Freier Wille vs. Kausalität
Hi Patrick.
Insofern kann die Psychologie keine Naturwissenschaft sein.
Wenn ich einen Reiz appliziere und z.B. eine Hirnwelle als direkte Reaktion auf diesen Reiz aufzeichnen kann, dann habe ich eine direkte Beobachtung des Verarbeitungsprozesses.
Mir ist klar, dass mentale Prozesse physiologische Reaktionen nach sich ziehen bzw. mit physiologischen Prozessen parallel gehen. Hat nicht Eccles nachgewiesen, dass das Mentale dem Physiologischen vorausgeht? Er und Popper sagten: Das Gehirn gehört dem Ich, nicht umgekehrt.
Was du beschreibst, sind in meinen Augen physiologische Ereignisse, die auf mentale schließen lassen. Das sind aber zwei unterschiedliche Kategorien: das Physiologische ist messbar, ist also naturwissenschaftlichen Methoden zugänglich, das Mentale aber ist nicht messbar. Es ist nur per „Introspektion“ erfahrbar (der klassische Begriff aus dem 19. Jhd.).
Das Mentale zeigt sich also in Gestalt der Qualia – und die sind Messgeräten nicht zugänglich: die Rotwahrnehmung ist ein subjektives Phänomen, während die Frequenzen der entsprechenden Lichtwellen objektiv mess- und quantifizierbar sind.
Rotwahrnehmung und Frequenzen sind aber sehr, sehr unterschiedliche Dinge. Zwischen beidem liegt ein Abgrund. Nämlich der Abgrund zwischen Geist und Natur.
Wie will man mit Messungen z.B. den Effekt von Kunstwerken erklären? Das geht nicht. Naturwissenschaften aber erheben den Anspruch, Ereignisse zu erklären, indem der kausale Kontext analysiert wird. Wenn du aber jemandem eine Beethoven-Sonate präsentierst und dabei seine Gehirnaktivitäten, seine Hormonwerte, seine Hautfeuchtigkeit usw. misst, dann gelangst du in keinster Weise zu einer Erklärung der Faszination, die das Kunstwerk ggf. auf den Probanden ausübt.
Und zwar deswegen, weil hier Ereignisse stattfinden, die über das „Natürliche“ hinausgehen und damit über den Rahmen der Naturwissenschaften.
In den Naturwissenschaften gilt das Kausalitätsprinzip (allerdings nur aufgeweicht in der Quantenphysik). Wie aber ist dieses Prinzip auf eine Wissenschaft wie die Psychologie übertragbar, die weitgehend vom Prinzip des freien Willens ausgeht?
Die Annahme eines „freien Willens“ ist eine Voraussetzung für das soziale Miteinander. Er bedeutet u.a. auch Verantwortlichkeit für das eigene Handeln. Im Rechtswesen wäre man komplett aufgeschmissen, wenn es plötzlich hieße: „Die Psychologie hat eindeutig festgestellt, dass es keinen freien Willen gibt. Alle psychischen Prozesse sind kausal determiniert.“
Das wäre doch das Ende unserer Kultur. Jedenfalls unserer geistigen.
Du kennst vielleicht folgenden, frei nachgestalteten Witz:
Angeklagter:
„Ich bin nicht schuldig, Herr Richter, denn ich bin vollständig von kausalen Faktoren determiniert. Ich bitte also um Gnade.“
Richter:
„Und ich verdonnere Sie zu lebenslang, denn dazu zwingen mich die kausalen Faktoren, die mich determinieren.“
Soll heißen: wie kann Psychologie eine Naturwissenschaft sein, wenn diese auf dem Kausalitätsprinzip basiert, während die Psychologie zumindest axiomatisch das Prinzip des freien Willens voraussetzt?
Gruß
Horst