Perfektionismus krankhaft?

Hi,

ich bin zwar kein Fachmann auf dem Gebiet, aber ich kann Dir zumindestens schreiben, was mir passiert ist :

Ich war früher ein reiner Verstandsmensch (typisch Mann halt) und ziemlich kühl (aus Hamburg, da ist das in den Genen). Zusätzlich war ich genau so ein Perfektionist wie Dein Freund. Wenn ich z.B. eine Excel-Datei für meinen Chef erstellte, verwendete ich bestimmt zwei Stunden dafür, die Rahmen, Spaltenbreiten und so ganz exakt und „stimmig“ zu machen. Da kam ich nicht gegenan.

Anfang letzten Jahres hat mich ein schwerwiegendes Ereignis das erste Mal an den „Gefühlen“ getroffen und schwer erschüttert. Die Folge waren grosse Panik- und Angstattacken. Ich konnte garnicht mehr aufhören, über bestimmte utopische Ängste nachzudenken.
Mein Neurologe hat mir damals auf den Kopf zugesagt, dass ich so ein Perfektionist bin. Er hat gesagt, ich will alles unter Kontrolle haben und mich gegen alle Eventualitäten absichern. Das geht aber nicht.

Ich will Dir mit dieser Schilderung keine Angst machen. Insbesondere weiss ich nicht, ob er auch so ein „Verstandsmensch“ ist, oder ob er auch ungekünstelt Gefühle zeigen kann. Wenn er, wie ich, so vom Typ „The Brain“ ist, besteht zumindestens die theoretische Gefahr, dass da irgendwas ihn aus der Bahn wirft, was er mit Verstand nicht mehr lösen kann.

Mein Neurologe sagte auch mal :„Sie sind viel zu intelligent, Sie machen sich ständig Gedanken über das, was passiert ist. Jemand, der einfacher gestrickt wäre, würde da viel schneller vergessen können“

Gruss Hans-Jürgen
***

If things were perfect :wink:
Hallo, Lena!

Kurz und knapp: Ja, ich denke, dass Dein Freund den normalen Hang zum Perfektionismus, den manche Menschen eben besitzen, übertreibt. Ich lese aus Deiner Schilderung heraus, dass es nicht vorrangig darum geht, einen weitgehend guten Eindruck in der Schule oder bei Fremden zu hinterlassen. Er macht offenbar viele Dinge, die andere kaum oder gar nicht mitbekommen, die nur er wahrnimmt. Wenn man erkennen kann, dass ohne erkennbaren Sinn Dinge getan werden, die dem Betreffenden nicht einmal Spaß machen, darf man sich zumindest einmal wundern.

Der Perfektionismus Deines Freundes stellt sich mir auch als übersteigerter Zwang zu Ordnung und Systematik dar. Diese Haltung wird nach meinen Beobachtungen vor allem dann eingenommen, wenn eine Unsicherheit einen Menschen vermuten lässt, dass er ohne sein ausgeklügeltes System nicht mehr durchblicken oder versagen würde – zumindest im eigenen Empfinden. Dieses Verhalten ist, wie ich denke, eine Potenzierung des banalen Sicherheitsdenkens, das einen zum Beispiel veranlasst, Kleidung für den nächsten Morgen abends herauszulegen, um in der morgendlichen Trance keinen roten mit einem blauen Socken anzuziehen. Anscheinend tendiert der sich selbst zu Ordnung und System zwingende Perfektionist zu der Angst, in einem aus anderen Gründen nicht völlig wachen Zustand die Kontrolle zu verlieren. Als Grund für dieses Verhalten kommt für mich beispielsweise eine verzerrte Vorstellung einer Situation ohne (Selbst-)Kontrolle vor. Möglicherweise ist ein übersteigertes Kontroll- und Perfektionsstreben als Gegenreaktion auf eine Situation zu verstehen, in der Kontrolle und Ordnung komplett fehlten und die der Perfektionist als sehr unangenehm empfunden hat.

Konkret würde ich größtmögliche Gelassenheit, gepaart mit Wachsamkeit, empfehlen. An Deiner Stelle würde ich meine Beobachtungen mit einem guten Freund oder den Eltern Deines Freundes abgleichen, um schlicht sicher zu gehen, dass Du keinen Streit aufziehst, der nur auf Deiner ungewöhnlichen Wahrnehmung beruht. Wenn es keinen Vertrauten gibt, bleibt Dir wohl nur das direkte Gespräch. Wichtig ist: Keine Vorwürfe! Du willst ihm nichts an die Backe nähen, keine Gardinenpredigt. Vielleicht ist die Begründung für das Verhalten Deines Freundes einsichtiger und leichter ausgesprochen als Du denkst, wenn die Atmosphäre konstruktiv ist. Wenn nicht, ist immer noch Zeit, über professionelle Hilfe nachzudenken, sofern Dein Freund mit seinem Verhalten selbst unzufrieden ist und daran nichts ändern kann.

