Partner depressiv. Darf er alles?

Liebe Experten!

Ich bin grad so sauer und fühle mich so hilflos, dass ich einfach mal ‚mit jemandem reden muss‘ und irgendwie Rat brauche.

Ich bin mit meinem Freund seit Anfang des Jahres zusammen. Er kann ein ganz wunderbarer, bezaubernder Mensch sein, und in vielerlei Hinsicht ist es sehr schön mit ihm.

Allerdings ist er mitten in einer Depression. Für viele Dinge und Verhaltensweisen habe ich Verständnis, weil ich selber seit einigen Jahren (auch schwere) Depressionen habe. Im letzten Jahr konnte ich aber sehr viel überwinden und bin insofern „weiter“ als er.

Aber manchmal reicht mein Verständnis dann doch nicht aus.

Heut nacht ist er (wie schon öfter) wieder aufs Sofa ausgewandert, weil er nicht schlafen konnte, is ja okay. Aber er muss dann in der Nacht irgendwann nach Hause gefahren sein: Er war weg, seine Sachen auch, aber kein Zettel, keine sms, nichts. Er schreibt sonst sehr viele sms oder legt mir zumindest mal 'n Zettel hin.
Das hat mich einigermaßen wütend gemacht und verletzt.

Dann kam eine sms, dass er mir ein tolles Wochenende wünscht mit meinem Besuch und wir nach dem Wochenende telefonieren können.
Und das macht mich irgendwie richtig wütend:
Dass er nicht mit mir redet! Dass er einfach abhaut! Dass er einfach entscheidet, dass wir am WE nicht miteinander reden, ohne mir das zu erklären oder mich auch mal um Verständnis zu bitten, dass es für ihn nicht geht. Und dass er sich dann hinter so netten Wünschen versteckt wie „ganz tolles Wochenende euch“! Das find ich dann so scheinheilig.
Er weiß, dass wir über alles reden können und ich für die verrücktesten Verhaltensweisen Verständnis hatte.

Es verletzt mich einfach, wenn ich so abserviert werde, und dann auch noch mit so scheinheilig-freundlichen Worten!

Am liebsten würde ich ihm seine Klamotten hinterherschicken. Oder muss ich gerade jetzt zu ihm stehen? Ich denke, dass es ihm momentan sehr schlecht geht. Aber was ist denn mit mir? Ich hab das Gefühl, dass ich immer die Starke sein muss, weil ich ja meine Depressionen überwunden habe.

Was soll ich denn jetzt tun? Ich bin so verletzt!

Danke schonmal für eure Ratschläge.

LiebeGrüßeChrisTine

Hallo ChrisTine,

nein, er darf nicht alles. Warum sollte er auch? Nur, weil er krank ist?

Ich denke, es ist völlig normal, sich in einer Partnerschaft auch mal eine Weile über Holperstrecken zu (er-)tragen und dabei manches in Kauf zu nehmen, was nicht so leicht zu kauen ist.

Aber: Wenn sich das zu einer neverending story auswächst, kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich - wie bei jeder Krise - selbst fragen dürfen muss, ob man auf diese Weise weiterleben möchte und kann.

Meist kommt einem dabei das eigene schlechte Gewissen in die Quere, und gerade bei psychischen Problemen sparen die betroffenen Partner häufig auch nicht mit Vorwürfen und Schuldzuschreibungen. Doch was wäre das denn auf Dauer für eine Partnerschaft? Von Gleichwertigkeit wäre irgendwann wohl keine Rede mehr.

Und so, wie auch du es beschreibst, wäre einer immer der „Starke“, während der andere der „Hilfebedürftige“ bleibt - eine Konstellation, die nach meiner Überzeugung früher oder später überall hin, aber nicht zu einer glücklichen Beziehung führt.

Deshalb mein Tipp: Zieh deine Grenze. Du musst ihm ja vielleicht nicht gleich den Koffer vor die Tür stellen, aber ihm nachdrücklich klarmachen, dass sein Verhalten eure Beziehung gefährdet. Welche Konsequenzen letzten Endes daraus erwachsen können, kannst nur du selbst beurteilen. Ein schlechtes Gewissen oder auch das Gefühl von „jemandem etwas schuldig sein“ wären jedenfalls keine gute Grundlage für eine Beziehung.

