der Hirntod anders definiert als bei uns (so wäre ein Toter in Großbritannien in Deutschland noch als lebendig einzustufen!)?

Gibt es da „Freiheiten“ wann der Mediziner von Tod sprechen darf? Freiheiten, die anscheinend den Bedürfnissen (nach Organen) angepasst werden?

Ich habe gelesen, dass eine einmalige Untersuchung noch nicht ausreicht, um einen Menschen für tot zu erklären. Die Mediziner müssen sicher sein, daß der Zustand unumkehrbar und nicht nur
eine vorübergehende Krise ist.

Also haben sie haben zwei Möglichkeiten, um dies festzustellen. Sie können zum Beispiel die klinische Untersuchung nach einer Beobachtungszeit von mindestens zwölf Stunden wiederholen. Dabei riskieren sie allerdings, daß sich der Zustand eines potentiellen Organspenders verschlechtert - er kann zum Beispiel eine Infektion bekommen. Deswegen bevorzugen die Ärzte häufig die zweite Variante - sie verkürzen die Wartezeit durch eine Zusatzuntersuchung mit Apparaten.

Gerade das EEG ist allerdings immer wieder als Verfahren zur Feststellung des Hirntodes umstritten gewesen. So gab es wohl Fälle in denen das EEG für eine Weile keine Hirnströme zeigte, die später aber wieder kamen. Stimmt das?

Insgesamt erscheint mir das gesamte Verfahren sehr willkürlich und mehr nach dem Bedürfnis nach Spenderorganen (ein riesiger Markt) ausgerichtet, als nach der Suche nach einer idiotensicheren d.h. objektiven 100% Feststellung des Todes, die jeglichen „Interpretationsspielraum“ ausschließt.

Scließlich sind auch Ärzte nur Menschen und - wie nicht zuletzt die Skandale der Organvergabe in Deutschland zeigen - anfällig für „äußere Drücke“, sei es ganz profan Geld oder das Bedürfnis einen anderen Patienten unbedingt retten zu wollen.

Bin dankbar für jede Erhellung in diesem Gebiet.

Gruß,
Sax

Hallo Sax,

ein Experte bin ich nicht. Aber auch ich habe schon gegrübelt was das nächste Kriterium für den Tod sein wird, wenn es gelingt, Hirne zu transplantieren…

Nachdenkliche Grüße von Gundine

Hallo,

Deine Fragen sind so zahlreich, dass man Stunden benötigen würde sie ernsthaft zu beantworten.

Nur als Anstoss: Wenn man einmal in so einem schlechten Zustand ist, dass auf einer Intensivstation ernsthaft eine Hirntoddiagnostik betrieben wird, dann ist man möglicherweise noch nicht hirntod, aber auf alle Fälle in einem Zustand, der nie wieder ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen wird. Der vorstehende Satz mag einmal in 100.000 Fällen falsch sein, aber 99.999 mal wurde mehreren Menschen ein verlängertes und besseres Leben ermöglicht und 1x ein Leben ungerechtfertigt beendet. Nichts ist perfekt, man kann so ein Verfahren immer nur nahezu perfekt machen.

Die Richtlinien der Bundesärztekammer dazu: http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.7.45…

Nicht ganz leicht verständlich, aber mit Hilfe von Wikipedia oder Suchmaschinen auch nicht gänzlich unzugänglich für Laien.

Gruß,

Manticor

P.S.: Ich arbeite seit fast einem Jahrzehnt im Umfeld von Notfall- und Intensivmedizin und habe einen Spenderausweis und mit meinen Angehörigen darüber gesprochen.

Anmerkung
Hallo,

P.S.: Ich arbeite seit fast einem Jahrzehnt im Umfeld von
Notfall- und Intensivmedizin und habe einen Spenderausweis und
mit meinen Angehörigen darüber gesprochen.

Letzteres ist m.M.n. wichtig, auch ich habe mit meinen Angehörigen darüber gesprochen, dass ich einen Spenderausweis bei mir trage.

Es wäre für viele Angehörige eine zusätzliche Belastung, wenn sie erst bei der Organentnahme erfahren, dass man sich dafür entschieden hat.

Und noch etwas: Jeder kann jederzeit diese Entscheidung zurückziehen!

