Paranoia

Hallo, Psychologen,

ich habe schon ein paar Textbücher gewälzt, von denen die meisten sagen, so etwas wie die Paranoia - ein zusammenhängendes Wahnsystem bei ansonsten „funktionierenden“ Personen - gäbe es gar nicht. Was ist dann aber von so etwas zu halten?

Ein Mensch - sehr freundlich, nicht übermäßig gebildet, nur mit dem absoluten Minimum versehen, das unser Bildungssystem zulässt (ob’s eine Rolle spielt?) - hat in den 15 Jahren, in denen ich ihn kenne, immer wieder wechselnde Ideen und „Projekte“, die zunächst mal nur absurd sind, aber keinem weh tun. So wie eine Hohlwelttheorie. Jedes Jahr kommt was neues.

Diese Ideen nehmen aber an Agressivität zu und haben immer mehr Elemente von Verschwörungen an sich. Da war die Megavitamintheorie (Dr. Rath, oder wie der Mann hieß; es glauben ja einige daran). An der Megavitamintheorie war das wichtigste, dass die Pharmaindustrie die Wahrheit vor der Menschheit im Eigeninteresse verbirgt: Wo käme sie hin, die Pharmaindustrie, wenn wir alle gesund würden?

Und seit den letzten paar Jahren wird es mir unheimlich: Es geht um ein Weltkartell, verantwortlich für den Kosovo-Krieg, Waffentests, etc. Er schreibt auch Bücher darüber. Zu Anfang war ich so blöd und habe eines von denen (angefangen) korrekturzulesen. Ich monierte die wissenschaftliche Schlampigkeit, nicht auffindbare Quellen und was halt in Büchern dieses Schlages immer zu bemängeln ist.

Dann gab es sogar eine Anklage wegen Volksverhetzung oder wie das heißt, und langsam kommt Antisemitismus dazu (es wird ignoriert, wenn ich sage, dass meine Oma auch Jüdin war, einfach ignoriert - die Ausfälle gehen weiter, als hätte ich nichts gesagt). Die Empfindlichkeit steigt, Bekanntschaften werden aufgegeben, die Theorien werden immer feindseliger.

Wo wird das enden? Ist so etwas selten? Diskutieren hat ja keinen Sinn - aber wie fasst man einen solchen Menschen an? Ich begegne ihm nun einmal immer wieder. Und das Komische: Wenn von etwas anderem die Rede ist, dann ist das der selbe nette Mensch von früher.

Danke und Gruß, Claudia

Hallo Claudia

… Textbücher gewälzt, von denen die

meisten sagen, so etwas wie die Paranoia - ein
zusammenhängendes Wahnsystem bei ansonsten „funktionierenden“
Personen - gäbe es gar nicht.

Das ist richtig und falsch zugleich. (Ja, sowas gibt es.:wink:)

Wir unterscheiden einerseits einen sogenannten isolierten Wahn (wie z:b. Paranoia bei Koksern oder Eifersuchtswahn bei Alkoholkranken)von andererseits Psychotikern mit massiven Ich-Einbrüchen, bei denen die gesamte Persönlichkeit schwer erkankt ist, z.B. bei schizophrenen Psychosen. Gegen so einen Schizophrenen mit formalen und inhaltlichen Denkstörungen und Halluzinationen (wie Stimmenhören) ist natürlich einer mit „isoliertem Wahn“ ein verhältbnismäßig gut funktionierender Mitmensch.

Auf der anderen Seite kann man eigentlich immer davon ausgehen, dass auch ein „isoliertes Wahnsystem“ den ganzen Charakter, also die ganze Persönlichkeit mitbetrifft. Man könnte überspitzt sagen: An dem Wahn hängt die entsprechende Persönlichkeit dran. So findest Du bei einem Wahnkranken meist ein schwerst gestörtes Selbstwertgefühl. Das ICH muss sich da narzißtisch introvertiert mit massiven Phantasien (auch zuweilen Größenphantasien) aufrecht halten und selbst versorgen. Ein aufwendiges und anstrengendes Energie-Modell.

