Orient in deutscher Literatur 1200-1500
Hallo Moqui,
du sprichst die Zeit zwischen 1200 und 1500 an. In dieser Zeit macht das abendländische Orientbild - und dementsprechend auch die deutsche Literatur einen Wandel durch, der gekennzeichnet ist von zwei Polen: Dem antiken „Phantastischen Orient“ und der realpolitischen Auseinandersetzung nach 1453, nach der Eroberung Istanbuls durch die Türken.
Zum Phantastischen Orient: Stichwörter wie „Phantastischer Reichtum“, „Wilde Leidenschaftlichkeit“ und „fabelhafte Völker und Lebewesen“. All das geht auf die griechische Literatur zurück - Herodot, später Plinius, noch später Mandeville, und selbst bei Schedels Weltchronik Ende des 15. Jhd. finden sich Spuren davon.
Soweit ich mich an die Epen und Heldengeschichten erinnern kann, basieren die von dir genannten auch darauf.
Zur Kreuzzugsliteratur kann ich wenig sagen, schau doch mal in den Katalog der jüngsten Mainzer Ausstellung. Reiseberichte gehören dazu, doch selbst in Bernhard von Breydenbachs oft sehr realistischen Jerusalemreise (um 1485) sind Spuren der Fabelwesen zu finden (Einhorn in Reuwichs Illustrationen).
Ab 1453 wurde die antitürkische Propaganda auf Hochtouren gefahren, vor allem im italienischen und deutschen Sprachraum. Das neue Medium Buchdruck half dabei. Wusstest du zum Beispiel, dass das älteste erhalten gebliebene Buch eine antitürkische Kampfschrift ist. In den folgenden Jahrzehnten ist die deutsche Literatur voll davon.
Doch schon bald hatte man die antitürkischen Phrasen satt, sie waren entlarvt als kirchliche und regierungspolitische Propaganda - bei Hans Rosenplüt beispielsweise (das muss um 1480 sein) laden die erstarkten Nürnberger Bürger den „Großtürken“ ein, um endlich Ordnung zu schaffen in den durch Macht und Religion zugrunde gerichteten Lande. (Interessant übrigens, dass ein ähnliches Motiv schon lange vorher in Mandevilles Ägyptenreise auftaucht!)
Soweit einige Hauptlinien der deutschen Orientliteratur.
Eine interessante Zwischenposition nimmt Hans Schiltberger ein, der einen Bericht über eigene Erfahrungen schreibt. 1396 [erschlag mich nicht, wenn das Datum nicht genau stimmt] in türkische Gefangenschaft geraten, dann 33 Jahre dort in verschiedenen Diensten; sein Buch erschien noch vor dem Stimmungsumschwung von 1453, was ihm einen besonderen Stellenwert gibt. Es sind eigene Erfahrungen, er ist Chronist, scheint aber auch Dinge zu schreiben, die er nicht erfahren hat, zum Teil fasst er Orientreiseliteratur zusammen, zum Teil finden wir bei ihm Sagen, wenn ich ich richtig entsinne sind darin auch Reste des antiken „Phantastischen Orients“ zu finden.
Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung, und wenn deine Arbeit fertig und gut ist, würde mich eine Kopie davon interessieren.
Bernhard