Papst Pius X

Hallo - ich weiß nicht, ob ich mit meiner Frage hier reinpasse …

In einer Zeitungsrubrik zu Geschehnissen vor 100 Jahren las ich:

  1. Juni 1905:

„Papst Pius X. erlaubt den italienischen Katholiken die Beteiligung am öffentlichen Leben.“

Wie ist das zu verstehen? Kann mir das jemand erklären, weiß da jemand was dazu?

Besten Dank

Rosi

‚Katholische Aktion‘ in Italien
Hallo Rosi,

  • ich weiß nicht, ob ich mit meiner Frage hier reinpasse

Wo sonst?

  1. Juni 1905:
    „Papst Pius X. erlaubt den italienischen Katholiken die
    Beteiligung am öffentlichen Leben.“

Wikipedia formuliert es so:
19. Juni - Papst Pius X. erlaubt den italienischen Katholiken zu politisieren. (http://de.wikipedia.org/wiki/1905)

Ich vermute, dass das Datum nicht ganz korrekt wiedergegeben ist. Da unter dem 19. Juni 1905 kein besonderes Ereignis in Bezug auf Pius X. zu finden ist schätze ich, dass es um die Enzyklika „Il fermo proposito“ geht, die am 11. Juni 1905 unterzeichnet wurde (oft werden päpstliche Dokumente erst mit ein paar Tagen Verzögerung veröffentlicht).

Dazu habe ich folgendes gefunden:

Er förderte die Katholische Aktion als Laienbewegung unter geistlicher Führung und lockerte das Verbot der Teilnahme von Laien an der Politik.
Quelle: http://www.bautz.de/bbkl/p/pius_x.shtml

Für das politische Leben Italiens wichtig ist die Einschränkung des Non expedit durch die Pfingstenzyklika an die italienischen Bischöfe „Il fermo proposito“ 1905 (11. Juni).
„Gewichtige Gründe“, heißt es da, “halten uns davon ab, von jener Norm abzuweichen, die uns von unseren Vorgängern Pius IX. und Leo XIII. überkommen ist, wonach in Italien im allgemeinen die Teilnahme an den Wahlen zum Parlament verboten ist. Jedoch aus anderen, ebenso schwerwiegenden Gründen, wenn es sich um das höchste Wohl der Gesellschaft handelt, die auf alle Falle gerettet werden muß, kann es zugelassen werden, daß in einzelnen Fallen von dem Gesetz dispensiert werde, namentlich wenn ihr erkennt, daß das Heil der Seelen und die höchsten Interessen eurer Kirchen dabei auf dem Spiele stehen und ihr um Dispensation einkommt.“

Quelle: http://www.museosanpiox.it/international+ger+seppelt…

Der volle Text der Enzyklika (in Englisch) ist auf der Homepage des Vatikan veröffentlicht:
http://www.vatican.va/holy_father/pius_x/encyclicals…

Im Kontext des gesamten Pontifikats von Pius X. darf man sich das durchaus nicht als Öffnung der Kirche vorstellen, im Gegenteil. Pius X. war extrem konservativ und vertrat im Modernismusstreit (http://de.wikipedia.org/wiki/Modernismus) die rigorosesten Positionen. Ihm ging es darum, dass sich die katholischen Laien nicht politischer Positionen enthielten (wie dies die Päpste vor ihm gefordert hatten), sondern im Gegenteil auf politischer Ebene für die Interessen der Kirche eintreten sollten.

