Liebe Sylvia,
zuerst einmal: wie auch immer die „besonderen Umstände“ sein mögen, ich finde es mutig von dir, dass du dich da wenn auch zunächst nur allgemein einmischt. Und: Bestätigen kann ich, dass es mit der Moral der Lehrer in der Pausenaufsicht nicht zum Besten steht. Das liegt an dem verdammt harten Lehreralltag ebensoehr wie an der Tatsache, dass die Lehrer nur allzu genau wissen, dass ihnen wegen ein paar versäumten Pausenaufsichten niemand an den Karren pinkelt. Es liegt teilweise auch daran, dass die Lehrer kaum mehr Machtmittel haben als du und sich dann denken: was solls eh? Selbst die Lehrer, die körperlich korrekt anwesend sind auf dem Pausenhof, kriegen nicht
mit was da läuft auf dem Pausenhof - geschweige denn auf dem Klo oder in deeinen oder anderen Winkel.
Du hast viele Handlungsmöglichkeiten, die sich alle auf der Skala zwischen extremer Tapferkeit einerseits (Beschwerde bei der Schulaufsicht unter Zuhilfenahme von Öffentlichkeit und REchtsanwalt) und Resignation andrerseits bewegen…
Es kommt sehr darauf an, was du willst: willst du, dass es deinem Kind möglichst gut geht? Willst du weniger Frust bei den Aufsichten erleben? Willst du bestimmte Verbesserungen für die Kinder in dieser Schule erreichen? Je nach deinem konkreten Ziel werden bestimmte Strategien empfehlenswert sein.
Vielleicht willst du mit eher geringem Aufwand die ärgsten Auswüchse wenigstens ansatzweise bekämpfen, schon um dein Gefühl der Hilflosigkeit loszuwerden? Dann empfehle ich folgende Strategie:
- Mit denjenigen Lehrern (informell) verbünden, die die Pausenaufsicht ernst nehmen.
- Nach aller Möglichkeit auch die Kontakte zu den Eltern, die nicht allles einfach schlucken, warmhalten.
- Und dann mit Hilfe dieses Netzwerkes bei einem besonders krassen Fall ein Exempel statuieren.
- Wichtig dabei: Genau Buch führen: wer hat wann was gemacht, gesagt, getan? Wenn die Leute merken, dass irgendwo gerichtsrelevante Fakten effektiv festgehalten werden, reagiert der intelligentere Teil von ihnen eher vorsichtig - und das hat einen erheblichen Einfluss auf den weniger intelligenten Teil.
- Trotzdem immer locker bleiben und allen gegenüber indirekt deutlich machen: Wenn mein protest wirkt, prima, wenn nicht, ists eh alles eure eigne Kacke.
- Nette kleine, notfalls anonyme Brieflein an den Dezernenten beim Regierungspräsidenten schicken: In der Schule xy hat an den und den Tagen die Frau soundso die Aufsicht soundso gehandhabt. Zeugen waren die und die. Die Schulleitung meinte dazu dasunddas. Bis jetzt ist die Presse noch nicht informiert.
- Deine Frage klingt so, als ob diese besonderen Umstände etwas mit der besonderen Schutzbedürftigkeit deines Kindes zu tun hätten. Vielleicht möchtest du dann nicht ein Exempel statuieren, sondern rein positiv wirken, d. h. vielleicht in einer Hinsicht eine bestimmte Verbesserung bewirken. Beispiele: Meine Schwiegermutter hat jahrelang - einfach um fit zu bleiben und weils einfach ihre Passion war - in den Pausen mit einigen Schülern Kreistänze eingeübt. Ein Beispiel kenne ich auch, da hat jemand Beete und sogar ein Biotop angelegt mit Schülern in der Pause. Vielleicht gibts eine Nische, etwa die Schülerbücherei oder einen Schulsportverein oder der Religionslehrer samt Pfarrer, wo sich irgendetwas Kleines aufbauen lässt, damit wenigstens ein paar Schüler während einiger Pausen einen geschützten Raum erhalten.
Viel Mut und zugleich Pragmatismus wünscht dir
Juliane
unsere jüngere Tochter wurde Mitte September eingeschult.
Aufgrund besonderer Umstände, die hier nichts zur Sache tun,
bin ich bis auf weiteres in der großen Pause auf dem Schulhof.
Es handelt sich um eine sehr große Grund- und Hauptschule mit
mehreren Gebäuden und diversen nicht abgegrenzten, aber nicht
gegenseitig immer einsehbaren Schulhofbereichen. Für jeden
Bereich gibt es formal eine Pausenaufsicht. Die ersten und
zweiten Klassen sind theoretisch etwas für sich, was aber
nicht wirklich klappt. Sie werden oft von den großen bedrängt.
Meine Anwesenheit ist mit der Schulleitung und der
Klassenlehrerin so abgesprochen. Die Mitschüler meiner Tochter
kennen mich teilweise schon aus Kindergartenzeiten, wissen
aber, dass ich keine offizielle Aufsicht bin und daher bei
Problemen nicht unbedingt ihr Ansprechpartner. Ich schicke sie
daher auch konsequent zur jeweiligen Pausenaufsicht – sofern
eine anwesend ist…
Die Schule hat einen schlechten Ruf, am Elternabend 2 Wochen
nach Schuljahresbeginn fragten andere Eltern die
Schulleiterin, was sie gegen bestimmte Vorkommnisse
unternehmen werde. Sie wurden lapidar abgekanzelt mit dem
Hinweis auf eine ständig anwesende Aufsicht. Die Kinder würden
lediglich durch ein paar Büsche und weil sie eben kleiner sind
die Aufsicht manchmal nicht sehen und dann behaupten, es sei
niemand da gewesen.
Tatsächlich IST aber sehr oft (mindestens jeden 2. Tag) keiner
da. Ich werde fast jede Pause von Kindern wegen irgendwelcher
Problemchen angesprochen, davon suche ich dann
höchstpersönlich mehrmals pro Woche die Aufsicht – und finde
sie nicht. Besonders zwei Lehrerinnen sind meist nur auf dem
Plan anwesend. Eine davon ist schon etwas älter und wenig
motiviert, das ist seit Jahren bekannt. Ihre (erste) Klasse
wird schon vor dem Klingeln in den Hof geschickt, sie selbst
zieht sich ins Lehrerzimmer zurück, erscheint pro forma mal
kurz auf dem Hof und verschwindet mindestens 5 Minuten vor dem
Ende der Pause wieder. Dieses Spielchen läuft immer so.
Blöd für mich ist, dass ich aufgrund unserer besonderen
Umstände froh sein muss, dass ich in der Pause kommen darf,
andererseits bin ich sozusagen unfreiwillige „Spionin“, werde
natürlich von den Miteltern oft befragt, weil auch ab und zu
wirklich heftige Dinge vorkommen und einige Schüler der ersten
Klasse inzwischen richtig Angst haben. Die Klassenlehrerin ist
ganz jung, bemüht sich, wird aber insbesondere von der
erwähnten Lehrerin eher aufgemischt, und gegen die
Schulleiterin hat sie sowieso keine Chance – fürchten wir
Eltern.
Frage an Euch: Muss rechtlich immer eine Aufsicht anwesend
sein ? Oder muss man sich mit „lächerlichen“ (?) 5 Minuten
ohne einfach abfinden ? Wie gesagt, es kommt regelmäßig
vor…
Danke vorab für Eure Antworten !
Gruß, Sylvia