Orient in der ÄdL

Hallo an alle Experten!

Ich habe das Vorhaben meine Diplomarbeit im Bereich der Älteren Deutschen Literatur zu schreiben und zwar zum Thema Orient.

Leider hab ich noch keine konkreten Ideen dazu, bzw kenne noch nicht alle Werke, in denen Orient vorkommt. Welche ich schon kenne: Parzival, Salman und Morolf, Herzog Ernst. Kann mir jemand weitere nennen?

Wie könnte ich vorgehen bei der Strukuturierung meiner Arbeit?

Danke fürs Lesen, LG Moqui

Mir fällt noch das Rolandslied des Pfaffen Konrad ein. Und die französische Vorlage dazu.

Zeitliche Eingrenzung
Hallo,

es gibt eine Menge Literatur - sinnvoll wäre, wenn du deine Zeit genauer eingrenzt.

Bernhard

Ich meine hauptsächlich die Zeit von ca 1200 - 1500.

Orient in deutscher Literatur 1200-1500
Hallo Moqui,

du sprichst die Zeit zwischen 1200 und 1500 an. In dieser Zeit macht das abendländische Orientbild - und dementsprechend auch die deutsche Literatur einen Wandel durch, der gekennzeichnet ist von zwei Polen: Dem antiken „Phantastischen Orient“ und der realpolitischen Auseinandersetzung nach 1453, nach der Eroberung Istanbuls durch die Türken.

Zum Phantastischen Orient: Stichwörter wie „Phantastischer Reichtum“, „Wilde Leidenschaftlichkeit“ und „fabelhafte Völker und Lebewesen“. All das geht auf die griechische Literatur zurück - Herodot, später Plinius, noch später Mandeville, und selbst bei Schedels Weltchronik Ende des 15. Jhd. finden sich Spuren davon.

Soweit ich mich an die Epen und Heldengeschichten erinnern kann, basieren die von dir genannten auch darauf.

Zur Kreuzzugsliteratur kann ich wenig sagen, schau doch mal in den Katalog der jüngsten Mainzer Ausstellung. Reiseberichte gehören dazu, doch selbst in Bernhard von Breydenbachs oft sehr realistischen Jerusalemreise (um 1485) sind Spuren der Fabelwesen zu finden (Einhorn in Reuwichs Illustrationen).

Ab 1453 wurde die antitürkische Propaganda auf Hochtouren gefahren, vor allem im italienischen und deutschen Sprachraum. Das neue Medium Buchdruck half dabei. Wusstest du zum Beispiel, dass das älteste erhalten gebliebene Buch eine antitürkische Kampfschrift ist. In den folgenden Jahrzehnten ist die deutsche Literatur voll davon.

Doch schon bald hatte man die antitürkischen Phrasen satt, sie waren entlarvt als kirchliche und regierungspolitische Propaganda - bei Hans Rosenplüt beispielsweise (das muss um 1480 sein) laden die erstarkten Nürnberger Bürger den „Großtürken“ ein, um endlich Ordnung zu schaffen in den durch Macht und Religion zugrunde gerichteten Lande. (Interessant übrigens, dass ein ähnliches Motiv schon lange vorher in Mandevilles Ägyptenreise auftaucht!)

Soweit einige Hauptlinien der deutschen Orientliteratur.

Eine interessante Zwischenposition nimmt Hans Schiltberger ein, der einen Bericht über eigene Erfahrungen schreibt. 1396 [erschlag mich nicht, wenn das Datum nicht genau stimmt] in türkische Gefangenschaft geraten, dann 33 Jahre dort in verschiedenen Diensten; sein Buch erschien noch vor dem Stimmungsumschwung von 1453, was ihm einen besonderen Stellenwert gibt. Es sind eigene Erfahrungen, er ist Chronist, scheint aber auch Dinge zu schreiben, die er nicht erfahren hat, zum Teil fasst er Orientreiseliteratur zusammen, zum Teil finden wir bei ihm Sagen, wenn ich ich richtig entsinne sind darin auch Reste des antiken „Phantastischen Orients“ zu finden.

Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung, und wenn deine Arbeit fertig und gut ist, würde mich eine Kopie davon interessieren.

Bernhard

Vielen Dank Bernhard!

Du hast mir da erstmal sehr weitergeholfen. Muss mich jetzt erst mal genau entscheiden auf welchen Aspekt ich mich konkret beziehen will. Die Arbeit wird sicher noch eine Weile dauern (1 Jahr ca), wenn du daran Interesse hast, lass ich sie dir dann aber gerne zukommen!

LG Moqui

hallo moqui,

ich habe zwar leider nix zur beantwortung deiner frage beigetragen, habe aber trotzdem starkes interesse an dem thema.
könntest du sie mir eventuell auch zukommen lassen?

es wünscht viel erfolg & dankt schon mal
ann

Natürlich, wenn du genug Geduld hast? :wink:

LG Moqui

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Experts,

hier noch ein zeitgenössischer Zeuge über das ganze Orientalische in der ÄdL (ich habe das im Internet gefunden, weiss aber nicht mehr wo, sorry):

Also ZITAT:
Es ist nicht ohne Ironie, daß gerade Petrarca (* 20.7. 1304, + 18.7. 1374) , dessen eigene Gedichte die Erbschaft der poetischen Traditionen der nach dem arabischen Vorbild entwickelten Landessprachen (z.B. in der Provence) nutzten, schlimmste Vorurteile vertrat. So schrieb Petrarca an einen Freund, er möge auf keinen Fall den Arabern, d.h. der arabischen Dichtung irgenwelche Beachtung schenken, da er diese Rasse hassen würde…

Er kenne jene arabischen Poeten, die er für verweichlicht, entnervend und obszön hielt… „So kann man mir kaum glaubwürdig machen, daß irgendetwas Gutes von den Arabern gekommen sei… und nach den Arabern wird es nicht länger erlaubt sein, irgend etwas zu schreiben…"

Anmerkung:
Dabei wäre dieser bei uns so hochgelobte Jammerlappen besser beraten gewesen, wenn er sich mehr um den tatsächlichen Einfluss der Orients auf die gesamte abendländische Kultur(Stichwort Spanien)und den Humanismus gekümmert hätte.

Eine interessante Arbeit zum Thema ist vielleicht auch: Juan Vernet: Die spanisch-arabische Kultur in Orient und Okzident, Artemis Verlag Zürich und München 1984, ISBN 3 7608 45266.

trpm

NACHTRAG zu meinem Orient-Posting
Hallo Moqui,

ich vergass zu erwähnen, dass viele unserer Standard-Geschichten eigentlich einen arabischen Ursprung haben, z.B.

  1. Andersen: Des Kaisers neue Kleider (arabische Quelle: „Was einem König mit den Gesellen passierte, die Tuch herstellen“)

  2. Shakespeare: Der widerspenstigen Zähmung (arabische Quelle: „Was einem Junggesellen passierte, der eine sehr starke und tapfere Frau heiratete“ - das Motiv taucht übrigens auch im „Rasenden Roland = Orlando furioso“ auf)

  3. Sogar Dante Alighieri hat für seine Göttliche Kommödie jede Menge arabische Quellen geplündet - von den Strafen im Inferno bis zu den verschiedenen Ebenen im Paradies-/Rosen-Vergleich.

Nicht zu vergessen „Tristan und Isolde“, „Die schöne Magelone“ und das Original von „1001 Nacht“ aus dem dann bei uns wildeste (nur angeblich orientalische) Hinzufügungen spudelten.

Ganz hart recherchiert kann man auch Hildebrandslied persische Quellen entdecken, bei El Cid die Schwertübergabe Mohameds an seinen Schwiegersohn Ali - und vom geheimnisvollen Licht aus dem Gralskelch steht schon etwas im Koran.

Das alles nur mal als erste Hinweise für deine Arbeit bzw. das Finden eines Themas. Weiter forschen mußt du schon selbst .

mfg
trpm