Orthographie Johnson+Kafka

Hallo liebe Literatur-Freunde,
ich habe gleich mal 2 Fragen:

  1. Gerade quäle ich mich durch Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“. Schnell fällt auf, dass sich der Text weder an die Regeln der Orthographie noch an die Regeln der Zeichensetzung hält. In anderen Texten von Johnson, in die ich stichpunktartig reinschaute, war das nicht so. Die Frage ist: Warum tut der Autor dem Leser das an? Schon inhaltlich sind die „Mutmaßungen“ recht schwere Kost. Die Willkür in der Zeichensetzung nimmt dann aber komplett das Lesevergnügen. Ist die Johnsonsche Zeichensetzung ein Ausdruck künstlerischer Freiheit?

  2. Ein anderes Problem mit Rechtschreibung und Zeichensetzung fand ich bei Kafka. Ich „leistete“ mir die absolute Spar-Variante seines Werkes von einem Verlag namens „Eurobuch“. Auch hier fehlen Kommas, manchmal Buchstaben… Mein Verdacht war, dass der Verlag ein bisschen geschlampt hat. Ein Freund erklärte mir dann, dass gerade bei Kafka die Zeichensetzung eine inhaltliche Funktion erhält, dass der „Sinn“ des Textes durch die spezielle Zeichensetzung eine neue inhaltliche Dimension erlangt. Ich halte das für stark überzogen.

Kann mich jemand trösten?

Kann mich jemand trösten?

Wieso trösten? Ich kann Dich höchstens ermutigen, Literatur verstehen zu wollen. Die Zeichensetzung ist ein sehr wertvolles Instrument im ganzen Sprachorchester und ist dann auch manchmal „kontrapunktisch“ und nicht wie Brei leicht verdaulich…
Gruß,
Anja

Also, bei Johnson war es pure Absicht. Er wollte, dass sich der Leser beim Lesen mindestens genausoviel Mühe gibt, wie er beim Schreiben. Daher hat er seine Texte möglichst „widerständig“ komponiert.
Die Zeichensetzung ist vermutlich seiner Anglophilie geschuldet. Wenn man bedenkt, dass der Text in der DDR geschrieben wurde, die gegen dieses Westvolk - aber auch gegen alle Maniriertheit des Stils - eine ganze Menge hatte, kann man es wohl auch als eine Form des Widerstands werten.
Ich hab mal in einer Johnson-Ausstellung einen Brief an einen seiner Freunde gesehen. Da hat er die letzten paar Zeilen mit einer Schreibmaschinensalve an Satzzeichen vollgetippt und den Leser aufgefordert, er möge das auf den Brief verteilen, wenn er unbedingt mehr Satzzeichen haben wolle.
Fest steht, dass Johnson ziemlich penibel war, wenn es um Ortographie und Interpunktion ging. Es gibt Berichte darüber, dass er auch mal seine Fernsehkritiken (gesammelt in „Der fünfte Kanal“) per Telefon diktiert hat. Da hat er wirklich jedes wegzulassende Komma und jede vom „Normalen“ abweichende Schreibweise mit angesagt.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die „Mutmassungen“ ihren vollen Zauber frühestens beim zweiten Lesen entfalten. Ist ein bisschen wie beim Wellensittichfutter, das so seviert wird, dass die Vögel sich das Essen erst „erarbeiten“ müssen. Falls dich das tröstet: Je mehr Arbeit du reinsteckst, desto besser wird dir der Schinken irgendwann gefallen :wink:

Hallo Anja und Petra,
vielen Dank für Aufmunterung und die Infos zu Johnson. Ich gebe noch noch ein Zitat mit auf den Weg, das ich in einer Leser-Rezension zu den Mutmaßungen bei amazon.de aufgeschnappt habe. Das trifft meine Meinung ganz gut:
„Es gibt auch anspruchsvolle Literatur, die lesbar ist“.

Liebe Grüße
Hope

Hallo Anja und Petra,
„Es gibt auch anspruchsvolle Literatur, die lesbar ist“.

das zitat liegt schon deswegen neben der spur, weil der ideale leser immmer nur ein imago des autors ist(sirin), der den text „weiter“-denkt:
damit gibt es keinen echten maßstab für anspruch und lesbarkeit. ich kenne genau zwei bücher aus dem avantgarde kanon, die ich nicht lesen kann, obwohl ich es seit jahren versuche, johnson gehört nicht dazu. die jahrestagen waren aber geil und ich fand sie auch recht leicht verdaulich, jakob taucht darin als reminiszens von gesine auf.
mfg astrachan

hallo.

zum ersten punkt kann ich leider nichts sagen, doch hoffe ich zu der zeichensetzung kafkas antwort geben zu können:

franz kafka laß seine verfassten texte gerne seinen schwestern und freunden vor, und als kleine hilfe zur richtigen betonung einzelner textpassagen und lesegeschwindigkeit, setzte er die kommata nur dort, wo sie für seine zwecke ihm nützlich erschienen.

versuche dir weitere texte kafkas „zu leisten“ und lese sie u.a. unter diesem aspekt. die eigensinnige bedeutung der setzung der satzzeichen wird dir stellenweise sicherlich für richtig erscheinen. ich empfehle „das schloss“. ist zugegeben kein leichtes buch, aber über welches seiner werke ist das schon zu behaupten. :wink:

viel freude beim lesen

marcel

Hallo Al,
zu Deinen Kafka-Ausführungen:
Interpunktion als Intonationshilfe leuchtet mir ein. Das gleiche Phänomen findet sich ja in der Lyrik auch recht häufig (Benn z.B.).
Kann man denn aber so weit gehen, einen veränderten Inhalt in Kafkas Erzählungen anzunehmen, wenn man seiner speziellen Inteprunktion folgt?

So wie ich dich jetzt verstanden habe, nicht.
Da bin ich ja mal echt beruhigt! :wink:

Liebe Grüße
Hope