Es grüßt Dich
Branden

Hallo Claudia,

ich habe schon ein paar Textbücher gewälzt, von denen die
meisten sagen, so etwas wie die Paranoia - ein
zusammenhängendes Wahnsystem bei ansonsten „funktionierenden“
Personen - gäbe es gar nicht.

zusammenhängende komplexe Wahnsysteme kommen typischerweise bei der Schizophrenie vor. Die Krankheit kann aber nur diagnostiziert werden, wenn Leidensdruck und / oder klinisch relevante Einschränkungen in Beruf und sozialer Interaktion durch die Symptome bestehen. Daher ist zumindest denkbar, daß Menschen mit komplexen Wahnsystemen, die gut in ein soziales Umfeld integriert sind, existieren. Bei ihnen würde man dann lege artis keine Schizophrenie diagnostizieren. Ich erinnere mich daran, daß mein damaliger Professor für Klinische Psychologie einen solchen Fall einmal in einem Schizophrenie-Seminar erwähnt hatte.

Grüße,

Oliver Walter

Wo wird das enden? Ist so etwas selten? Diskutieren hat ja
keinen Sinn - aber wie fasst man einen solchen Menschen an?
Ich begegne ihm nun einmal immer wieder. Und das Komische:
Wenn von etwas anderem die Rede ist, dann ist das der selbe
nette Mensch von früher.

frag ihn mal woher er diese gedanken hat? hat es ihm ‚jemand‘ gesagt? hat er probleme mit seiner umwelt/seinem leben?
wie gut kennst du ihn? wenn gut, würde ich versuchen ihm beizubringen, dass du seine vorstellungen für nicht real hälst und ihm mal beibringen, dass er vl nen psychotherapeuten aufsuchen sollte… in dem moment wo er mit diesen vorstellungen beschäftigt ist, wird er dir sicherlich nicht recht geben nein - aber so wie du ihn beschreibst wird darüber vl nachdenken mmn

es KANN sein dass er irgendjemanden für einen potentiellen täter hält und diesem weh tut - zumindestens hab ich die erfahrung gemacht
heißt jetzt aber bitte nicht dass ich ihn als gewaltbereit und gefährlich darstellen möchte - sicherlich nicht.

liebe grüße

Hallo!

frag ihn mal woher er diese gedanken hat? hat es ihm ‚jemand‘
gesagt? hat er probleme mit seiner umwelt/seinem leben?

Er sucht m. E. selbst nach neuen Dingen, um sich damit zu beschäftigen. Neue aufregende Theorien durchlaufen irgendwie keinen Filter, auße vielleicht den, aufregend zu sein.

wie gut kennst du ihn? wenn gut, würde ich versuchen ihm
beizubringen, dass du seine vorstellungen für nicht real hälst
und ihm mal beibringen, dass er vl nen psychotherapeuten
aufsuchen sollte…

Habe ich. Es scheint ja ganz logisch! Aber irgendwie kommt das gar nicht durch, was ich sage. Wahrscheinlich hält er mich für eine Art Popanz der Wissenschaft, der sich nur deshalb mit Wissen vollstopfen konnte, weil er sonst so hohl ist - also bar jeder Erkenntnisfähigkeit. So zumindest interpretiere ich die Äußerung, es sei bedauerlich, dass „… ein intelligenter Mensch nicht hören wolle“.

in dem moment wo er mit diesen
vorstellungen beschäftigt ist, wird er dir sicherlich nicht
recht geben nein - aber so wie du ihn beschreibst wird darüber
vl nachdenken mmn

Wenn ich meinen Bezugsrahmen verlassen kann und in meiner Argumentation ohne sachliche Begriffe bleibe, könnte es sein, dass er darüber nachdenkt.

es KANN sein dass er irgendjemanden für einen potentiellen
täter hält und diesem weh tut - zumindestens hab ich die
erfahrung gemacht

Mir?

heißt jetzt aber bitte nicht dass ich ihn als gewaltbereit und
gefährlich darstellen möchte - sicherlich nicht.