Alles Gute!
Christopher

Hallo Lena,
Ein zwanghafter Perfektionismus ist oft auch ein Bewältigungsversuch von sonst nicht erträglichen Ängsten: Wenn alles perfekt ist, braucht man sich nicht mehr zu fürchten - was sich bald als zusätzliches Problem herausstellt, denn es ist nie alles perfekt vorbereitet.

Ein zwanghafter Perfektionismus ist eine Form, keine Angst haben zu müssen, tatsächlich einmal einen Fehler zu machen.

Welche Angst das genau ist mußt du überlegen.

Liebe Grüße Manuela

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo,
bzgl. Unsicherheit & Perfektionismus haben andere schon einiges gesagt. Nur noch ein Bsp.: Mein Vater neigt dazu, seit er an Parkinson erkrankt ist. Für mich ist das ein Versuch möglichst alles „kalkulierbar“ zu halten, da man mit spontanen Problemen nur schlecht umgehen kann.
Das eigentliche weshalb ich antworte sind die 70 Liegestützen bereits am Morgen & sowieso schon perfekter Körper. „Perfekt“ ist subjektiv und Freundinnen sind meiner Erfahrung nach die schlechteste Addresse, wenn es darum geht eine objektive Beurteilung diesbzgl. zu bekommen. Ungeachtet dessen, ist kein Körper perfekt ohne das er regelmäßig gefordert/trainiert wird. Die Logik er bräuche ja nicht mehr zu trainieren, da ohnehin perfekt, entzieht sich mir daher.

Gruss
Enno

Hallo Manuela,

vielen Dank, Du hast genau das auf den Punkt gebracht, was ich mit vielen Worten in meinem Posting sagen wollte. Sternderl ist unterwegs…

Gruss Hans-Jürgen
***

Hallo Lena,
Ein zwanghafter Perfektionismus ist oft auch ein
Bewältigungsversuch von sonst nicht erträglichen Ängsten: Wenn
alles perfekt ist, braucht man sich nicht mehr zu fürchten -
was sich bald als zusätzliches Problem herausstellt, denn es
ist nie alles perfekt vorbereitet.

Ein zwanghafter Perfektionismus ist eine Form, keine Angst
haben zu müssen, tatsächlich einmal einen Fehler zu machen.

Welche Angst das genau ist mußt du überlegen.

Liebe Grüße Manuela

Hallo Hans-Jürgen,
Ich teile mein Wissen, und wenn ich damit auch noch helfen kann,gerne. Ich freu mich das dir mein posting gefallen hat, danke für den Stern.

Liebe Grüße Manuela

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hmm,

Mein Neurologe sagte auch mal :„Sie sind viel zu intelligent,
Sie machen sich ständig Gedanken über das, was passiert ist.
Jemand, der einfacher gestrickt wäre, würde da viel schneller
vergessen können“

bist Du Privatpatient ?

Gruss
Enno

Hallo Lena,

ich kenne ja keinerlei Umstände und vor allem nicht die Vergangenheit Deines Freundes, aber mir fällt spontan folgendes dazu ein:

Ich habe einfach das Gefühl, dass dieser Drang nach
Perfektionismus nicht nur mich nervt, sondern dass er sich mit
der Zeit selber total verrückt macht (in letzter Zeit auch
öfters Migräne hat).

  1. Die Migräne hat er vielleicht, weil Du ihn aus seinem Rythmus holst, dadurch, daß Du dauernd genervt bist über sein Verhalten

  2. Er hat seinen Weg gefunden, zumindest glaubt er das. Wenn er so überzieht hat er aber starke Selbstzweifel. Wenn Du hin dauernd kritisierst, verstärkst Du diese.

Mache ihm doch schmackhaft, was Du gerne mit der Zeit anfangen würdest. Vielleicht kannst Du ihm ja ein neues Selbstbewußtsein geben, das er bisher noch nicht kennt. Und nicht ungeduldig werden: Gut Ding will Weile haben.

Vielleicht habe ich ja hiermit ein paar Gedanken in Bewegung gesetzt, und wenn es nur Dein Widerspruch ist. Dann weißt Du wenigstens, womit Du Dich nicht identifizieren kannst.