Paranoia

Liebe Wissenden,

seit ich denken kann, leiden mein Bruder und ich unter der Herrschsucht unserer Mutter. Nun habe ich in einem psychologischen Lexikon alle Merkmale ihres Verhaltens als Neuroseform Paranoa erkannt. Ein Satz lautet abschließend: „Der paranoide Mensch ist ein Energiefresser für die mitlebenden Angehörigen.“ Das war alles zum „Behandlungsansatz“.

Mir ist das zu resignierend. Muss es wirklich heißen: Totaler Kontaktabbruch? Aber es ist doch unsere Mutter. Gleichzeitig ist ihr Verhalten kaum mehr erträglich, zumal inzwischen eine Extrembeeinflussung unserer Kinder durch sie erfolgt.

Was meint ihr: Gibt es „Tricks & Kniffe“?

Fragende Grüße
Jana

Liebe Jana,

wenn dieser Satz

„Der paranoide Mensch ist ein Energiefresser für die
mitlebenden Angehörigen.“

in dem Lexikon steht und Paranoia als Neurose bezeichnet wird, dann taugt das Lexikon definitiv nichts. Das Problem mit psychologischer Literatur, besonders mit derjenigen über psychische Störungen ist, daß man oft versucht ist, das Gelesene auf seine Mitmenschen zu übertragen. Wenn man es trotzdem tut, schadet es meistens mehr, als das es nützt. So einfach ist die Sache nämlich nicht, als daß man das so ohne weiteres könnte.

Was Dein eigentliches Problem mit Deiner Mutter angeht: Haben Dein Bruder und Du schon einmal darüber nachgedacht, in eine Familienberatungsstelle zu gehen?

Beste Grüße,

Oliver Walter
Diplom-Psychologe, Kiel

Hallo,

wenn ich kurz mit Nachreichen einer Definition assistieren darf,

Paranoia ist die schleichende Entwicklung eines unerschütterlichen Wahnsystems durch krankhafte Verarbeitung der Lebensereignisse bei völliger Besonnenheit und sonstiger Ungestörtheit,

soll heissen, wichtig ist, das es einen wahnhafte Verkennung der Realität gibt, das diese nicht durch Argumente, Sinneseindrücke oder was auch immer zu erschüttern ist und dass es keine vorübergehende, sondern eine dauerhafte Störung ist.

Es handelt sich dabei um eine Psychose.

Gruß

Tahere

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Hallo Jana,

das Problem von Lexika ist immer die starke Verkürzung und Komprimierung des vermittelten Wissens. Schwieriger wird es umso mehr, wenn es sich um ein Fachlexikon handelt, das Fremdworte und Begriffe verwendet, die den Laien nicht bekannt sind. Abgesehen davon enthält das von Dir beschriebene Zitat bereits einen eklatanten Fehler (Paranoide Symptome können nicht als Form der Neurose bezeichnet werden). Umso schwieriger ist dann natürlich die richtige Interpretation des Gelesenen. Eine konkrete Anwendung - wie z.B. die von Dir versuchte „Diagnose“ - kann damit leider gar nicht möglich werden.

Besonders der Bereich der Psychodiagnostik ist ein Fachgebiet, das ausschließlich den Experten (Psychologen, Psychiatern) überlassen bleiben sollte. Dies liegt daran, dass eine große Erfahrung und ein breites Wissen zu den jeweiligen Störungen notwendig ist; ein Lexikonartikel oder das simple Abgleichen von angeblichen Symptomen mit Diagnosekriterien wie die gebräuchlichen ICD oder DSM-Kriterien reicht hierbei bei weitem nicht aus, da die in der Fachsprache verwendeten Begriffe für den Laien oftmals mit anderen Inhalten in Verbindung gebracht werden, als beabsichtigt.

Hinsichtlich der Schwierigkeiten in Deiner Familie sind sicherlich lokale Hilfsangebote sinnvoller als die hier nur allgemein mögliche Frage nach „Tips und Tricks“. Wie Oliver unten schon beschrieb, können Familienberatungsstellen hier eine gute Adresse sein, bei schwerwiegenderen Problemen der sozialpsychiatrische Dienst, der auch weitere Alternativen angeben kann.

Viele Grüße

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Hallo Oliver,

Das Problem mit
psychologischer Literatur, besonders mit derjenigen über
psychische Störungen ist, daß man oft versucht ist, das
Gelesene auf seine Mitmenschen zu übertragen. Wenn man es
trotzdem tut, schadet es meistens mehr, als das es nützt. So
einfach ist die Sache nämlich nicht, als daß man das so ohne
weiteres könnte.

Tja, ich versuche wahrscheinlich vor allem, der „Sache“ einen Namen zu geben.

Was Dein eigentliches Problem mit Deiner Mutter angeht: Haben
Dein Bruder und Du schon einmal darüber nachgedacht, in eine
Familienberatungsstelle zu gehen?

Ich war schon einmal in psychotherapeutischer Behandlung. Der Therapeut damals riet mir dann, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, den Kontakt zu meiner Mutter vollkommen und radikal abzubrechen. Das lehnte ich aber ab (die Sache mit dem Blut und dem Wasser…). Inzwischen aber stehe ich kurz davor und brauche wohl für mich selber Fakten, die als Begründung herhalten. Und als ich das gelesen hatte in diesem Lexikon, da schwante mir, dass es keinen anderen Ausweg geben wird ;-(

Vielen Dank für Deine Mühe
Jana

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