Er ist ungefähr so agressiv wie ein Sofakissen. Vielleicht ist diese Machtlosigkeit das Problem.

liebe grüße

Danke und Gruß, Claudia

Hallo Claudia,

ich habe schon ein paar Textbücher gewälzt, von denen die
meisten sagen, so etwas wie die Paranoia - ein
zusammenhängendes Wahnsystem bei ansonsten „funktionierenden“
Personen - gäbe es gar nicht.

zusammenhängende komplexe Wahnsysteme kommen typischerweise
bei der Schizophrenie vor. Die Krankheit kann aber nur
diagnostiziert werden, wenn Leidensdruck und / oder klinisch
relevante Einschränkungen in Beruf und sozialer Interaktion
durch die Symptome bestehen. Daher ist zumindest denkbar, daß
Menschen mit komplexen Wahnsystemen, die gut in ein soziales
Umfeld integriert sind, existieren. Bei ihnen würde man dann
lege artis keine Schizophrenie diagnostizieren.

Grüße,

Oliver Walter

Hallo, Oliver,

kann denn ein solcher Zustand über Jahre stabil bleiben, oder kommt es unweigerlich zu einem Zusammenbruch? (Wenn es denn eine Form von Schizophrenie sein sollte…)

Soziale Einschränkungen sind ja schon da - außer es macht einem nichts aus, dass die Leute sich schon fürchten, ein Gespräch mit einem zu beginnen.

Gruß, Claudia

Hallo, Branden!

Das ist richtig und falsch zugleich. (Ja, sowas gibt es.:wink:)

Das glaube ich gerne, dass es so etwas gibt.

So findest Du bei einem Wahnkranken meist
ein schwerst gestörtes Selbstwertgefühl. Das ICH muss sich da
narzißtisch introvertiert mit massiven Phantasien (auch
zuweilen Größenphantasien) aufrecht halten und selbst
versorgen. Ein aufwendiges und anstrengendes Energie-Modell.

Mit solchen Schlussfolgerungen über meine Mitmenschen bin ich jetzt vorsichtig, da mir schon vor langer Zeit klargemacht wurde, Chemiker sein und einen tollen dicken Popo haben sei nicht für jeden das Erstrebenswerteste der Welt. Warum soll er sich also nicht in der Form wohlfühlen, in die er sich gegossen hat? Gefühlsmäßig kann ich mir aber schon vorstellen, dass er sich klein vorkommt, und darum möchte ich auch nicht verletzend reagieren in der Art von: „Jetzt hör’ aber mal auf mit deinem Sch…“

Aber wie sieht eine brauchbare Reaktion aus, wenn er wieder so ein Gespräch von den Machenschaften des jüdisch-kapitalistisch-marxistischen Weltkartells vom Zaun bricht? Ich dachte schon daran, 2 Handys in der Tasche zu tragen, um mit dem einen das andere klingeln zu lassen…

Es grüßt Dich
Branden

Danke und auch Gruß,
Claudia

Hallo, Claudia,

kann denn ein solcher Zustand über Jahre stabil bleiben, oder
kommt es unweigerlich zu einem Zusammenbruch?

unweigerlich kommt es nicht zu einem Zusammenbruch. Es kann jedoch geschehen, daß es irgendwann zu beträchtlichen Einschränkungen kommt, so daß z.B. ein Arzt aufgesucht wird.

Soziale Einschränkungen sind ja schon da

Hmhm. Es müßte einen Anlaß geben, daß ein Arzt oder Psychologe aufgesucht wird. Dann kann geschaut werden, ob die von Dir beobachteten Auffälligkeiten tatsächlich die Diagnose einer psychischen Störung, ggf. Schizophrenie, rechtfertigen. Es könnte sich natürlich auch herausstellen, daß weder eine Schizophrenie noch irgend eine andere psychische Störung vorliegt.

  • außer es macht
    einem nichts aus, dass die Leute sich schon fürchten, ein
    Gespräch mit einem zu beginnen.

In diesem Fall wären trotzdem Einschränkungen vorhanden.

Grüße,

Oliver Walter

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