woher nimmst Du die Vermutung, der Papst sei aus der Sicht der Catholica kein Mensch?
Selbst das viel und meistens falsch zitierte Dogma von seiner Unfehlbarkeit (wenn er ex cathedra spricht, und nur dann!) bezeichnet keine Freiheit von Sünde. Was ein Mensch (jeder) betreffend sein Verhältnis zur Sünde aus katholischer Sicht maximal erreichen kann, nämlich ein Heiliger zu sein, ist noch gar nicht so vielen Päpsten passiert.
Unabhängig davon ist die Gewissenserforschung nur dann Element einer gültigen Beichte, wenn sie jeweils alle Sünden seit der Taufe umfasst, derer sich der Beichtende erinnert (wobei man diejenigen, für die Absolution bereits erteilt worden ist, nicht jedesmal neu aufrollen muss). Bei Johannes Paul II dürfte es ähnlich sein wie bei vielen sehr alten Leuten, dass sich das innere Erleben der eignen Person stärker auf die Vergangenheit orientiert. Da kann ganz pragmatisch durchaus einiges wieder herauskommen, was vorher noch nicht auf dem Tisch war.
Martin hat Dir ja bereits eine gute Erklärung geliefert, eine kirchen-psychologische sozusagen.
Auf die Gefahr hin gewisse Forumsteilnehmer aufs Äusserste zu reizen und einige heftige Flames bezüglich der Erbsünde in meine Inbox zu spülen, möchte ich aber dennoch eine (rein) theologische Erklärung nachliefern.
Weniger weil Martins Aussage falsch ist, aber vielmehr weil ihr noch eine tiefere Grundlage vorausgeht.
[NB: Mir geht es hier nicht um Kirchenpolitik, Qualifizierung der Erbsünde oder ähnliches, nur um den Hintergrund…]
Seit dem Sündenfall ist der Mensch immer durch Sünde belastet. Das gilt für jeden, auch die Heiligen und den Papst. Ein Grund warum es im Confiteor [Ich weiss allerdings wo das nun im neuen Ordo Missae steht…] heisst: „quia peccavi nimis cogitatione, verbo et opere“ [Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken]. Nicht weil wir alle so furchtbar schlecht sind, aber weil wir nicht anders können,. ob wir uns dessen nun bewusst sind oder nicht.
Die Folge des Sündenfalls ist die unüberwindbare Bindung an die Materie. Im Menschen selbst und darin, dass er in ihr Leben muss. Der Tod ist schliesslich letzte Konsequenz dieser Bindung an die vergängliche Materie.
Die Materie und deren Versuchungen zu widerstehen ist die primäre Aufgabe des Glaubens. Die Annerkennung dieser Kondition (dass wir fehlbar und gänzlich unvollkommen sind) ist der wichtigste Schritt im katholischen Glauben (für die anderen nehme ich mir nicht aus zu sprechen) überhaupt, und um die Gnade zu bitten diese conditio zu überwinden, ist schliesslich nur eine Konsequenz.
Für einen kleinen Blick in hinter diese Ansicht und deren Stellenwert kann ich nur Augustinus’ Schriften gegen Pelagius (der die Erbsünde und die Notwendigkeit der Gnade ablehnt) empfehlen. [De gestis Pelagii oder De gratia Christi et de peccato originali]
Du siehst also, dass in dieser Theorie niemand von der Sünde [und sei es nur der Eitelkeit zu meinen man sündige nicht…] ausgenommen werden kann. Auch nicht der Papst (vielleicht sogar, besonders er nicht). Meistens zeichnen sich die Heiligen sowieso durch eine heftige Sündenphase aus, bevor sie sich be-kehren. [Augustinus, schon wieder…]
Die ursprüngliche Gnade der Taufe muss auch der Papst mithilfe der Sakramente, wie der Beichte beispielsweise, erneuern.