Gruß Volker

Servus,

es ist halt nur so, dass ich schon bei geringeren Erkrankungen von mir oder auch Familienangehörigen und Bekannten enorm schlechte Erfahrungen mit Fehlentscheidungen von Ärzten gemacht habe, so dass ich ohnehin extremes Unbehagen habe, überhaupt irgendeine Entscheidung über meine Gesundheit, insbesondere über mein Leben oder Tod in die Hände eines Arztes geben zu müssen.

Im heutigen Klinikalltag geschieht - mit Verlaub - so viel Ärztepfusch, dass es einem übel werden kann. Ich will dabei gar nicht primär den Ärzten den Vorwurf machen, sondern vielmehr dem System, welches durch lange Nachtschichten, Unterbesetzung, Hierarchie-Denken etc. geradezu Fehler provoziert.

Zum Glück war ich bisher immer bei Bewusstsein, so dass ich auf Behandlungsfehler, wie z.B. das Röntgen des falschen Beines, stellen falscher Diagnosen aufgrund der Verwechslungen meines Urins oder die falsche Lagerung meines infudierten Armes bei einer Operation mit lokaler Betäubung, noch rechtzeitig hinweisen konnte. Im Falle einer Bewusstlosigkeit ist man jedoch hilflos den Entscheidungen der Ärzte ausgeliefert.

Wenn ich dann noch weiß, dass zu den ohnehin bestehenden Unwägbarkeiten auch noch der Zeitdruck einer schnellen Entscheidung kommt, da sonst meine Organe „wertlos“ für eine mögliche Transplantation würden, fühle ich mich nicht unbedingt beruhigt.

Es drängt sich eher das Bild „kreisender Geier“ auf, die in dem Toten nur allzu gerne das willkommene Ersatzteillager sehen wollen.

Wenn man dann noch die schwammigen Bestimmungen ließt, die sich von Land zu Land unterscheiden, ja selbst von Arzt zu Arzt anscheinend unterschiedlich gehandhabt werden, dann widerspricht das meinem Bedürfnis nach ganz klaren und unumstößlichen, objektiven Regeln, die bei einem solch sensiblen Thema notwendig sind.

Last but not least, sind Ärzte auch nur Menschen. Sie machen Fehler - und dass, wie gesagt, nicht zu knapp - und manche lassen sich darüber hinaus ganz profan durch „niedere Instinkte“ wie z.B. Geld, Ruhmsucht oder anderen Gründen zu unsauberen Verhaltensweisen hinreissen, wie nicht zuletzt die Organspendeskandale der letzten Zeit in erschreckender Weise zeigen.

Gerade das häufig geäußerte Argument eines „nie wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können“ wird bei diesen Diskussionen übrigens relativ schnell in den Mund genommen.

Allerdings sehe ich bei diesem Argument immer eine gute Bekannte vor meinen Augen, die nach einer extrem falsch gelaufenen Aneurisma-Operation so schwere Hirnschäden davontrug, dass die Ärzte sie ebenfalls als einen Fall bezeichneten der „nie wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können wird“. Meine Bekannte war zwar nie hirntod, jedoch wollten Ärzte und Krankenkasse aufgrund der schlechten ärztlichen Prognose sehr früh jegliche Reha-Maßnahmen beenden, da sie keinen weiteren Nutzen bzw. „Entwicklungspotential“ mehr sahen.

Nur ihrem Mann ist es zu verdanken, dass sie heute - nach Jahren in Krankenhäusern, Reha-Kliniken und selbst organisierten Trainingseinheiten - wieder vieles selbst erledigen, sogar mit Gehhilfen wieder laufen und sich an ihrer heranwachsenden Enkeltochter erfreuen kann.

Du nanntes den nicht überprüfbaren Wert von einer falschen Hirntod-Diagnose in 100.000. Ich vermute eine deutlich höhere Zahl, jedoch selbst wenn diese Zahl zuträfe, will ich dem entgegen setzen, dass die Chance in Deutschland vom Blitz getroffen zu werden bei lediglich ca. 1:20.000.000 liegt. Dennoch hält sich jeder bei Gewitter lieber drinnen auf…

Wenn man jedenfalls das alles so bedenkt, besteht in Deutschland meines Erachtens keine ausreichend gute Vertrauensgrundlage zwischen Patienten und Ärzteschaft, um die schwerwiegende Entscheidung einer Organspende ohne schwere Bedenken zu rechtfertigen.

Gruß,
Sax