Schöne Grüße,
Jule

Arme ChrisTine, ich wünsche Dir ganz viel Kraft und Geduld und Muße, um Deine Entscheidungen zu treffen. Und ein sehr schönes Wochenende!

PS: Hast Du eigentlich einen Friseurin-Supertipps-Blog?

Hallo Christine,

als das ein oder andere mal selbst Betroffene, kann ich Dir sagen: nein, es geht ja nicht darum, alles zu dürfen. Aber das weißt Du sicher selbst.

Er ist aber nicht so weit wie Du, die evtl. schon manch eine Depression erfolgreich bestanden hat.

Vielleicht wird Dir gerade auch „nur“ bewusst, wie schwer es für Außenstehende ist, die Depression eines Partners zu erleben. Da zählt dann ja nicht wirklich was andere, als die eigene Depression…

Selbst weiß ich, dass ich mit den Depri-Phasen meines Partners sehr viel schwerer umgehen kann als mit meinen eigenen depressiven Phasen. Er darf nicht alles, sicher. Sag ihm das. Zeig ihm das. UND sag und zeig ihm, dass Du ihn liebst.

Das löst sicher nicht alles, aber es könnte ein Ansatz sein. Wenn ich depressiv bin, dann ist das letzte, was ich brauche, eine Beziehungsdiskussion im weitesten Sinne. Ich brauche jemanden, der mir sagt „hey, ich lieb Dich, auch wenn Du Dich nicht gut fühlst“.

Ich könnt auch manchmal nachts einfach abhauen… das ist Scheiße, ja. Das weiß ich. Und das weiß er sicher auch. Er möchte aber irgendetwas verdeutlichen…

Ich komm mit den Depressionen meines Partners auch nicht klar. Fazit?

Hab Kraft und zeig sie ihm…

Viele Grüße
Aquilegia A.

Hallo Christine,

die Verhaltensweise, die dein Partner da an den Tag legt, inwiefern hat die mit der Depression zu tun bzw. ist dadurch hervorgerufen?

Allerdings ist er mitten in einer Depression.

War er das schon seit eurem Kennenlernen oder ging es ihm auch mal besser in der gemeinsamen Zeit?

Heut nacht ist er (wie schon öfter) wieder aufs Sofa ausgewandert, weil er nicht schlafen konnte, is ja
okay.

Wenn er nicht schlafen kann, sagt er dann am nächsten Morgen oder wenn er aufsteht, warum das so war?

Dann kam eine sms, dass er mir ein tolles Wochenende wünscht mit meinem Besuch und wir nach
dem Wochenende telefonieren können.

Ist nur Spekulation, aber war der Besuch vielleicht zu viel für ihn in der derzeitigen Phase?

Und dass er sich dann hinter so netten Wünschen versteckt wie „ganz tolles
Wochenende euch“! Das find ich dann so scheinheilig.

Naja, schreiben kann man viel, wie es im Gegensatz dazu in einem aussieht, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.
Wieder Spekulation, vielleicht wollte er Platz machen und einem unbeschwerten Wochenende nicht im Weg stehen.

Es verletzt mich einfach, wenn ich so abserviert werde, und dann auch noch mit so scheinheilig-
freundlichen Worten!

Das scheint mir eher der Knackpunkt zu sein als die Depression.

Am liebsten würde ich ihm seine Klamotten hinterherschicken.
Oder muss ich gerade jetzt zu ihm stehen?

Müssen tust du gar nichts.

Ich denke, dass es ihm momentan sehr schlecht geht.

Denkst oder weißt du?

Aber was ist denn mit mir? Ich hab das Gefühl, dass ich immer die Starke sein muss, weil
ich ja meine Depressionen überwunden habe.

Warum sollst du ihm nicht auch deine Schwächen zeigen und deine Grenzen?
Verlangt er, dass du stark bist oder du für dich?

Was soll ich denn jetzt tun? Ich bin so verletzt!

Da wage ich nicht, einen Vorschlag zu machen. Aber dass du verletzt bist, sollte er, denk ich, wissen.

Grüße
Miriam