Grüße
Wolfgang

Hallo,

mal sehen, ob ich es noch zusammenbekomme…

Also in der 2. Hälfte des 19. Jahrehunderts entstand in Italien eine Nationalbewegung. Es gab damals ja keinen italienischen Staat, der größte Teil des Landes unterstand irgendwelchen Habsburgern entweder direkt als Teil Österreiches (Lombardei, Venetien) oder als eigenständiger Staat (Neapel u.a.). Und es gab den Kirchenstaat, der einen großen Teil Mittelitaliens mit Rom umfaßte.
Mit merh oder minder massiver Hilfe und Duldung Frankreichs wurden die einzelnen Teile nach 1850 in den verschiedensten Kriegen durch die Italiener erobert. Zuletzt fiel 1870 der Kirchenstaat. Eigentlich war es mehr oder weniger so, daß am Ende ohne Unterstützung von außen die letzten Söldner des Heiligen Vaters einfach wegliefen. Ro, wurde zur Hauptstadt Italiens.
Dabei wurden die Gebäude des Papstes nicht angetastet. aber der heilige Vater war über den Kleu seines Staates maßlos empört und beschloß erstens, sich für unfehlbar zu erklären und zweitens, den italienischen Staat einfach zu negieren. Er verbot den Katholiker sie Anerkennung der italienischen Behörden und die Teilhabe am öffentlichen Lenen - wenn auch recht erfolglos.
Und aus leuter Wut drehte er sich um und sprach für die nächsten Jahrzehnte den traditionellen Segen Urbi et Orbi nicht mehr Richtung Petersplatz sondern nach hinten raus aus einem Fenster, das den vatikanischen Gärten zugewand war.
Zudem wurden ausländische Diplomaten, die bei der italienischen regierung akkreditiert waren, vom Vatikan nicht anerkannt- Ausländische Staaten hatten also teilweise in Ro, 2 vertretungen - eine bei er italienischen regierung und eine beim Vatikan.

Unter dem Druck der Realität (Der Staat Italien existierte schließlich und paktisch mußten die italienischen Katholiken das ja mehr oder weniger anerkennen), fiel das Verbot 1905.
Endgültig beendete aber erst Mussolini den Streit 1929. Seine faschistische Regierung brauchte dringend so etwas wie eine internationale Anerkennung - und der Heilige Stuhl tat ihr den gefallen und schloß ein Kordortat ab, in dem der Vatikanstaat in seiner heutigen Form festgeschrieben wurde.
Na ja — für ein paar Hektar Land vergißt halt auch die Kirche mal schnell ihre Heiligkeit und schließt einen Pakt mit dem Teufel.

Gernot Geyer

Hallo !

Damit war die Politik gemeint.

Hier ein Ausschnitt aus der Propyläen Weltgeschichte :

Dennoch gab es Beschwerden, Klagen und immer
wieder enttäuschte Hoffnungen in Hülle und Fülle:
ein wahrer Krebsschaden, der sich in den Staatskörper
einfraß. Schon vor dem Kriege war das liberale parla-
mentarische System in den Augen der Bevölkerung
weitgehend in Mißkredit geraten. Um zur Stabilisie-
rung der politischen Verhältnisse beizutragen. erlaubte der konservative Papst Pius X. den Katholi-
ken nach 1903 aktivere Teilnahme an der Politik, und
dennoch hielten gesellschaftliche Funktionsstörungen
weiter an. Der grelle, prunkhaft-heroische Nationalis-
mus, den des Poeten d’Annunzio jugendliche Gefolg-
schaft zur Schau trug, war ein Protest gegen das Be-
rechnende, Bürgerlich-Pedantische in der Politik, zu-
gleich aber auch ein psychologisches Gegengewicht
gegen die deprimierende Wirkung, die von der Bedeu-
tungslosigkeit Italiens auf der internationalen Bühne
und dem Scheitern seiner imperialistischen Versuche
ausging. Zu guter Letzt verschaffte aber der Tripolis-
Krieg von 1911 dem nationalen Ehrgeiz eine gewisse
Genugtuung, ohne freilich die sozialen Spannungen
im Lande zu lösen. Dann entschloß sich die Regie-
rung 1912 zur Einführung des allgemeinen Wahl-
rechts - genau in dem Jahr, in dem die Sozialisten
dem liberalen politischen System ihre grundsätzliche
Opposition ansagten. Von neuem flammten Streiks
und Unruhen auf, diesmal geschürt von Benito Mus-
solini, Chefredakteur der sozialistischen Zeitung
Avanti. Trotz diesen schweren Belastungsproben hielt
die italienische Gesellschaft noch zusammen, ja, sie
brachte sogar einen mächtigen kulturellen Auf-
schwung hervor. Als Europa in den Krieg zog, stan-
den die Italiener - zynisch, uneinig und bei alledem
innerlich aufgewühlt - beiseite und versuchten, sich den Kurs auszurechnen, den ihnen die Rücksicht auf
den eigenen Vorteil für die Zukunft vorzeichnen
könnte.
Propyläen-Weltgeschichte: Henry Cord Meyer: Das Zeitalter des Imperialismus. Propyläen-Weltgeschichte, S. 13557 (vgl. PWG Bd. 9, S. 54 ff.) © Ullstein Verlag]

mfgConrad

Ich danke …

… allen für die umfangreichen Antworten.

Beste Grüße

Rosi